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UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
SouEuF-Festival Jena 2011
von David Leuenberger

SouEuF-Festival Jena 2011

Südosteuropa? War das nicht früher mal Jugoslawien? Ist es dasselbe wie Balkan? Viele Menschen im Westen erschließen sich diesen Raum vor allem mit Stereotypen, positive wie negative. Ethnischen Massenmorden, Bürgerkriegen und einer angeblich besonderen Anfälligkeit für Korruption werden manchmal Cevapcici, balkanische Ethno-Romantik und die Bilder des letzten Kroatien-Strandurlaubs gegenüber gestellt. Als einzige cinematographische Produkte der Region werden in erster Linie die sicherlich interessanten, wenngleich streitbaren Filme Emir Kusturicas wahrgenommen.

Eine kleine Gruppe von Studierenden und Doktoranden der Südosteuropastudien, der Slawistik und der (süd)osteuropäischen Geschichte wollten dem aktiv entgegen wirken und haben in Jena ein Filmfestival organisiert. Das SouEuF, das Southeastern European Film - Festival Jena hat nun vom 10. bis 12. November 2011 zum ersten Mal statt gefunden. In drei Tagen wurden 20 Filme aus Kroatien, Montenegro, Rumänien, Serbien, Slowenien, der Türkei, aber auch aus Deutschland und Österreich (in der Kategorie "Der Blick von außen") präsentiert. Das Angebot war bunt gemischt: Dokumentarfilme überwogen neben Spiel- und Animationsfilmen. Drei abendfüllende Filme standen einer Mehrheit von Kurzfilmen gegenüber, der kürzeste mit nur 48 Sekunden Dauer (inklusive Vor- und Abspann!). Dass Serbien mit zehn Filmen überproportional vertreten war, hängt offensichtlich damit zusammen, dass die meisten Organisatoren gerade in diesem Land durch ihre Studien- und Forschungsaktivitäten über die meisten Kontakte verfügen.

Drei Tage mit drei Höhepunkten, wie sie kaum unterschiedlicher sein könnten. THE ASCENT ist das Regiedebüt des montenegrinischen Regisseurs Nemanja Becanovic: ein Schriftsteller mit einer Schreibblockade verlässt seine Heimatstadt, um in der Abgeschiedenheit einer Berghütte seinen Roman fertig zu schreiben. Die Interaktion mit seinen Gastgebern (zwei Männer und zwei Frauen) gestaltet sich dabei zunehmend schwieriger. Eigentlich schreien die Ingredienzen des Films regelrecht nach dem Label "prätentiöser Bockmist": kaum Handlung, kaum Dialog, relativ starre Kamera, wenig verständliche Verhaltensweisen der Protagonisten und der offensichtliche Anspruch, ein symbolischer und bedeutungsschwangerer Film zu sein. Daraus werden oft pseudo-intellektuelle Filme gemacht, deren Sichtung so aufregend ist wie Farbe beim Trocknen zu beobachten. Nicht so THE ASCENT. Nemanja Becanovic hat einen atmosphärischen und spannenden Film gedreht, der trotz seiner symbolistischen Form als gelungener Psychothriller bezeichnet werden könnte. Das Schweigen der merkwürdigen Bergbewohner (eine Figur ist im wörtlichen Sinne stumm), ihr völlig erratisches Verhalten, und die extreme Ambivalenz ihrer verwandtschaftlichen (und sexuellen) Beziehungen bauen eine weitaus größere latente Bedrohlichkeit auf, als jeglicher Dialog es tatsächlich jemals könnte. Die karge montenegrinische Berglandschaft trägt ebenso ihren Teil dazu bei. Das letzte und überraschende Drittel rechnet dabei nicht nur mit konventionellen Erzählformen fast parodistisch ab, sondern auch mit positivistischer Fortschrittsrhetorik und christlichen Heilsversprechen.

