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MENSCHEN

Ein Abend mit UDO KIER
von Hasko Baumann

I WAS BORN A VAMPIRE. Udo Kier hat seinen 60. Geburtstag gefeiert, und endlich feiert auch die deutsche Boulevardpresse wie auch das deutsche Feuilleton einhellig mit. Endlich begreifen sie alle, daß der kölsche Jung Udo unser deutscher Weltstar ist - mit all jenen Qualitäten und Fehlern, die es braucht, um ein Star zu sein. Er ist eine Ikone, die unzerstörbar ihren Weg geht. Problemlos mäandert der Schauspieler zwischen Arthouse und Videopremiere, zwischen Lars von Trier und Horrorquark der untersten Kajüte. Viele Filmfans auf der ganzen Welt lieben ihn dafür, und auch Udo liebt sich dafür. Das ist in Ordnung. Er ist ein Star.

Am 15.10. ehrte die Akademie der Künste in Berlin den durchaus nicht einfachen Jubilar - laut Plan mit einem etwa neunzigminütigen Videoprogramm, einer Diskussionsrunde um das Thema "Warum ist das Böse so schön" mit u.a. Christoph Schlingensief und Wolfgang Joop. Joop hat allerdings abgesagt, zumindest wurde sein Name auf den Aushängen in der Akademie unkenntlich gemacht. Im Foyer konnte man sich erst einmal an den zauberhaften Filmplakaten ergötzen, die Kier-Kenner Uwe Huber eigens für diesen Abend aus München angekarrt hatte. HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT, SCHAMLOS, DIE GESCHICHTE DER O - das sind Kekse nach Omas Rezept, mit extra viel Schokolade. Für eine Mehrzahl der Akademie-Gäste allerdings eher verfaultes Aas; so konnte man es den verschreckten Gesichtern ablesen. Man hatte wohl bislang eher selten über den Rand des Fassbinder-Tellers hinausgeschaut.

Im Kino mußte man dann noch etwas warten, warten auf Udo. Ein kurzer Blick, den man durch das Auditorium schweifen läßt, reicht aus, um zu erkennen, daß hier keine Sau DIE INSEL DER BLUTIGEN PLANTAGE o.ä. auch nur aus der Ferne gesehen hat. Als Udo schließlich auftaucht, ist sofort Polen offen. Schon zünftig angeschickert, mit einem Glas Weißwein in der Hand, schwebt Kier ein, schön schwul und bester Laune. Er freut sich offenbar wirklich über die zahlreich erschienenen Gäste und betont, schon seit Tagen betrunken zu sein (über die Party in Kreuzberg in der vorigen Nacht erzählt man sich auch Schönes) und ist maßlos begeistert von seinem Helmut Lang-Anzug, der blau an seinem Körper schimmert. Schlingensief darf kurz gratulieren, dann wird die Bühne freigemacht für ein überaus wechselhaftes Programm, das da über die Leinwand flimmert.


Den Anfang macht Udos flottes Showreel, das ihn ausschließlich in seinen internationalen Erfolgen der letzten 15 Jahre zeigt, auf Musik geschnitten und durchaus wirkungsvoll; BREAKING THE WAVES, BLADE, MY OWN PRIVATE IDAHO und so weiter. Danach ein echtes Kleinod: Kiers Kurzfilm LAST TRIP TO HARRISBURG , in dem er als Mann und als Frau die Lippen bewegt zu von Fassbinder verlesenen Bibelzitaten. Ein alter Mann bringt ein Lamm um. Schräg ist gar kein Ausdruck. Musik übrigens von Helmut Zerlett. Weiter geht es mit einem eigens angefertigten Zusammenschnitt zum Thema "Udo Kier - The Villain is the Hero". Mal abgesehen davon, daß man an der Akademie der Künste leider ganz erhebliche Probleme damit zu haben scheint, einen Beamer korrekt einzustellen, ist diese Filmcollage aufs Peinlichste mißlungen. Zunächst einmal sind alle Clips in deutsch synchronisierter Form zu sehen, so daß man den notorischen Synchronmuffel Kier nicht ein einziges Mal zu hören bekommt, sondern mit ständig wechselnden Sprechern sehr wechselhafter Qualität zu kämpfen hat. Keine elegante Lösung für die Ehrung eines Schauspielers, der schließlich auch mit seiner Stimme arbeitet. Die Auswahl der teils viel zu langen Ausschnitte sagt auch nicht das Geringste über den Mimen aus. Neben unfaßbarem Müll mit Namen wie DOOMSDAYER und MEGGIDO: THE OMEGA CODE II stehen das Blutgekotze aus BLOOD FOR DRACULA und das Ausgepeitsche aus INSEL DER BLUTIGEN PLANTAGE sinnfrei herum und lösen zu Recht Unmut beim Publikum aus. Wie die Macher drauf kommen, Udos Talent fürs Dämonische manifestiere sich im Schlangengeschlitze von END OF DAYS, ist mir ebenso rätselhaft wie die Tatsache, daß in einigen Ausschnitten ganz andere Schauspieler dominieren als der Jubilar (Stephen Dorff in BLADE, Pinocchio in PINOCCHIO). Eine mehr als unglückliche Auswahl, dargeboten in ebenso unglücklicher Form. Ein Jammer.

