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MENSCHEN

CHARLES BRONSON @ Cannon
von Hasko Baumann

Ein Mann sieht Tod
Als Charles Bronson bei der Cannon Group unterschrieb, war das Ende seiner Schauspielkarriere besiegelt. Die sieben Jahre zwischen 1982 und 1989 haben den Charles Bronson, der in Europa mit SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD berühmt wurde und in Filmen wie DER AUS DEM REGEN KAM gespielt hatte, bald vergessen lassen; vergessen auch seine starken Auftritte in Filmen von Walter Hill oder Richard Fleischer, vergessen DIE GLORREICHEN SIEBEN. Bronson, der im Alter von 53 Jahren mit DEATH WISH (1974) zum Superstar geworden war, reduzierte sich bei Cannon auf eben jene Rolle, auf die des Selbstjustizlers Paul Kersey. Und selbst die Facetten Kerseys, die Zweifel, die Ambivalenz, ja die Verzweiflung dieses gebrochenen Mannes, verschwanden allesamt. Der Bronson der 80er war eine Tötungsmaschine, getrieben von Rache und Vergeltung, als gnadenloser brutaler Auslöscher noch brutalerer Drogendealer, Zuhälter und Vergewaltiger. Film um Film spielte sich Bronson weiter hinab Richtung Videothekenregal, als Schauspieler wurde er kaum noch wahrgenommen. BRONSON stand in großen Lettern auf den Plakaten, und darunter Charlie, mit immer größeren Waffen im Anschlag.

Exkurs: Die Cannon Group
Die Cannon Group, das waren die Israelis Menahem Golan und Yoram Globus, in der Filmwelt bald verschrien als die GoGo-Brothers. Sie gründeten Cannon 1979 und begriffen schon bald, daß sie Zugpferde brauchen würden. Doch ihre Stars hießen Chuck Norris, Michael Dudikoff und eben Charles Bronson; Cannon stand für hirnlose, meist ultrabrutale Action, die die Ambitionen der GoGos völlig an die Seite drängte. Ihre Versuche, mit Großproduktionen in Konkurrenz zu den großen Studios zu treten, gingen sämtlichst gewaltig in die Hose: MASTERS OF THE UNIVERSE bediente sich einer Spielzeugserie, die zum Zeitpunkt der Produktion schon seit Jahren nicht mehr populär war; SUPERMAN IV war nicht nur ein kommerzielles Desaster, sondern dazu noch ein fürchterlich mißlungener Film mit desinteressierten Stars, und JOURNEY TO THE CENTRE OF THE EARTH mußte am Set von DAS ALIEN AUS L.A. notdürftig fertiggestellt werden, nachdem schon Millionen sinnlos verpulvert worden waren. Ihr ehrgeizigstes Projekt, KING LEAR von Jean-Luc Godard, sollte mit Dustin Hoffman realisiert werden. Stolz auf ihren Coup, schaltete Cannon eine zweiseitige Variety-Anzeige mit einem Bild von Hoffman und der Zeile "Welcome to the Cannon Family". Hoffman verabschiedete sich daraufhin sofort aus dem Projekt.

Darüber vergißt man, daß Cannon sich an Filme wie BARFLY und Norman Mailers total unterschätzten TOUGH GUYS DON'T DANCE wagten. Roger Ebert betonte damals, daß kein anderes Studio der späten 80er einen solchen Mut bewies. Sie - und ihre Investoren - vertrauten offenbar darauf, daß die Norris- und Bronson-Produktionen immer ihr Geld machen würden. Als aber selbst Sylvester Stallones Verpflichtung OVER THE TOP floppte, wurde die Luft dünn für Cannon. Im Jahre 1989 war Schluß. Für Leute wie Norris oder Dudikoff hat sich nichts geändert - Charles Bronson hingegen erkannte zu spät, was Cannon für ihn bedeutet hatte.

Ich möchte an dieser Stelle einmal Rückschau auf diese Phase in Bronsons Arbeit werfen, schon allein, weil es dort einiges zu entdecken gibt.