Die Ankündigung von MOMENT OF MOVEMENT des romani-serbischen Regisseurs Zoran Tairovic als "Doku mit Roma-Thematik", war gelinde gesagt irreführend und konnte die Zuschauer auf keinen Fall angemessen auf diesen 70-minütigen, bildgewordenen Kamikaze-Anschlag auf ihre audiovisuellen Sinne vorbereiten. Der Film spricht sogar Kategorien wie experimentell, avantgardistisch, surrealistisch und dadaistisch hohn. Er "erzählt" die Geschichte eines Roma namens Elvis Presley, der als Wandermusiker nur wenig reüssiert, sich vor einer letztlich gescheiterten Reise nach Deutschland ein Hakenkreuz in die Stirn tätowiert (das er später wieder abschmirgelt), romantisch-naive und leidenschaftlich-erotische Abenteuer erlebt und zwischendurch immer wieder stirbt... oder so ähnlich... Dieses groteske und trashige Western-Musical-Doku-Kriegsfilm-Splatter-Melodrama mit Softerotik- und Stummfilmelementen ist eine unfassbare Zumutung an den Zuschauer: enervierend, inkohärent, grenzenlos albern und geschmacklos. Und auf eine ganz eigene Art und Weise ist es auch großartig! Denn MOMENT OF MOVEMENT überaus kunstvoll inszeniert: Tairovic ist kein Dilettant, sondern ein Regisseur, der sehr kontrolliert seine Mittel einsetzt, und sei es auch, um beim Zuschauer ein Gefühl des Kontrollverlusts auszulösen. "Dekonstruktion" ist zwar ein etwas ausgelutschter Begriff, aber ja: Tairovic dekonstruiert gezielt filmische Konventionen, gerade weil er auch weiß, wie Film funktioniert. Auch ist das Ganze auf angenehm erfrischende Art unprätentiös: Tairovic betreibt ein Verwirrspiel mit dem Zuschauer, er will ihn audiovisuell überfordern, aber er verhält sich ihm gegenüber weder arrogant, noch überheblich. Außerdem lässt sich MOMENT OF MOVEMENT problemlos als provokantes Manifest über Roma-Identität lesen, das sowohl jegliche Betroffenheitsrhetorik wie auch die Assimilationsforderungen ethnischer Serben der Lächerlichkeit preisgibt und zugleich die dunkle Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs durch eine geradezu manische Besessenheit mit nationalsozialistischer Symbolik (v. a. Hakenkreuzen) zu exorzieren versucht. MOMENT OF MOVEMENT ist ein einzigartiges Erlebnis, eine lustvolle Zumutung der Art, wie sie der gepflegte Cinephile sich im Mitternachtsprogramm unseres liebsten deutsch-französischen Senders antun würde.

Der filmische Höhepunkt des Samstags erhielt den Publikumspreis (inklusive meiner Stimme): der 10-minütige Animationskurzfilm 5 MINUTES EACH des Serben Vojin Vasovic. Menschen mit zu Medienträgern mutierten Köpfen müssen sich darin einem furchterregenden bürokratischen Ritual unterziehen. Im Zentrum steht ein Mensch mit einem sehr expressiven Zeitungskopf. Angesichts ihrer schieren visuellen Phantasie und der Verquickung der düsteren Grundstimmung mit satirischem Witz ist es kein Wunder, dass diese bizarre Dystopie ihren Platz im Herzen des Publikums gefunden hat.

SouEuF-Festival Jena 2011

Insgesamt überwogen jedoch Dokumentarfilme, die meisten von hoher Qualität. Der Geschichts- und Erinnerungskultur in Serbien bzw. im gesamten ehemaligen Jugoslawien widmeten sich zwei Filme. Der abendfüllende THE DISAPPEARANCE OF HEROES von Ivan Mandic thematisiert eine Welle von Straßenumbenennungen im Belgrad der Post-Miloševic-Ära. Dass die Beibehaltung von über einem Dutzend "Partisanen-Straßen" in ein und derselben Stadt nicht gerade zweckdienlich ist, liegt auf der Hand. Mandic kritisiert aber vor allem die Umbenennungen von Straßen, die "kleinen" antifaschistischen Helden gewidmet waren. Dabei entlarvt er mit viel satirischem Witz den bürokratischen Chaos in den Belgrader Behörden und das geringe Verantwortungsbewusstsein ihrer Vertreter gegenüber ihren Bürgern. Die Umbenennungen der Straßen zu Namen, die unter dem Königreich Jugoslawien galten, sollen angeblich betont ideologielos sein, verleihen aber dem öffentlichen Raum Belgrads wohl mit Absicht einen zunehmend serbisch-national(orthodoxen) Charakter. DIE ARCHITEKTUR DER ERINNERUNG des Österreichers Reinhard Seiss ist hingegen eine Hommage an den vor kurzem verstorbenen jugoslawischen Denkmalarchitekten Bogdan Bogdanovic. Der Film stellt vier seiner Denkmäler an die Opfer von Weltkrieg, ethnischem Bürgerkrieg und Holocaust vor. Bemerkenswert ist die mystische Formsprache von Bogdanovics Werken, die von sozialistisch-bombastischen Pathos weit entfernt ist und die Seiss sehr eindrücklich festhält. Wenig spektakulär, dafür aber solide, unaufgeregt, gut recherchiert und informativ ist diese 45-Minuten-Doku ausgefallen.