Versöhnt wird man schließlich mit Graham Roses grandiosem Kurzfilm MRS MEITLEMEIHR, einem persönlichen Favoriten Udos, den er im Frühjahr auch schon bei Arte innerhalb seiner ("Durch die"-) Nacht mit Grayson Perry zum Besten gab. Udo stapft als Adolf Hitler in Frauenkleidern durch London und muß sich den Avancen eines verliebten Juden erwehren. Das erste Mal heute abend, daß man Udo Kier auch als Schauspieler wahrnehmen kann. Großer Auftritt, viel Applaus.

Sofort eilt Udo Kier auf die Bühne, mittlerweile schon richtig besoffen, und erfreut das Publikum mit Rufen nach "Wowi" und haltlosen Anekdoten, wobei jene über seine vaterlose Kindheit und den Tod, der ihn schon als Säugling bei der Bombardierung Kölns beinahe ereilte, gar nicht komisch sind, aber eine grandiose Überleitung ernöglichen: "Man kriegt sowas schon drinnen im Mutterbauch mit. Aber ich war ja schon draußen, und draußen ist auch die Diskussionsrunde."


Im Foyer wird dann schnell klar, daß mit Diskussion eh Essig ist. Udo trotzt den zunächst ehrbaren, dann enervierenden Versuchen Monika Funke Sterns, der Veranstaltung Sinn und Verstand zu geben, und begeistert sich am Publikum, daran, wie schön er mit 20 war und wie geil sein Helmut Lang-Anzug ist. Funke Stern, die als Filmemacherin heute abend mit einem unfaßbar mißlungenen Musikclip die Hosen runtergelassen hat, wirkt verunsichert. Magita Haberlandt versucht sich an einem Gag, geht aber baden. Alles gerät aus den Fugen, als Udo einfach drauflos lallt; Stern, Haberlandt und Schlingensief verlassen kichernd das Podium. Udo bekommt mehr Alkohol. Geiler Helmut Lang-Anzug. Die anderen kommen zurück, und als Funke Stern erneut um den "Das Böse"-Diskurs bittet, schreitet Schlingensief ein, der offensichtlich seinen alten Freund schützen will: "Laß doch Udo einfach erzählen. Er wird schließlich 60, nicht Du." Die folgenden Blicke zwischen Stern und Schlingensief sind an Eiseskälte nicht zu überbieten. Udo merkt's nicht und redet wild drauflos, "War ich schön", "Wo ist Wowi", "Geiler Anzug".

Das Publikum ist zu weiten Teilen irritiert und gibt sich ebenfalls dem Alkohol hin. Keiner geht, jeder erkennt, daß sich hier Großes abspielt. Schließlich lobt Udo seinen Freund Schlingensief als einen, den man hier in Deutschland braucht, der macht was er will, "denn ich mach auch was ich will". Im Gegenzug preist der ganz süß verlegene Aktionskünstler den Hollywood-Star, indem er sagt "Alle kommen sie zurück, Schweiger, Potente usw., keiner kriegt was hin, nur Du". Und das Schöne an diesen Lobpreisungen ist, daß sie beide so wahr sind. "Ich bin so global", deklariert Udo und verschnalzt seine Zunge dabei so wunderbar rechtsrheinisch, daß man sich in Köln-Nippes wähnt.

