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UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
8. Nippon Connection Japanisches Filmfestival 2008 in Frankfurt
von Heiko Hanel

Diese Stühle!

Die Stühle sind wieder so hart. Bei keinem Filmfestival tut einem der Popo so weh wie beim Nippon Connection. Irgendwo für billig ausgeliehen um den für umme bekommenen Saal damit vollzustellen. Ich habe schon Wochen auf diesen Stühlen verbracht. Man nimmt es gerne in Kauf. Hätte das ehrenamtlich arbeitendende Team ein Kino gemietet, würde das Geld beim Ankauf der Filme fehlen. Und das will keiner.

Das Nippon Connection in Frankfurt fand dieses Jahr zum achten Mal statt und ist seit ein paar Jahren das größte Festival für japanischen Film weltweit. Es metastasiert über diverse Clubs, Galerien und Kinos in die ganze Stadt und blöderweise sind die Abend- und Wochenendveranstaltungen fast immer ausverkauft. Ob da die Stühle bequem sind, ist also grad mal egal. Garantierte Publikumsrenner wie Animes, Kitanos und Miikes werden sogar zu unmenschlichen Terminen wie Donnerstags um 14 Uhr gezeigt (liebe Studenten, ich hasse Euch). Abends ist es sowieso voll und da kann man dem Publikum auch mit dreistündigen Polit-Terror-Quälfilmen wie UNITED RED ARMY auf die Fresse hauen, der diesmal mit YASUKUNI dafür sorgte, dass das japanische Konsulat plötzlich keine Lust mehr auf den sonst üblichen Kochkurs hatte.

Dann eben nicht. Der Konsul wurde einfach durch eine Shibari-Performance ersetzt. Nachdem der Bondagekünstler ein nacktes, verschnürtes Mädchen wieder von der Decke geholt hatte, erklärte er dem begeisterten Publikum, dass er sonst eher auf Fetisch Partys performt. Vor dem Eingang des ausverkauften Vortrags von Marcus Stiglegger zur japanischen Fesselungskunst hätten sich die Besucher fast geprügelt. Teil des umfangreichen Rahmenprogramms war dieses Jahr auch DJ Scotch Egg, der mit Gameboys bewaffnet eine elektronische Noiseperformance irgendwo zwischen Atari Teenage Riot und Melt Banana ablieferte. CDs verkaufte er auch, aber zu Hause, lieber nicht.

Ein echter Höhepunkt des Festivals war der Auftritt eines Benshis. Das ist ein Filmerzähler, der zusammen mit einem musikalischen Begleiter in der Stummfilmzeit den Film live kommentierte. Damals gab es in Japan Tausende Erzähler, die oft populärer als die von ihnen begleiteten Filme waren. Ein Studio bildet noch Benshis aus und schickte Ichiro Kataoka, um den halluzinogenen Irrenhausfilm A PAGE OF MADNESS von 1926 zu kommentieren (synchron untertitelt). Ein echtes Erlebnis und endlich mal ein japanischer Gast, der trotz Menschenmassen und Europareise mit lauter Stimme deklamiert und nicht vor lauter Schreck und Höflichkeit im Boden versinkt, wie so viele Erstlingsfilmregisseure, von denen immer einige vorbeikommen. Man kann sich aber jetzt Stars leisten. So konnte Nobuhiro Yamashita mit dem neuen Film A GENTLE BREEZE IN THE VILLAGE, dem Kurzfilm PARIS, TEXAS, TO MORIGUCHI: LOOKING FOR YOCCHAN und seinem Klassiker LINDA LINDA LINDA gleich drei Filme persönlich vorstellen. Der Erstere ist der friedlichste japanische Film ever. Ein Bub aus Tokio bringt das Schulleben in einer winzigen Dorfschule durcheinander. Wunderbar! Die Grillen zirpen, die Sonne scheint, ein Mädchen verliebt sich. Eine echte Idylle. Härter geht es in TWILGHT PHANTOM von Tsukasa Kishimoto zu, ein im tropischen Okinawa gedrehter Horrorfilm, der zwar allerlei J-Horror-Standards verwendet aber durch einen seltsam kontrastreichen HD-Look einige interessant verwunschene Szenen liefert. Ein echter Knaller war THE TENDER THROBBING TWILIGHT von Shinji Imaoka. Als Pinkfilm mit der obligatorischen Sexszene alle 20 Minuten der Konvention entsprechend, sich Dieser aber inhaltlich entziehend, erzählt der Film von einer Liebesgeschichte zwischen einem lüsternen Rentner und seiner Jugendliebe. Hier werden auch Falten ernst genommen und nach umfangreichem Betagtensex fragt man sich, wen die Produzenten als Target-Audience ausersehen hatten. Ein riskantes finanzielles Unterfangen und ein echtes Glück für Kinozuschauer, die sich Erotik und Tiefgang zuführen wollten. Zum Heulen war der ebenfalls in Okinawa gedrehte TEARS FOR YOU. Zum einen weil der Serienregisseur Nobuhiro Doi mit seinem Big Budget Superhit genau weiß, wie er das Publikum mit diesem Drama um einen jungen Mann, der sich zum Wohle seiner Schwester buchstäblich zu Tode arbeitet, emotional attackiert. Zum Heulen aber auch wegen der oft formelhaften Dramaturgie.

