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UNENDLICHE TIEFEN

Special.
Visions Of China – Chinesisches Filmfestival vom 10.-16. September 2009
von Jenny Jecke

Als Außenseiter einen tieferen Einblick in die gegenwärtige Filmszene Chinas zu erhalten, kann ein reichlich schweres Unterfangen sein. Gräbt man nämlich etwas tiefer, vorbei an den in westlichen Kinos häufig zu sehenden Namen wie Zhang Yimou oder Chen Kaige, sieht man sich mit einer überaus dynamischen und vielseitigen Industrie konfrontiert, deren ganzes Potenzial bis jetzt nur zu erahnen ist. Davon zeugt auch die Filmauswahl des 3. Chinesischen Filmfestivals "Visions of China", das vom 10. bis zum 16. September in Köln stattfand. Der abwechslungsreiche Ausschnitt aus dem filmischen Schaffen im Reich der Mitte umfasste Kurzfilmarbeiten von Nachwuchsregisseuren ebenso wie Blockbuster von Wong Jing (THE UNDERDOG KNIGHT) und Feng Xiaogang (IF YOU ARE THE ONE). Als Exponenten des Mainstream-Kinos der Volksrepublik standen diesen im Kölner Programm zahlreiche Beiträge gegenüber, die Momentaufnahmen einer Gesellschaft abliefern, deren Wandlungsprozess in seiner Vielfältigkeit einen einzigen Film nur überfordern würde.

Visions Of China 2009
Visions Of China 2009

Ohne Stars kommen die Geschichten über Fußball-verrückte Dörfer und tanzende Wachmänner aus, aber auch ohne erhobenen Zeigefinger. Spielerisch greift z.B. der fünfminütige Kurzfilm MERMAID die globale Erwärmung auf, nimmt den steigenden Meeresspiegel bildlich und trägt das Ergebnis schon im Titel. Mit viel Liebe für seine teilweise recht verschrobenen Figuren thematisiert der Spielfilm QUICK, QUICK, SLOW den Hype um die Olympischen Spiele in Beijing aus der Sicht einer Schar von Herren und Damen mittleren Alters aus Shanghai. Von der Teilnahme an einem Tanzwettbewerb versprechen sie sich eine Reise zu dem Event und natürlich Berühmtheit im Lande. Was mit seinen belustigenden Aufnahmen des am Rande zur Lächerlichkeit vorbeischrammenden Castings eine Satire erwarten lässt, enthüllt in einem seltsam abwegigen, aber trotzdem umso treffsicheren Schritt eine wehmütige Note. Das fiktionale Training der Herrschaften, die bei Chinas großen Sprung in die Moderne von ihren eigenen Kindern überholt wurden, unterbrechen Interviewsegmente mit ihren realen Gegenstücken. Nicht von irgendeinem Thema erzählen diese, denn sie teilen ihre Erinnerungen an die Kulturrevolution, während der sie wie viele andere Millionen Jugendliche ihre städtische Heimat verlassen und in ländliche Gegenden ziehen mussten. Es ist jene Generation, auf deren Schultern China nach dem Tode Maos in die Marktwirtschaft geschritten ist und der Film setzt den Träumen dieser Helden des Alltags ein Denkmal. Zwischen exzentrisch karikierten Tanzlehrern und dem zerbrechlichen Aufblühen später Zuneigung des verheirateten Wachmanns Zhou und der ehemaligen Tänzerin Lin findet QUICK, QUICK, SLOW trotz hin und wieder bedienter Underdog-Klischees immer den richtigen Ton. Ein Hauch Nostalgie weht auch durch die pastellfarbenen Wohnungen im Shanghai des Jahres 1986, in denen sich im Kurzfilm YOUNG BLOOD eine erste kurze Liebe zwischen Xiaoli und seiner verheirateten Nachbarin abspielt. Von der lakonischen Ruhe, welche das Leben hier noch umgibt, ist in QUICK, QUICK, SLOW schon nichts mehr zu spüren.

