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GESPRÄCHE

Björn Lahrmann im Gespräch mit Álex de la Iglesia

Zirkusclowns in der Ära Franco, die sich um die Liebe einer Trapezkünstlerin bis aufs Blut bekämpfen: Wüsste man nicht, dass es sich um den neuen Álex de la Iglesia handelt, wäre man wohl kaum überrascht. Nach dem eher untypischen THE OXFORD MURDERS kehrt der 1965 in Bilbao geborene Regisseur mit MAD CIRCUS zu seinen hysterisch-cartoonesken Wurzeln zurück und wurde dafür in Venedig prompt mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet. In Deutschland startet der Film am 8. Dezember. Bei der Berliner Vorpremiere im Rahmen des Festivals Around The World In 14 Films ergab sich die Gelegenheit für ein Gespräch über die historischen, privaten und filmischen Triebkräfte hinter seiner Arbeit.

Das Gespräch.

Álex de la Iglesia
Álex de la Iglesia

Im spanischen Kino gibt es eine lange Tradition, historische Stoffe in Form gewalttätiger Grotesken zu erzählen - man denke nur an Regisseure wie Luis Buñuel, Agustí Villaronga oder Guillermo del Toro. Mit MAD CIRCUS schlagen Sie in eine ähnliche Kerbe. Was reizt Sie an diesem Umgang mit Geschichte?
    Zunächst einmal ist das ursprünglich gar keine filmische Tradition. Das Makabre - das Lachen über traurige Dinge - ist tief in der spanischen Kultur verwurzelt. Man findet es in der Malerei, in der Literatur, das geht zurück bis Francisco de Quevedo. All diese Künstler empfanden die politische Lage ihrer Zeit als unerträglich. Humor war eine Möglichkeit, das Publikum damit zu konfrontieren: Wer über den Schrecken lacht, erkennt an, dass er auch das eigene Leben betrifft. Dieser Ansatz kam mir gelegen: Ich wollte einen politischen Film machen, aber auf gar keinen Fall einen politisch korrekten. Allerdings sind Filme über "schwierige" Themen, über den Krieg oder das Franco-Regime, in Spanien nach wie vor eine heikle Sachen. Davon will man nichts wissen. Die Leute sagten zu mir: Mach doch lieber was, das dich wirklich beschäftigt - was Lustiges mit viel Sex. In Spanien gelte ich in erster Linie als Komödienregisseur, und man erwartet automatisch, dass ich auch dabei bleibe. Aber sogar Humor kann faschistische Züge annehmen: Wer nicht über meine Witze lacht, ist gegen mich.

Ungefähr so wie die Clowns in Ihrem Film: Statt das Regime zu veralbern, werden sie selbst zu schießwütigen Diktatoren.
    Ja, so könnte man den Plot auch umschreiben. Gegen Anfang gibt es eine Szene, wo Sergio - der lustige Clown - beim Essen einen ekelerregenden Witz erzählt und Javier - der traurige Clown - sich weigert, darüber zu lachen. Als Sergio Javier daraufhin bedroht, benimmt er sich wie ein Diktator. Diktatoren zwingen Menschen aus einer Machtposition heraus, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Später im Film lassen Sie Franco dann auch persönlich auftreten, aber ganz anders, als man erwartet: Als freundlichen älteren Herrn. Warum haben Sie ihn so dargestellt und nicht anders?
    Ganz einfach: Franco hat immer die Rolle des netten Großvaters gespielt, das ist sein Mythos. Für die Bevölkerung war es nicht auszudenken, dass dieser Mann zu Bösem fähig ist, dass er lächelnd Todesurteile unterzeichnet. Der gefährlichste Irrtum über Diktatoren ist ja, sie für Monster zu halten: "Sie sind keine Menschen, also müssen wir uns nicht mit ihnen auseinandersetzen." Franco war aber ein Mensch wie du und ich, und was er getan hat, dazu ist jeder andere fähig. Ich will klarstellen, dass jeder Spanier am Franquismus beteiligt war. Dass wir über 40 Jahre lang zu diesem Mann Ja und Amen gesagt haben, ist unsere Schuld.