DEATH WISH II (1982) / DER MANN OHNE GNADE
Noch 1980 hatte Bronson mit Jacqueline Bisset an seiner Seite den romantischen Abenteurer gegeben. CABOBLANCO ähnelte nicht nur phonetisch dem großen Vorbild CASABLANCA, sondern sollte Bronson wohl auch als eine Art neuzeitlichen Bogart etablieren, weg vom reinen Action- und Westernhelden hin zum alternden Charmeur. Doch keiner interessierte sich dafür; der Film floppte empfindlich, und Bronsons Versuch eines Imagewechsels wurde eher belächelt. Wie Trotzigkeit wirkte Bronsons Entscheidung, dem jugendfreien Liebesabenteuer die Fortsetzung seines größten Erfolges, DEATH WISH, folgen zu lassen. Wieder vereint mit Michael Winner, dem Regisseur des ersten Teils, der seither nicht eben mit Hits gesegnet war, gab Bronson erneut den Paul Kersey auf Vergewaltigerhatz - dieses Mal für Cannon.
DEATH WISH II ist - ich übertreibe hier nicht - eines der zynischsten und abartig brutalsten Gewaltspektakel, die jemals einem auch nur ansatzweise dem Mainstream verpflichteten Kino entsprungen sind. Für eine vollständig ungeschnittene Fassung muß man sich offensichtlich nach Griechenland oder Südamerika begeben. Seine zwei (!) exzessiv ausgespielten Vergewaltigungssequenzen werden eingesetzt wie die Sexszenen in einem Porno - die erste, in der Kerseys Haushälterin dran glauben muß, ist noch nicht einmal inhaltlich für den Verlauf des Films oder seine Figuren von Bedeutung. Kersey wird erst zum Rächer, als auch noch seine Tocher vergewaltigt wird und den Freitod wählt.
"Dieser Film wurde vom Profitgeiern gemacht, nicht von Filmemachern", konstatierte Leonard Maltin. DEATH WISH II war der Sargnagel in Bronsons Karriere. Von diesem (wenn auch lukrativen) Tiefpunkt aus konnte nichts kommen außer weiteren Cannon-Filmen.


DEATH WISH II

TEN TO MIDNIGHT (1983) / EIN MANN WIE DYNAMIT
J. Lee Thompson, Regisseur kleiner Klassiker wie CAPE FEAR und DIE SCHWARZE 13, sollte Charles Bronson durch seine Cannon-Jahre begleiten und damit auch seiner eigenen Karriere ein Grab schaufeln. Mit dem Thriller TEN TO MIDNIGHT begaben sich beide zusammen auf recht sleaziges Terrain. Ein total kaputter Serienkiller sticht reihenweise junge Frauen ab, am liebsten zeigt er sich dabei splitterfasernackt. Auf seinen Fersen ist Bronson als Cop Leo Kessler, der sich schon vorm Vorspann in einer kurzen Büroszene als knallharter Bulle schräg neben dem Gesetz outen darf. Dies geschieht allerdings nur mündlich während eines Telefongesprächs und wirkt daher ziemlich aufgesetzt. Es gibt einige solcher Momente, die offenbar die Nähe zu Bronsons angestammter Vigilante-Rolle Kersey herstellen sollen (der Trailer baut fast ausschließlich auf den Rache-Aspekt und tut so, als würde Kessler reihenweise Leute abknallen - er jagt aber nur einen Schizo).

Bronson spielt sich nicht gerade um Kopf und Kragen, aber er hat nun mal das, was einen echten Star ausmacht: Charisma. Und das kommt auch hier zum Einsatz, gewollt oder ungewollt. Der Film ist kompetent (und sehr suggestiv) gemacht, aber von viehischer Brutalität. Die Mordszenen, die allesamt die Ängste alleinstehender Frauen ausbeuten, sind drastisch und gipfeln in der blutigen Attacke des Killers auf ein Studentenwohnheim voller halbnackter Mädels. Die 16er Freigabe des Films in Deutschland ist ein ganz, ganz schlechter Scherz.