Dokumentarfilme können auch sehr spielerisch, lustig und poetisch sein. Der Titel LOOKING THROUGH THE IRON CURTAIN ist historisch nicht völlig korrekt, da Jugoslawien nie ein Teil des Ostblocks gewesen ist. Die Dokumentation der Slowenin Anja Medved feiert, möglicherweise etwas substanzlos, dafür aber sehr unterhaltsam das Verschwinden der italienisch-slowenischen Grenze. In einem improvisierten "Beichtstuhl" erzählen Bewohner der Doppel-Grenzstadt Gorizia / Nova Gorica von ihren Schmuggelabenteuern: slowenischer Schnapps gegen italienische Modeklamotten. Wirklich bedrohlich war die Grenze ohnehin nicht. Archivbilder, effektvoll mit elektronischer Geräuschmusik untermalt, belegen, dass die Grenzwächter nie wirklich böse aussahen (ob mit oder ohne Schnurrbart), und dass auch im Kalten Krieg die italienisch-slowenische Freundschaft durch gemeinsame Radrennen und Geschicklichkeitswettbewerbe für Autofahrerinnen gepflegt wurde. Der poetischste aller Festival-Beiträge war Blagoje Lupas IN THE LAND OF THE LITTLE PRINCE, der den Alltag in einem Belgrader Atelier für geistig behinderte Künstler porträtiert. In wunderschönen intimen Bildern verfolgen wir ihre konzentrierte und leidenschaftliche Arbeit an einer kurzen Comicverfilmung des "Kleinen Prinzen".

Ästhetisch wenig bemerkenswert waren hingegen zwei Dokumentarfilme, die sich aktuellen gesellschaftspolitischen Themen widmeten. HOME ALONE - A ROMANIAN TRAGEDY berichtet von zwei Kinderselbstmorden in wirtschaftlich stark benachteiligten Familien. Hier wäre ein anschließendes Filmgespräch durchaus sinnvoll gewesen, aber leider sagte der Regisseur Ionut Carpatarea in letzter Minute seine Teilnahme ab. STRANGER, ein Beitrag über die Situation von Homosexuellen in Serbien, gefällt sich manchmal etwas zu sehr in "impressionistischen" Lückenfüllern (eine weit verbreitete Epidemie bei Doku-Regisseuren). Die Intention des Films ist aber klar gesellschaftspolitisch und nicht ästhetisch. Er bildete somit eine gute Grundlage für das anschließende Publikumsgespräch mit den beiden Regisseuren Marija Bašic und Nils Nebe, in dem Perspektiven von Homosexuellen-Rechte in Serbien, Westeuropa und der EU diskutiert wurden.

Insgesamt kann man auf ein gelungenes Filmfestival zurückblicken, der 2012 hoffentlich in eine zweite Runde gehen wird. Die Stimmung war jener einer wöchentlichen Filmvorführung der Fachschaft sicher ähnlicher als jener der Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Wenngleich manchmal ein kleiner Filmriss (und damit meine ich DVD-Kratzer bzw. kurzfristige Streiks durch den Medienplayer) den Ablauf kurzfristig störte, so wurde dies durch die überaus nette, freundliche und familiäre Atmosphäre wieder wettgemacht. Und auch wenn das Festival vor allem dazu diente, Klischees zu überwinden und das Südosteuropa-Bild seiner Besucher zu erweitern, war es dennoch nicht so bierernst, dass auf Sliwowitz in den Pausen, Akkordeon-Ethno-Tanzstunde am Freitag Abend und Balkan-Beats-Party am Samstag Abend verzichtet werden musste.

Mehr Informationen gibt's auf soueuf.zekuk.de.




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