Die letzten Jahre der Franco-Ära haben Sie als Kind selbst miterlebt. Wie stark sind Ihre eigenen Erinnerungen in den Film eingeflossen?
    Sehr sogar. Der Film ist gewissermaßen aus meiner Kinderperspektive erzählt - historische Fakten oder mein jetziges Wissen über die damaligen Umstände bleiben außen vor. Ich würde auch nie sagen, dass dieser Film für mein Land spricht, das wäre anmaßend. Es ist eine ganz persönliche Verarbeitung meiner Erinnerungen an diese Zeit, die ich wie einen Albtraum empfunden habe. Als ich 8 Jahre alt war, wurde Regierungschef Luis Carrero Blanco ermordet. Die Hälfte der Bevölkerung jubelte und feierte, die andere Hälfte war entsetzt und hatte Angst. In der Schule wurde darüber nicht gesprochen, man schwieg, wie in einem Stummfilm. MAD CIRCUS ist mein Exorzismus dieser Jahre.

Darin ähneln Sie in gewisser Weise Ihrem Protagonisten, der seine Erinnerungen an den Krieg so lange unterdrückt, bis sie aus ihm herausexplodieren.
    Genau. Eigentlich ist er scheu und sanft, aber als er auf den lustigen Clown trifft, bringt das seine brutale Seite zum Vorschein. Javier und Sergio sind zwei Häften einer Persönlichkeit - und beide sind Teile von mir. Ihr Begehren für die Trapezartistin Natalia ist die Essenz des Films. Das Dilemma besteht darin, dass Natalia sich nicht mit einem von beiden zufrieden geben kann: Javier ist sexuell nicht aggressiv genug und kaum überlebensfähig - Sergio hingegen schon, aber nur, weil er vor Gewalt und Hässlichkeit nicht zurückschreckt. Eine Mischung aus beidem wäre perfekt, aber man schafft es einfach nicht, diese gegensätzlichen Wesenszüge zu vereinen.

Können Sie etwas zu Ihren filmischen Einflüssen sagen? Schon im Vorspann mischen Sie ja historische Fotos mit berühmten Horrormotiven, etwa aus den Monsterfilmen von Universal oder CANNIBAL HOLOCAUST.
    Der Vorspann ist sozusagen mein Manifest. Wenn ich als Kind abends ferngesehen habe, lief zuerst FRANKENSTEIN, dann die Nachrichten, dann ein Film der Marx Brothers. All diese Eindrücke habe ich aufgesaugt, ohne sie filtern zu können. Sie vermischen sich in meinem Kopf wie ein Milchshake. Lovestory, Komödie, Horror: Für mich ist das alles das Gleiche, verschiedene Perspektiven auf ein und dieselbe Sache. In meinen Filmen versuche ich, diese Perspektiven zu kombinieren. Wenn ich also am Anfang von MAD CIRCUS ein Foto von Lon Chaney als Wolfsmann neben ein Foto von ETA-Terroristen stelle, gebe ich dem Publikum schon einen Hinweis, worauf sie sich einstellen können. Es geht um Monster, die mich faszinieren und vor denen ich zugleich Angst habe.

Besonders schön fand ich die Gegenüberstellung von Ming, dem Bösewicht aus FLASH GORDON, und einem Priester.
    Das konnte ich mir nicht verkneifen. Immerhin habe ich an einer jesuitischen Universität Philosophie studiert.

Hat sich die Kirche zu MAD CIRCUS geäußert?
    Ach, die haben andere Sorgen, als sich meinen Film anzugucken.

Wer weiß, vor 20 Jahren wäre ein Clown, der im Priesterkostüm auf Unschuldige ballert, vielleicht an handfester Skandal gewesen.
    Heutzutage kann man doch niemanden mehr schocken. Statt sich aufzuregen, hält man lieber den Mund. Mich hat z.B. noch kein Mensch auf das "Tal der Gefallenen" (Anm.: das spanische Nationalmonument, wo das Finale des Films spielt) angesprochen. Niemand will wissen, was ich von diesem Denkmal mit seinem grotesken Kruzifix halte. Franco selbst hat es erbauen lassen, sein Sarg befindet sich noch heute darin, als wäre er ein Pharaoh. Dieses Thema ist absolut tabu, es liegt tief im spanischen Unterbewussten vergraben.

Und Sie sind der Höhlenforscher, der es ausgräbt?
    Ganz genau.

Vielen Dank für das Gespräch.




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