Zum Ende, und hier sind wir mitten in der humanity is for wimps-Phase der 80er, wird nochmal ganz deutlich darauf gepocht, daß geistesgestörten Verbrechern gefälligst nur eine Behandlung zukommen soll: Eine Revolverkugel im Direktkontakt mit der Hirnmasse. Früher kam man damit im Kino noch durch, heute, mit der nötigen Distanz, kann man das Ganze mit einem eher amüsierten Kopfschütteln betrachten. Für Bronson war's auf jeden Fall zehn vor 12.

Charles Bronson ging dann nochmal fremd und zeigte sich für die Columbia im Jahre 1984 als, Überraschung, eiskalter Rächer. THE EVIL THAT MEN DO hat einen schönen Titel, der deutsche Verleih traf es allerdings besser: "Der Liquidator" ist in Südamerika unterwegs und rächt einen ermordeten Freund. Der reichlich brutale Film (von J. Lee Thompson) hätte auch bei Cannon rauskommen können und bewegt sich nah am Bahnhofskino-Niveau.

DEATH WISH 3 (1985) / EIN MANN SIEHT ROT 3
Back to the roots, hieß es für Bronson und Michael Winner. Den großen Reibach versprach man sich bei Cannon mit diesem weiteren Abenteuer der Selbstjustiz-Ikone Paul Kersey. Während des Vorspanns ist Kersey, begleitet von Kaufhausfunk aus der Feder von Jimmy Page (!), auf dem Weg nach New York. Der alte Freund, den er in einem ganz vorzüglichen Viertel der Bronx besuchen will, ist aber leider soeben abgemurkst worden. Kersey kann nur noch den Tod feststellen und wird sofort von den Cops abgegriffen. Die Freude ist groß, denn der Polizeichef wird gespielt von Ed Lauter. Der will Kersey als Geheimwaffe in den Straßen der Bronx instrumentalisieren, um die Gangs mit eher unpolizeilichen Mitteln klein zu halten. Kersey, der im Knast erstmal einen Fettsack in die Gitterstäbe preßt, geht darauf ein und zieht in die Wohnung des Verblichenen, freundet sich mit Martin "Arbogast" Balsam, einem jüdischen Ehepaar und einem bekloppten Mexikaner, der mit Counsellor Troi verheiratet ist, an. Und jetzt festhalten: Um die Gangs (im fiesen 80er-Style gewandet) zu dezimieren, provoziert Kersey einfach ein paar Verbrechen. Man muß ja einen Grund haben, die Typen wegzupusten. Mein Favorit: Kersey kauft sich nachts ein Eis und latscht, einen Fotoapparat lässig über die Schulter geworfen, die Straße runter. Der "Giggler", ein flinker Latino, der immer unmotiviert vor sich hin keckert, frißt den Köder, schnappt die Knipse und rast los. Kersey läßt das Magnum (Eis) fallen, zieht die Magnum (Waffe) und bläst dem Kichermaxe von hinten den Rücken in Fetzen. Die Aktion wird von den Anwohnern mit Applaus und Gejohle quittiert.

DEATH WISH 3 ist richtiger, echter, purer Trash. Keine Sekunde langweilig, total absurd, mit nur minimalen Pausen zwischen den Gewaltszenen. Die obligatorische Vergewaltigung (dieses Mal muß Marina "Troi" Sirtis dran glauben) ist für Winner-Verhältnisse noch dezent. Gavin O'Herlihy (nie wieder gesehen) gibt als Gangboß geilstes Vollgas und wird mit einer Bazooka spektakulär in die ewigen Jagdgründe geschossen. Der Film gipfelt in einem fast halbstündigen Dauershowdown, eine Nummernrevue aus Schußwechseln und Explosionen (in der deutschen Fassung blieb fast nichts mehr davon übrig, DEATH WISH 3 ist einer der am heftigsten zensierten Filme der 80er). Die Locations sehen richtig dreckig und mies aus, und die Hauptfiguren sind alt und/oder total unhip. Ansonsten ist alles (unfreiwillig?) total überzogen und albern - so einen Film kann man nur lieben oder hassen. Obwohl finanziell noch einigermaßen einträglich, schlug DEATH WISH 3 für Charlie die Notausgangtür endgültig zu.


