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UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
14. Indisches Filmfestival Stuttgart 2017
von Thorsten Hanisch

14. Indisches Filmfestival Stuttgart 2017

Zwischen dem 19. und dem 23. Juli war es wieder soweit: Das Indische Filmfestival öffnete im Stuttgarter Metropol Kino zum 14. Mal seine Pforten und erneut stand man als Besucher vor der Qual der Wahl, da es einerseits wieder ein interessantes und vielseitiges Filmprogramm gab, aber auch viel vom Rahmenprogramm zeitgleich an verschiedenen Orten in Stuttgart stattfand. Dass das organisationstechnisch nicht anders zu lösen ist, leuchtet ein, aber man sollte zumindest mal drüber nachdenken, ob es wirklich sinnvoll ist, die "Tea Talks", eine Reihe von Vorträge, die ebenfalls im Kino stattfinden, parallel zu den Filmen laufen zu lassen. Das Problem ist ganz einfach, dass ein großer Teil des wirklich interessanten Angebots an cineastischen Leckerbissen, anders als zum Beispiel beim Fantasy Film Fest, eben nicht kurze Zeit später auf dem Heimvideomarkt verfügbar ist und so läuft man als Filmfan ständig mit dem Gefühl über das Festival, etwas verpasst zu haben. Rätselhaft ist auch, wieso man zur Verköstigung lediglich einen Stand mit genau einem Gericht anbietet, obwohl im Einkaufszentrum direkt gegenüber im obersten Stockwerk (immer noch zu weit um sich in einer kurzen Pause zwischen zwei Filmen was hinter die Kimmen zu schieben) ein indischer Imbiss mit reichhaltiger Auswahl das Herz erfreut, eine Zusammenarbeit drängt sich regelrecht auf. Schön wäre es auch, wenn man den zweiten Stock, in dem gefühlt die Hälfte der Titel laufen, zumindest etwas dekorieren und den vorhandenen Platz vielleicht auch für Verkaufsstände oder Ähnliches nutzen könnte.

Trotzdem, das sind alles nur Kratzer im Blech, es ist schön, dass es das Festival schon so lange gibt und hoffentlich noch lange geben wird, denn das indische Kino hat offenen Menschen unheimlich viel anzubieten, kommt aber, wie mittlerweile fast alles außerhalb Hollywoods permanent zu kurz und das ist ausgesprochen schade.

Ein paar der Highlights: Im Kurzfilm DISCO OBU will eine TV-Crew einen ehemaligen Bollywood-Kinderstar portraitieren, der mittlerweile seine Brötchen als Rikscha-Fahrer verdient, muss dann aber erstaunt feststellen, dass der Mann glücklich und zufrieden ist - blöd, wenn man eigentlich ein einschaltquotenträchtiges Opfer wollte. Die gallige Medienkritik von DISCO OBU ist sicherlich nicht unbedingt neu, allerdings auch zeitlos und wird hier wunderbar kompakt, witzig und gut gespielt auf den Punkt gebracht.

Eine Überraschung der eher unangenehmen Art dürfte es für viele der im Saal anwesenden Ladys beim neusten Film von Indiens Nationalheiligtum Shah Rukh Khan gegeben haben. Natürlich, auch der Actionthriller RAEES ist ein voll und ganz auf den Herzensbrecher zugeschnittenes Epos, und ja, auch hier wird gesungen und geschmachtet; jeden Anflug von Fluffigkeit konterkariert der Film allerdings mit verblüffend brutaler Brachial-Action, während der das ewige Sexsymbol unterversorgter Hausfrauen dieser Erde auch schon mal den Bügel seiner Brille in einen Gangsterhals rammt! Das merkwürdig zwiespältige, aber gerade deswegen auch reizvolle Epos steuert dann auch auf ein erstaunlich fatalistisches Ende zu, das dem Ganzen noch zusätzlich Nachhall verleiht. Wenn Mr. Khan auf diesem Level weitermacht, fang ich bei seinem Anblick auch bald an zu kreischen!

14. Indisches Filmfestival Stuttgart 2017

Mindestens ebenso verblüffend erwies sich PIHU, der konsequent seine zweijährige (!) Hauptdarstellerin in den Mittelpunkt stellt und durch einen simplen, aber effektiven Plot besticht: Als die Mutter morgens nicht mehr aufwacht (Selbstmord), begibt sich das kleine Mädchen auf eine gefährliche Entdeckungsreise durch die Wohnung. Ein faszinierender Einblick in die Welt eines kleinen Menschen, für den auch die alltäglichsten, banalsten Dinge zur Todesfalle werden können und der deswegen viel Aufmerksamkeit und Hilfe benötigt, diese aber nicht bekommt, da - wie der Film nach und nach enthüllt - die selbstbesoffenen Erwachsenen viel zu sehr mit ihren Pille-Palle-Problemchen beschäftigt sind, anstatt sich dem Leben zu stellen. Zumindest in dieser Fassung (Regisseur Kapri will vor dem indischen Kinostart noch mal Hand anlegen) kein perfekter (mit der Zeit macht sich Redundanz bemerkbar), dafür aber ein origineller Film, der ein nicht genug zu preisendes Statement abgibt.

Einen sehr humanistischen Kern hat auch A DEATH IN THE GUNJ, ein Familiendrama über den hochintelligenten, aber ebenso extrem sensiblen Studenten Shutu, den der Tod seines Vaters so sehr aus der Bahn wirft, dass auch die akademische Karriere empfindlich ins Schwanken gerät - nach vermasselter Prüfung macht Shutu mit seiner Familie (die vom Misserfolg nichts weiß) im McCluskie Gunj Urlaub, aber die anfängliche Harmonie bröckelt schnell, denn die Familie hat wenig für den Außenseiter übrig, der so ganz anders ist, als sie. A DEATH IN THE GUNJ ist glänzend ausgestattet, gut gespielt und bewegt sich thematisch in einer nicht ganz unähnlichen Ecke wie PIHU: Auch hier muss das schwächste Glied in der Kette unter der Institution Familie leiden, einer Institution, die eigentlich Schutz und Hilfe anbieten sollte, aber zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, um auf andere eingehen zu können, was in diesem Fall aber in einer maximalen Katastrophe endet.

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