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UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
19. go East - Festival des mittel- und osteuropäischen Films
Symposium "Konstruktionen des Anderen. Roma und das Kino Mittel- und Osteuropas"
von Lutz Granert

19. go East - Festival des mittel- und osteuropäischen Films

Eine 35mm-Kopie im Kino zu sehen, fühlt sich im Hinblick auf das Originalformat eines Films einfach authentischer an, davon ist auch Barbara Wurm überzeugt. Die Literaturwissenschaftlerin kuratierte auf dem diesjährigen 19. goEast Festival des mittel- und osteuropäischen Films (10. - 16. April 2019) in Wiesbaden das Symposium "Konstruktionen des Anderen. Roma und das Kino Mittel- und Osteuropas" und kann - wie der Autor dieser Zeilen - zelluloidbedingt auf einige einzigartige Seherfahrungen bei den Filmen in dieser Sektion zurückblicken. So lief die ungarische Produktion GYPSIES (CIGÁNYOK, 1962) zunächst rückwärts ab, bevor das Malheur bemerkt und die Dokumentation ans Ende des Kurzfilmprogramms "Gypsies" dokumentatiert, animiert, imaginiert gestellt wurde. Und auch eine Filmrolle in Pál Schiffers Film GYURI (1968) bereitete dem Projektor Probleme, als plötzlich auch die Tonspur zu lautem Rattern über die Leinwand flimmerte. Diese kleinen Widrigkeiten bei der Projektion taten jedoch der hohen Qualität der Sozialstudie keinen Abbruch. GYURI begleitet drei Roms um den Titelgeber aus der ungarischen Provinz Zala bei ihrer Reise in die Stadt, wo sie letztlich in einer Ziegelfabrik eine Anstellung finden. Schiffers beobachtet die drei jungen Männer genau, lässt sie von ihren Zukunftsträumen sprechen oder regt auch zum Schmunzeln an, wenn sie abends in ihrer Gemeinschaftsküche beim Abendbrot mit einem älteren Arbeitskollegen um die Wette prahlen, wer Zementsäcke weiter tragen kann. Ein Lied der Roma, das von Gott und Freiheit kündet, rahmt den Film - und gibt ihm eine bittere Note: Nur in der Fremde, so scheint es, ist es für junge Roms möglich, ihre Armut und den Analphabetismus in den schäbigen Hütten ihrer Kolonien weit entfernt von der nächsten Stadt hinter sich zu lassen und somit auch ihre Herkunft abzustreifen.

Über die Fremde, die doch eigentlich die Heimat ist, erzählt das semidokumentarische Drama KENEDI GOES BACK HOME (KENEDI SE VRACA KUCI, 2003). Der Auftakt von Želimir Žilniks "Kenedi"-Trilogie beleuchtet das Schicksal von jugoslawischen Roma, die nach Ende des Balkankriegs in der EU keine Duldung mehr erhielten und ab der zweiten Jahreshälfte 2002 abgeschoben wurden. Während die Szenen zwischen Kenedi, der mit seinem alten Lada Fahrdienste anbietet, und Zufallsbekanntschaft Denis, der nach seiner Familie sucht, anfangs sichtbar gestellt wirken und lässige buddy movie-Anklänge bieten, entwickelt der Film mit zunehmender Laufzeit eine quälende Intensität. Im letzten Drittel erzählen immer mehr Roma, die Kenedi chauffiert, von ihrem Schicksal. Und spätestens, wenn der entwurzelte, da nach Serbien abgeschobene Denis mit einem deutschen Grenzbeamten über seine deutsche Identität spricht (er spricht hervorragend Deutsch, ging in Deutschland zur Schule, hat deutsche Freunde - und kann kein Wort Romani oder Serbisch), steigt beim Zuschauer die Wut über einen menschlich zweifelhaften politischen Beschluss der EU. Apropos ungerecht: Regisseur Želimir Žilnik war bei der Vorführung in der Caligari Filmbühne anwesend und hatte eine Anekdote über seinen Protagonisten Kenedi Hasani zu berichten. Der wurde von Lars Von Trier für eine Rolle angefragt - sagte jedoch ab, als die zugesagten Dreharbeiten von der warmen Mittelmeerküste ins eisige Island verlegt wurden.