DEATH WISH 3

MURPHY'S LAW (1986) / MURPHYS GESETZ
"Don't fuck with Jack Murphy."
Für Bronsons besten Cannon-Film durfte Jack Lee Thompson wieder ran. Bronson gibt sich etwas mehr Mühe als sonst, da sein Cop Jack Murphy durchaus seine Ecken und Kanten hat. Murphy hängt an der Flasche, seit seine Frau (Playmate Angel Tompkins) ihn verlassen hat und in einer Absteige strippt. Schon morgens wird mit Schnaps gegurgelt, eins ist sofort klar: Der Typ riecht schlecht, hat Kopfschmerzen und miese Laune. Der Mann ist fertig. Sein Chef hält ihm Standpauken, die Kollegen hänseln ihn mit der Strip-Geschichte, und die Nächte verbringt er damit, seiner Ex nachzuspionieren. Als diese erschossen wird, hängt jemand Murphy den Mord an. Der ist sich sicher, daß die Mafia dahintersteckt, aber in Wirklichkeit ist es eine von ihm vor Jahren eingebuchtete Psychopathin, die ihm ans Leder will. Carrie Snodgress liefert hier eine wirklich beängstigend intensive Darstellung, die den Film auf Touren hält - die Frau läßt uns glauben, daß Murphy wirklich in Gefahr ist. Murphy muß, mit Handschellen an die Diebin Arabella gekettet, die Wahrheit hinter dem Komplott herausfinden. Kathleen Wilhoite spielt sich hier den Wolf mit einer Performance, die Karrieren in die eine oder andere Richtung entscheidet. Bei ihr war's eher die andere - als anstrengende Susan Lewis-Schwester Chloe tauchte sie erst bei EMERGENCY ROOM wieder auf.

MURPHY'S LAW ist zur Abwechslung ein richtiger Film: Gut gespielt, gute Action, spannend, mit einigen gelungenen Gags, die aus der Odd Couple-Situation entstehen, und einem schön dramatischen Finale, der die beiden Bedrohungen Mafia und Psychopathin zusammenführt. Hart, flott, gut. Nur die Annäherung zwischen der Kleinkriminellen Mitte 20 und dem versoffenen 65jährigen Murphy überspannt den Bogen der Glaubwürdigkeit bis zum letzten Faden.

Hätte Bronson diesen Film vor DEATH WISH 3 gemacht, hätte es durchaus noch Chancen gegeben für ihn, seine Karriere wieder in Gang zu bringen. MURPHY'S LAW erreichte zwar ordentliche Chartsplatzierungen und wurde zum Video-Hit, hat aber nichts geändert am Lauf der Dinge.


MURPHY'S LAW

ASSASSINATION (1987) / DER MORDANSCHLAG
Unter der Fuchtel von Peter Hunt, der sich dank ON HER MAJESTY'S SECRET SERVICE lebenslang als "James Bond-Regisseur" bezeichnen darf, spielt Bronson in einem ungewohnt zahmen Actionfilm ohne viel Action. Als Jay Gillion beschützt er die First Lady (gespielt von seiner First Lady Jill Ireland). Der Film ist schlecht inszeniert, hat für Frau Ireland häßliche Kostüme zu bieten und dümpelt zurückhaltend dahin bis auf eine werbewirksame Raketenwerfer-Szene und einen unerquicklichen Moment rund um eine Ladung Schrot im Gesicht. Der Rest ist noch weit unter Fernsehniveau angesiedelt und macht keine Freude. Außer der Überraschung, Bronson mal wieder auf etwas jugendfreierem Terrain zu sehen, nicht erwähnenswert und darüber hinaus ein totaler Flop.