Visions Of China 2009
Visions Of China 2009

Doch auch abseits der großen Metropolen fütterte Olympia die Träume aller Altersklassen. Das zumindest behauptet MAIMAITI'S 2008. In einem kleinen Dorf, dessen Einwohner sich durch die Bank als geborene Fußballer entpuppen, muss Maimaiti aus der anarchisch spielenden Jugend ein Team zusammenstellen. Mit einer einfachen Lüge gewinnt er die Unterstützung der Eltern: Wenn die Kinder das Turnier des Distriktes gewinnen, können sie zu den Olympischen Spielen fahren. Natürlich wird der Schwindel irgendwann enttarnt und Talent allein sorgt auch nicht für Siege, aber da Regisseur Xirzat Yakup bei Entfaltung dieser Basiselemente des Sportfilms die lebensweltlichen Umstände nicht ignoriert, stellt MAIMAITI'S 2008 doch mehr dar, als nur einen Fußballfilm für die ganze Familie. Ausgerechnet in der autonomen Region Xingjiang ist das Dorf gelegen und so sind die Hauptdarsteller überwiegend Uiguren, gehören also zu jenem Turkvolk, dessen separatistische Bewegung seit Jahrzehnten im Konflikt mit der Zentralgewalt in Beijing steht. MAIMAITI'S 2008 ist nun alles andere als ein systemkritischer Film, eher im Gegenteil, bildet hier der Traum von Beijing doch ein dezidiert vereinigendes Moment im chinesischen Vielvölkerstaat. Ob im Nordwesten des riesigen Landes oder einer Nachbarschaft in Schanghai – überall sind demnach die Spiele Dreh- und Angelpunkt der Hoffnungen der kleinen Leute. Doch andererseits ist dieser filmische Schauplatz, behält man das Verhältnis von einer Milliarde Han-Chinesen zu etwas mehr als acht Millionen Uiguren im Auge, selbst schon eine Seltenheit. Von den Eigenheiten seiner Bewohner berichtet MAIMAITI'S 2008 nebenbei und ziemlich abgeklärt auch von ihren Problemen, denn die anhaltende Dürre bedroht das Dorf. Viele wollen sich nicht die Mühe machen, nach Wasser zu graben und gedenken, stattdessen ihre Heimat zu verlassen. Doch von den Kindern springt der Funke Hoffnung auf die Eltern über und am Ende wird auch hier der Traum weniger durch seine Verwirklichung als durch den Weg dorthin gerechtfertigt. Einem Weg, mit dem die Wahrung der eigenen Identität einhergehen muss. Diesen Imperativ versagt sich der Film nicht.

Visions Of China 2009
Visions Of China 2009

Expliziter als die genannten Beiträge, aber zu einem ähnlichen Schluss kommend, geht der überragende URTIN DUU auf den Konflikt von Tradition und Moderne ein, wobei auch er von der Peripherie des Landes erzählt, namentlich der Inneren Mongolei im Norden Chinas. Dorthin kehrt die mongolische Sängerin Qiqige zurück, nachdem ihr Mann Batu in Beijing bei einem Autounfall gestorben ist. In der Hauptstadt hatte sie die Lieder ihrer Heimat in chinesischen Konzertsälen vorgetragen, doch seit dem Verlust ist ihre Stimme dahin. Einem Selbstmordversuch im letzten Moment entronnen, bleibt ihr nur noch die lange Autoreise in die Heimat. Hinter einer stoischen, aber würdevollen Mine hat Qiqige ihre Trauer vergraben und betrachtet mit eben jener die fehl am Platz wirkenden Industriestädte in der Steppe, die abends von geschmacklosen Popkonzerten heimgesucht werden. In der sich bis zum Horizont hinziehenden, kargen Landschaft findet sie den Weg zu ihrer Familie, als steckten die unsichtbaren Pfade durch die Wiesen, Wüsten und Felder in ihren Genen. Wieder Teil des alltäglichen Überlebenskampfes scheint Qiqige den Geist ihres Mannes mit sich gebracht zu haben. Nur noch davon reiten muss er und sie endlich der trauernden Musik ihrer Seele freien Lauf lassen, welche die "Urtin Duu", lange mongolische Lieder, darstellen. Getragen von Laiendarstellern, wird viel Zeit für die Schilderung der Riten und Bräuche aufgewandt, weshalb URTIN DUU von der Sehnsucht nach Bewahrung jahrhundertealter Traditionen durchdrungen ist. Dabei verzichtet der Film auf die Implementierung allegorischer Weisheiten, hinter denen sich ja häufig verklärende Vorstellungen des "Ursprünglichen" zu verstecken drohen. Weder märchenhaft noch romantisierend bebildert der Film v.a. die Trauer einer Frau, die ihrer Seele wieder Luft zum Atmen verschaffen muss und in den Häuserschluchten des modernen China keine Möglichkeit dazu findet.

Visions Of China 2009
Visions Of China 2009

In zahlreichen Facetten zeichnen diese Filme Visionen ihres Landes und indirekt auch der Filmindustrie, die v.a. eines beweisen: das, auf einen Nenner zu bringende, China gibt es nicht. Zu hoffen bleibt daher abseits der politischen Entwicklungen, dass das chinesische Kino den vielen unterschiedlich geprägten Generationen und Völkern des Landes die ihnen zustehende Stimme geben wird. Vielleicht hört man dann nicht mehr nur in der Tagesschau von den Uiguren. Ein bisschen Träumen, das haben die Filme des Festivals bewiesen, schadet schließlich nicht.

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