Ein Spass war APPLESEED EX MACHINA. Eine Polizistin der Zukunft muss sich in diesem 3D-Anime mit einem Cyborg und einem Androiden herumschlagen, die beide aus Teilen ihres verblichenen Expartners bestehen, in den sie verliebt war. Natürlich muss die Welt auch noch gerettet werden. Shinji Aramaki klaut in dieser John Woo-Produktion, wo er nur kann. Bunt, hohl, schnell und in 2 Jahren technisch überholt. Egal!
Ganz groß war FUNUKE SHOW SOME LOVE, YOU LOSERS! Eine erfolg- und rücksichtslose Schauspielerin kehrt auf der Flucht vor der Yakuza in ihr Heimatdorf zurück. Dort schläft sie mit ihrem Bruder und terrorisiert ihre kleine Schwester, die einst einige große Erfolge mit einem Manga feierte, das ebenjene erfolglose Schauspielkarriere karikierte. Der Höhepunkt dieser Quälkomödie ist die Frau des Bruders, die konstant gut gelaunt, verstörende Püppchen aus Zweigen bastelt und dabei "Kotzen, kotzen, kotzen" singt.

Ebenso groß ist DAINIPPONJIN, in dem Hitoshi Matsumoto, der bekannteste Komiker Japans, einen Superhelden spielt, der nach Starkstromkontakt zum Riesen anwächst und Japan vor Monstern von auswärts beschützt. Leider hat ihn seine Frau verlassen, Tierschutzgruppen werfen Steine in sein Fenster und seine Tochter sieht er auch nur zweimal im Jahr. Die Fernsehzuschauer flüchten, seit er aus Altersgründen vor vielen Monstern nur noch wegrennt und die Monster selbst sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Matsumoto hat bei diesem Godzilla für Versager auch Regie geführt und gibt dank trockenem Humor auch Zuschauern eine Chance, die mit asiatischen Komödien sonst eher Schwierigkeiten haben.

DOG IN A SIDECAR beschreibt die Beziehung zwischen einem kleinen Mädchen und der Liebhaberin ihres Vaters. Durch diese neue, junge, unabhängige Frau öffnen sich völlig neue Horizonte. Yuko Takeuchi spielt die Rolle ihre Lebens in diesem melancholischen Film von Kichitaro Negishi, der schon vor 2 Jahren mit WHAT THE SNOW BRINGS den schönsten Film des Festivals ablieferte. Ebenfalls großartig ist THE MOURNING FOREST von Naomi Kawase, in dem eine junge Altenpflegerin um ihren verunglückten Sohn trauert. Als der von ihr betreute Shigeki aus Trauer über seine vor 30 Jahren verstorbene Frau in den Wald rennt, folgt sie ihm. Beide müssen sich in diesem großartigen, mystisch aufgeladenen Kammerspiel ihrer Vergangenheit stellen.

YASUKUNI von Ying Li ist ein Dokumentarfilm über den berüchtigten Shinto-Schrein in Tokio, in dem gleichzeitig Millionen gefallene japanische Soldaten, Tausende Kriegsverbrecher und viele zwangsweise rekrutierte und dann gefallene Taiwanesen, Koreaner und Chinesen geehrt werden. Wie absurd das politische Kuddelmuddel um den Schrein ist, führt ein Amerikaner vor, der sich solidarisch mit Koizumi, dem Expremierminister zeigt, der regelmäßig unter Protest der benachbarten Regierungen den Schrein "als Privatmann" besuchte. Nachdem der Ami mehrere Flugblätter verteilt, wird er von Veteranen mit "Yankee go home" vertrieben. Weil rechte Gruppierungen in Japan gedroht haben, Leinwände der Kinos zu zerstören, die den Film zeigen, war die Aufführung auf dem Nippon Connection für viele japanische Gäste die einzige Möglichkeit, den Film überhaupt zu sehen.

Auch noch nett waren THREE FOR THE ROAD, eine in der Edo-Ära spielende Komödie von Hideyuki Hiaryama und ASYL - PARK AND LOVE HOTEL von Izuru Kumasaka, in dem die verschlossene Besitzerin eines LOVE HOTELS auf dem von ihr angelegten, öffentlichen Dachgarten durch einige Besucher mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird.
Da ich in den letzten 8 Jahren den Gewinner des Publikumspreises nur einmal vorher gesehen hatte, lag ich mit meinem Tipp FINE, TOTALLY FINE von Yosuke Fujita genau richtig. Keine Ahnung, ob der Film gut ist.

16.000 Besucher kamen dieses Jahr wieder. Viele schauten sich gar keine Filme an, sondern standen vor mir in der Schlange zu den Leckereien, die diesmal von einem spektakulären japanischen Caterer zubereitet und an die gierigen Massen verkauft wurden. Lecker Suppe gab's auch. Und Musik. Und Tanz. Und Tee. Und Puppentheater. Und Sake.

Und diese furchtbaren Stühle.

Weitere Infos gibt es unter: www.nipponconnection.com


Nippon Connection 2008
Nippon Connection 2008
Nippon Connection 2008
Nippon Connection 2008
Nippon Connection 2008
Nippon Connection 2008
Nippon Connection 2008
Nippon Connection 2008



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