DEATH WISH 4: THE CRACKDOWN (1987) / DAS WEISSE IM AUGE
Also zurück zu Paul Kersey. Was soll man machen? Cannon will Kohle. J. Lee Thompson löst Michael Winner ab und nimmt ein kleines bißchen Absurdität wieder raus. Der Film fängt mit einer üblen Überfall/Vergewaltigungsszene an, die von Kersey unterbrochen wird. "Who the fuck are you?" fragt einer der Maskierten. Die Antwort ist einfach. "Death."
Die Szene stellt sich als Alptraum heraus, in dem unter der Maske Kersey selber steckt. Die innere Zerrissenheit Kerseys wird aber nicht mehr aufgegriffen, stattdessen wird sofort die Tochter seiner neuen Lebensgefährtin (Kay Lenz) mittels Überdosis ins Jenseits befördert. Kersey zieht noch in derselben Nacht los und tut, was ein Vigilante tun muß. Alles wie immer, außer, daß Bronson mittlerweile satte 66 ist und noch mit der Magnum fuchtelt.

Auftritt John P. Ryan. Der große, verehrte Overactor (IT'S ALIVE) übt sich in Zurückhaltung, als er sich als Millionär vorstellt, der seine Tochter auf ähnliche Weise verloren hat und nun die Drogenbosse der Stadt auslöschen will. Das soll Kersey für ihn erledigen, Geld und Waffen werden zur Verfügung gestellt. Kersey willigt ein. Interessante Prämisse und Basis für die nun folgenden Ereignisse, in denen… ja, in denen Kersey Leute killt. Und killt. Und killt…. Auf dem Bodycount-Meter der 80er spielt DEATH WISH 4 in der Oberliga, man darf diesen Streifen mit Fug und Recht als "Gewaltfilm" bezeichnen. Als DAS WEISSE IM AUGE stand der Film allein in Deutschland auf Platz 1 der Videocharts und zementierte Bronsons Ruf als Regalstar. Trotz einer größtenteils mechanischen Regie und inhaltlichem Flachland gefällt mir der Film, da er schnurgerade auf einen fürs Action-Kino ungewohnt ernüchternden Schluß zusteuert.

Am Ende muß Kersey begreifen, daß er ganz schön verarscht worden ist. Das macht den Film interessant, weil es nicht nur Kersey Weltbild einstürzen läßt, sondern auch katastrophale Folgen für ihn hat. Als Kerseys Schmerz in dieser Gewaltorgie seinen Höhepunkt erreicht, kann er nur noch töten. Wenn er die Panzerfaust fallen läßt, wirkt die Szenerie so irreal, als wäre es wieder sein eigener Alptraum. Kein Wunder, denn es sind wirklich alle, die in diesem Film außer Kersey eine Rolle spielten, tot. Als wäre Kersey der letzte Mensch und könnte nur noch sich selbst töten - wie in seinem Alptraum...

MESSENGER OF DEATH (1988) / DAS GESETZ IST DER TOD
Noch ein Film unter der Regie Thompsons, aber eine deutliche Abkehr von der Blutwurst, die bei DEATH WISH 4 kreiste. In diesem vergleichsweise verhaltenen Thriller deckt Charlie als Reporter (!) Garret Smith einen mehrfachen Mord bei den Mormonen auf. Er glaubt nicht an eine Familienfehde und kommt einem politisch motivierten Komplott auf die Spur. MESSENGER OF DEATHbringt zwar die Action durch die sparsame Dosierung noch als Höhepunkt, anstatt sie durch Dauergeballer zu verwässern, der Film ist aber insgesamt einfach nicht fesselnd und wirkt wie eine TV-Produktion der Mittelklasse. Damit haben Cannon dann auch die Actionjunkies etwas verprellt.

Zum Start gab Bronson der deutschen Zeitschrift Video Plus ein rares Interview. Es war deutlich zu spüren, wie sehr er der billigen Action überdrüssig war und daß er seine vertragliche Bindung an Cannon bereute. Er betonte, daß er nun nur noch zu einem Film für Cannon verpflichtet sei und sich darauf freue, dann mit dieser Art Film aufzuhören. Sein letzter Film für Cannon sollte einer der interessantesten seiner späten Karriere werden.