Eine Frau in Rot wagt sich nochmal an die Frage "Was ist denn nun so schön am Bösen", was die versammelte Belegschaft als "Mösen" mißversteht; Udo und Christoph hacken auf Bruno Ganz und dessen Untergang herum, daß es eine Freude ist; Udo wechselt die Stimmungslage in schwindelerregendem Tempo von schmusig ("Ich will mit Euch allen schlafen") zu herrisch ("Seid doch mal ruhig da hinten"). Die zusammenhanglosen Monologe sind kaum noch nachzuvollziehen, aber großartig in der besten Helmut Berger/Klaus Kinski-Tradition. Alles andere ist Staffage.


Schließlich bricht alles ab, Udo nimmt sein Glas, wir alle singen "Hoch soll er leben", und dann gratuliert ein jeder, den Udo läßt. Weder Nerds noch Kunstköpfe haben eine Chance, das Geburtstagskind unterschreibt hier nichts. Udo ist immer noch ganz gut drauf, aber seine Augen sind knallrot und der Gang wird unsicher. Er hat mir einmal in einem Ferngespräch sein globales Leben in wunderbaren Farben und mit beißendem Witz geschildert. Der erste und letzte Satz, den er heute abend zu mir sagt, lautet "Ich muß zur Toilette". Abgang. Vorhang.

Das ist in Ordnung. Wir alle sollten Udo Kier lieben. Er ist ein Star. Ein echter Star.

Filmographie.

2004
Surviving Christmas
Modigliani
Dracula 3000
One Point O
2003
Gate To Heaven
Dogville
Love Object
2002
Broken Cookies
Pigs Will Fly
Mrs Meitlemeihr
FearDotCom
2001
Double Deception
Auf Herz und Nieren
All The Queen's Men
Revelation
Invincible
The Last Minute
Die Gottesanbeterin
2000
Critical Mass
Doomsdayer
Just One Night
Red Letters
Dancer In The Dark
Shadow Of The Vampire
1999
End Of Days
Unter den Palmen
The Debtors
History Is Made At Night
Besat
1998
Immaculate Springs
Schuldig
Simon Says
The Last Call
Modern Vampires
Blade
Armageddon
1997
Die 120 Tage von Bottrop
Betty
Prince Valiant
The End Of Violence
1996
Lea
The Adventures Of Pinocchio
Breaking The Waves
Duke Of Groove
Barb Wire
United Trash
1995
Ausgestorben
Dog Daze
Paradise Framed
Nur über meine Leiche
Johnny Mnemonic
1994
Rotwang muß weg!
Ace Ventura: Pet Detective
1993
Plötzlich und unerwartet
Josh And S.A.M.
For Love Or Money
Even Cowgirls Get The Blues
1992
Terror 2000
Der Unbekannte Deserteur
1991
My Own Private Idaho
Europa
1989
100 Jahre Adolf Hitler
1988
Mutters Maske
Epidemic
1986
Die Schlacht der Idioten
Egomania
1985
Der Unbesiegbare
Die Einsteiger
1984
Hur und Heilig
The Last Trip To Harrisburg
1983
Pankow '95
Die Wilden Fünfziger
Insel der blutigen Plantage
1981
Lola
Docteur Jekyll Et Les Femmes
Lili Marleen
1980
Nárcisz Éés Psyché
Lulu
1979
Die Dritte Generation
1978
Krétakör
1977
Das Fünfte Gebot
Suspiria
1976
Spermula
Goldflocken
Exposé
1975
Histoire D'O
Der Letzte Schrei
1974
Blood For Dracula
1973
Flesh For Frankenstein
Pan
1972
Anilikes Amartoles
The Salzburg Connection
1971
Erotomaneis
1970
Proklisis
Hexen bis aufs Blut gequält
1969
La Stagione Dei Sensi
1968
Schamlos
1966
Road To St. Tropez



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