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UNENDLICHE TIEFEN

Essay.
Nip/Tuck – Spieglein, Spieglein an der Wand...
von Thorsten Hanisch

Dass US-Serien seit ein paar Jährchen das Kino hinsichtlich Kreativität, Originalität und Anspruch fast abgelöst haben, hat mittlerweile sogar Der Spiegel erkannt. Während Hollywood von Jahr zu Jahr immer gleichförmigere Misthaufen auf die Köpfe der tonnenweise Popcorn verschlingenden Multiplex-Pilger ausschüttet, toben sich im Fernsehen die jungen Wilden aus:
Kreative Köpfe wie Shawn Ryan (THE SHIELD), J.J.Abrams (LOST) , Ryan Murphy (NIP/TUCK) und der nicht mehr ganz so junge David Chase (THE SOPRANOS) waren in den letzten Jahren für so einige Stunden der allerfeinsten TV-Unterhaltung überhaupt verantwortlich, wobei das Präfix TV in diesem Zusammenhang fast schon abwertend klingt, denn alle genannten Beispiele schielen in ihrer hochprofessionellen Machart deutlich Richtung Kinofilm, die Grenzen sind hier jedenfalls fließend.

NIP/TUCK
NIP/TUCK

Symptomatisch für diese Serien ist aber auch, dass die Einschaltquoten im Heimatland oft gut bis hervorragend sind, man sich hierzulande aber glücklich schätzen darf, eine Staffel am Stück zu erleben. Selbst das anfänglich große Interesse an Abrams' TV-Kult LOST nahm rapide ab, die Quoten sind für Pro 7 aber – noch – akzeptabel genug, um weitersenden. Schlechter erging es da THE SHIELD: Bei der Erstausstrahlung 2004 hielt man zwar satte 41 Folgen lang durch, schmiss die Serie dank inakzeptabler Quoten dann aber abrupt aus dem Programm, der Neustart auf Kabel 1 brachte noch weniger Glück: Nach acht Folgen war Schluss. Die x-fach ausgezeichneten und unisono umjubelten THE SOPRANOS hatten vier Anläufe im deutschen Fernsehen und nur Pech und momentan will Sat 1 – nach den verzweifelten Versuchen von Pro 7 – im mittlerweile vierten Anlauf klarmachen, dass NIP/TUCK eine super Serie ist.

Doch warum ist NIP/TUCK eigentlich so toll?

Schon in der allerersten Folge (mit 63 Minuten die längste) wird klar, dass Schöpfer Ryan Murphy vor allem eins hat: Selbstbewusstsein. Mit "an die Hand nehmen und Charakter sanft einführen" ist hier nicht: NIP/TUCK geht gleich in die Vollen: Man findet sich mitten im Alltag der beiden Ärzte Sean McNamara und Christian Troy wieder: Das Geschäft mit der Schönheit gleicht dem des Metzgers und ethische Grundsätze zählen nicht mehr viel, wenn nur die Kohle stimmt und so kriegt es unser dynamisches Duo gleich am Anfang mit einer schillernden Figur zu tun, die – ein weiteres Markenzeichen von NIP/TUCK – nicht nur einen Auftritt haben wird: Drogenbaron Escobar Gallardo bedroht unsere Helden, da seine 6jährige Tochter vom zwielichtigen Silvio Pérez missbraucht wurde, der wiederum von McNamara und Troy – natürlich gegen eine unverhältnismäßig hohe Bezahlung – ein komplett neues Gesicht zugesprochen bekam. Doch das ist nicht das einzige Problem: Sean hat mit einer Midlife-Crisis zu kämpfen und will die Praxis aufgeben um Gutes zu tun, was aber mit dem Wunsch seiner Frau, wieder auf die Uni zu gehen um den Doktor nachzumachen, kollidiert. Und dann ist da noch Sohn Matt, der unbedingt eine Beschneidung will...

Wie das alles in etwas über einer Stunde abgefrühstückt wird ist schon eine Nummer für sich: In wenigen, aber präzise gezeichneten Szenen werden die Charaktere der Hauptfiguren dargestellt: Während Sean leichte Skrupel bzgl. des Pérez-Auftrags hegt, langt Christian sofort zu, während Sean den ehelichen Beischlaf als gelangweilte Routine-Nummer abarbeitet, hat Christian koksgeschwängerten Sex mit der heißen, allerdings auch recht naiven 19jährigen Blondine Kimber Henry (die uns noch lange erhalten bleiben wird).

Ebenso wird mit dem Pädophilie-Aufhänger und den brachial-blutigen OP-Aufnahmen die Stoßrichtung für die Zukunft angegeben (auch wenn das hohe Tempo des Debüts nicht wieder erreicht werden wird): NIP/TUCK ist keine Kuschel-Serie zum Wohlfühlen, NIP/TUCK hält einer Gesellschaft, die sich mittlerweile völlig auf Jugendwahn, makellose Optik und materiellen Wohlstand als alleiniges Lebensglück eingeschossen hat, einer Gesellschaft, die ihre so genannten "Stars" mittlerweile schneller verbraucht als so manch einer seine Unterhosen, das hässliche Spiegelbild vor.

Geht der Pilot in seiner Drastik und Themenfülle eventuell noch als schnelle Satire durch, schrauben die Macher in den folgenden Episoden das Tempo runter und widmen sich in aller – mal schwarzumorigen, mal quälenden – Ausführlichkeit ihren Figuren und zeichnen diese folgenrichtig auch nicht immer symphatisch, aber immer nachvollziehbar, was vielleicht auch ein Grund für den Misserfolg im deutschsprachigen Raum ist. Eine klare Trennlinie zwischen gut und böse, einen Abstand zu einem fiktionalen Charakter gibt es hier nicht. NIP/TUCK ist vor allem eins: Nur allzu menschlich. Und umso mehr man sich auf McNamara und Troy einlässt (und NIP/TUCK setzt wie auch die oben genannten Serien einen langen Atem voraus), umso mehr wird man sich auch selber finden, wird man mitleiden, gewillt sein, mit durch die persönliche Hölle der Ärzte zu wandern, auch wenn sich ein Christian Troy gerade mal wieder so aufführt, dass man am liebsten abschalten möchte.

NIP/TUCK spiegelt aber auch in anderer Weise das Leben wider. Wie sagt Ryan Murpy: "It's basically a show about relationships." Und dies wird einem besonders deutlich, wenn man sich bemüht, diese wunderbar und sehr weitflächig angelegte Serie in chronologisch richtiger Reihenfolge (der Griff zu den DVD-Boxen ist angebracht) zu sehen: Die Serie seziert mit analytischer Genauigkeit die Dynamik einer Ehe im Speziellen und Beziehungen jeglicher Art im Generellen. Auch hier gilt: Wer genau hinsieht, wird sich wieder finden und kann vielleicht sogar noch was lernen.

Bei NIP/TUCK handelt es sich jedenfalls um eines der außergewöhnlichsten, intensivsten und besten TV-Erfahrungen aller Zeiten, die sich zwar gegen gängige TV-Ware stellt und auch etwas mehr als nur passives Berieseln lassen fordert, mit ein wenig Bereitschaft aber für ein unvergessliches Erlebnis sorgen wird, denn ein bisschen NIP/TUCK steckt in allen von uns.




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