MESSENGER OF DEATH

KINJITE - FORBIDDEN SUBJECTS (1989) / TÖDLICHES TABU
Von Anfang an ist klar, daß sich J. Lee Thompson bei KINJITE aufgerafft und noch einmal zusammengerissen hat. Seine Regie ist klar und straff, der Film sieht sehr gut aus, er hat einen gewissen Stil, den alle anderen Cannon-Bronsons vermissen lassen. KINJITE variiert noch einmal die Figuren Kersey und Kessler und treibt beide auf die Spitze. Bronson ist Lt. Crowe, der in Los Angeles bei der Sitte arbeitet und privat ein ausgesprochen verklemmter Bock ist. Daß Crowe im Beruf hart durchgreift, wird uns direkt am Anfang deutlich vor Augen geführt, wenn er einen Freier, der auf minderjährige Nutten steht, mit einem Dildo foltert (!). Da bleibt einem zum ersten Mal die Spucke weg. Seine Tochter muß er dementsprechend vor allem schützen, was mit Sex zu tun hat. Als sie bei einer Schwimmmeisterschaft antritt, echauffiert sich Crowe über die knappen Badeanzüge so sehr, daß es selbst seiner Frau mulmig wird. Crowe ist ein kranker Mann, vielleicht zu sehr damit beschäftigt, seine eigenen Perversionen zu unterdrücken.

Parallel dazu lernen wir James Pax als japanischen Geschäftsmann kennen. Pax hat sexuelle Gelüste, die seine devote Frau nicht befriedigen kann. In einer U-Bahn beobachtet er erregt, wie ein Mann eine fremde junge Frau fingert, die es willig geschehen läßt. Als seine Geschäfte Pax nach Los Angeles führen, versucht er genau das im Bus zu wiederholen, aber sein Opfer schreit sofort um Hilfe. Es handelt sich um Crowes Tochter.

Crowe ist außer sich, aber seine Tochter kann den Mann nicht identifizieren. Crowe und der Japaner lernen sich dann tatsächlich kennen, ohne zu wissen, daß sie diese Verbindung haben. Crowes Erzfeind, ein ultraschmieriger Zuhälter und Dealer, hat nämlich Pax' kleine Tochter entführt. Der Film läßt keinen Zweifel daran, was mit ihr hinter verschlossenen Türen gemacht wird. KINJITE taucht erstaunlich tief ein in die Welt von Mädchenhandel und Kinderprostitution - dies ist kein ausgesprochener Partyfilm.

Crowe, der zwischendurch einmal den Drogendealer zwingt, seine eigene goldene Uhr zu essen, wird am Ende siegen. Aber es geht noch um andere Dinge: Als Pax sich für die Rettung seiner Tochter bedankt, erkennt Crowes Tochter den Grabscher aus dem Bus, sagt aber nichts. Die kleine geschändete und gequälte Japanerin nimmt sich indes aus Scham das Leben.

In dieser Welt von Mißbrauch, von sexuellen Sehnsüchten und Perversionen hat Crowe das letzte Wort, wenn er seinen Gegner im Knast dem brutalsten Insassen als Vergewaltigungsobjekt zur Verfügung stellt. "This is justice", sagt Crowe, aber als sich die Gittertüren schließen, sieht es so aus, als wäre er es, der eingesperrt wird.

KINJITE hat vorwiegend negative Kritiken bekommen, sie reichen allerdings von "The best film in Bronson's career" bis zu "The worst film in Bronson's career". Wie MESSENGER OF DEATH erschien der Film hierzulande nur auf Video und belegte Top Ten-Plätze. Der Film ist auf seine ganz eigene, durchaus vielschichtige Art so gnadenlos, so düster und nihilistisch, daß er wohl kaum im Fernsehen laufen oder eine DVD-Veröffentlichung erfahren wird (dieses Schicksal teilt er in Deutschland mit DEATH WISH 3 + 4). KINJITE, der sich tatsächlich mit "forbidden subjects" befaßt - wenn auch in zum Teil eher exploitativer Form - ist definitiv einen Blick wert. Bronsons Ruf war zu diesem Zeitpunkt jedoch schon so runtergekommen, daß niemand mehr den Drang verspürte, diesen Blick zu werfen. Mit KINJITE fand die Zusammenarbeit von Charles Bronson mit Cannon - und auch mit J. Lee Thompson - ihr Ende.

Bronson nach Cannon
Zwei Jahre nach KINJITE folgte Charles Bronson dem Ruf eines Mannes, der in ihm immer noch den Schauspieler sah. Sean Penn bot ihm die Rolle des Vaters in seinem Regiedebüt INDIAN RUNNER Bronson tat das einzig Richtige und nahm an. In dieser kleinen Rolle ließ Bronson, wohlweislich ohne das Bärtchen, den Sleaze und den Trash von Cannon vergessen. Er erhielt hervorragende Kritiken und erinnerte Filmfans daran, wieso er einst so berühmt wurde. Danach überraschte er mit einer Rolle in dem Weihnachts-Fernsehfilm YES VIRGINIA, THERE IS A SANTA CLAUS (1991).

Alles umsonst. 1994 trat er ein weiteres Mal vor die Kamera, für seinen letzten Kinofilm. Sein Rollenname: Paul Kersey. Der Filmtitel: DEATH WISH 5 - THE FACE OF DEATH. Weit weg von Cannon, weit weg auch von Winner und Thompson, unterwarf er sich der Regie eines gewissen Allan A. Goldstein und schlafwandelte durch einen Reißbrett-Racheplot, der von Goldstein nicht nur schlecht, sondern auch mit einem deutlichen Hang zum Sadismus inszeniert wurde. Der 73jährige Bronson verabschiedete sich von der Leinwand in der Rolle, die nun schon zwanzig Jahre lang seine Karriere bestimmte.

Nach ein paar TV-Auftritten (DONATA AND DAUGHTER, FAMILY OF COPS) zog sich Charles Bronson zurück und verstarb schließlich, an Alzheimer erkrankt, an einer Lungenentzündung. Der archetypische Tough Guy, der "Mundharmonika" und Paul Kersey war, ging am 30. August 2003 von uns.

Filmographie.

1994
Death Wish V: Face Of Death
1991
The Indian Runner
1989
Kinjite: Forbidden Subjects
1988
Messenger Of Death
1987
Death Wish 4: The Crackdown
Assassination
1986
Murphy's Law
1985
Death Wish 3
1984
The Evil That Men Do
1983
10 To Midnight
1982
Death Wish II
1981
Death Hunt
1980
Borderline
Caboblanco
1979
Love And Bullets
1977
Telefon
The White Buffalo
1976
St. Ives
From Noon Till Three
1975
Breakheart Pass
Hard Times
Breakout
1974
Death Wish
Mr. Majestyk
1973
Valdez, Il Mezzosangue
The Stone Killer
1972
The Mechanic
Chato's Land
The Valachi Papers
1971
Quelqu'Un Derrière La Porte
Soleil rouge
1970
De La Part Des Copains
Città Ciolenta
You Can't Win 'Em All
1969
Le Passager De La Pluie
Twinky
1968
C'era Una Volta Il West
Adieu L'Ami
Villa Rides
La Bataille De San Sebastian
1967
The Dirty Dozen
1966
This Property Is Condemned
1965
Battle Of The Bulge
The Sandpiper
1963
4 For Texas
The Great Escape
1962
This Rugged Land
Kid Galahad
1961
X-15
A Thunder Of Drums
Master Of The World
The Magnificent Seven
1959
Never So Few
1958
Machine-Gun Kelly
When Hell Broke Loose
Gang War
Ten North Frederick
Showdown At Boot Hill
1957
Run Of The Arrow
1956
Jubal
1955
Target Zero
Big House, U.S.A.
1954
Vera Cruz
Drum Beat
Apache
Riding Shotgun
Tennessee Champ
Crime Wave
1953
Miss Sadie Thompson
House Of Wax
Torpedo Alley
The Clown
1952
Bloodhounds Of Broadway
Battle Zone
Diplomatic Courier
Pat And Mike
My Six Convicts
The Marrying Kind
Red Skies Of Montana
1951
The Mob
The People Against O'Hara
You're In The Navy Now



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