19. go East - Festival des mittel- und osteuropäischen Films

Bei den Spielfilmen deckte das Symposium ein breites Spektrum ab, das von Dokumentationen über (historische) Liebesfilme bis hin zum Propagandafilm reichte. Der antiziganistische Hetzfilm ZWISCHEN STROM UND STEPPE (TISZAVIRÁG, 1939), der widerliche Klischees von Zigeunern um Hexen, Dieben oder Huren bediente, war ebenso zu sehen wie DAS LETZTE ZIGEUNERLAGER (POSLEDNIY TABOR, 1935), wo in der stalinistischen Sowjetunion der Konflikt zwischen Tradition und Moderne aufgegriffen wird. Der finstere Stammesführer Danilo (Alexander Granach ) schreckt auch vor Mord zu einem ausgelassenen Fest nicht zurück, um gegen die Sesshaftwerdung einzutreten, die Kolchosenführer Ivan Licho (Mikhail Yanshin) angeboten hat, der Danilos Mannen gerade plakativ die Getreideernte mit der Sense beigebracht hat. In ihrer Einführung zu ICH TRAF SOGAR GLÜCKLICHE ZIGEUNER (SKUPLIJACI PERJA, 1968) traten Barbara Wurm und ihre Co-Kuratorin Andrea Pócsik dafür ein, ihn als "Vorbehaltsfilm" zu klassifizieren. Zu klischeehaft ist die Figur des prolligen Gänsefederhändlers Beli Bora Perjar (weißer Anzug, spielsüchtig und dem Alkohol zugetan), der sich in seiner schlammigen Roma-Siedlung gegen seinen Konkurrenten Mirta behaupten muss - und auch Interesse an seiner hübschen Stieftochter anmeldet, die von LKW-Fahrern schließlich missbraucht wird. Antiziganistische Klischees und eine unvermittelte Sleazigkeit gehen hierbei ein unglückselige Verbindung ein, die ein ums andere Mal bitter aufstoßen lässt.

Ungleich verspielter und herzlicher ist dabei die wunderschöne Romanze ROSIGE TRÄUME (RUZOVÉ SNY, 1976) zwischen der jungen Schneiderin Jolanka (Iva Bittová) und dem Postboten Jakub (Juraj Nvota). Skurrile Charaktere in der Nachbarschaft (wie eine korpulente Frau, die ihrem Mann Essen verweigert), dubiose Lebensweisheiten um Männlichkeit und Eier sowie eine zärtlich-warme Musik säumen den zuweilen im Takt humoristischer Episoden inszenierten Film. Eine Szene bei einer Tanzveranstaltung, wo sich Zigeuner-Männer und "Weiße" in ihrer Ablehnung der Verbindung zwischen Jakub und Jolanka einvernehmlich, aber konfrontativ gegenüber stehen, entwickelt sich zum magischen Moment. Der Hass und die Musik schweigen - und einzig das Gurren balzender Tauben untermalt das in den Tanz vertiefte Liebespaar, für das es keine Zukunft gibt.

Einen bleibenden Eindruck hinterließ auch MEIN FREUND FABIAN (MUJ PRÍTAL FABÁN, 1953). Darin kommt der Rom Fabián (Otto Lackovic) mit seiner Familie ins tschechische Ostrava, um in einem Stahlwerk zu arbeiten. Der Ingenieur Trojan (Ladislav Chudík), mit dem er eine Vergangenheit im KZ teilt, befördert ihn zu seinem Assistenten. Doch dem charakterschwachen Fabián steigt das zu Kopf: Er verprasst sein erstes Gehalt fast vollständig in einer Kneipe, verfällt dem Alkohol und schreibt Hausaufgaben für den gemeinsamen Schulunterricht bei seinem Sohn ab, der - nachdem er im Spiegel sein frisch verliehenes Pionier-Halstuch bestaunt - darin die Niedertracht seines Vaters erkennt. Der sozialrealistische "Bildungsroman" von Jiri Weiss strotzt nur so vor visuellen Metaphern und platter Symbolik - etwa wenn der zum "neuen Menschen" geläuterte Fabián schließlich durchs Tor des Fabrikgelände läuft, über dem "Wir bauen den Sozialismus" steht. Ein beeindruckendes Filmdokument über die Integration der Zigeuner ins sozialistischen Proletariat ist der Film von Jiri Weiss aber dennoch. Und das auch, weil er in einer farbenfrohen, an opulente Technicolor erinnernde 35mm-Filmkopie gezeigt wurde. Es bleibt zu hoffen, dass der - nach immer mehr DCP-Einsätzen in den letzten Jahren - wieder angestoßene "Retro-Kurs" weitergeführt und auch 2020 gerade bei Klassikern an der analogen Projektionstechnik festgehalten wird. Im Murnau-Filmtheater (Spielort für die meisten Symposium-Beiträge) sollte bei allem Bemühen ums filmische Erbe das Kino als Erlebnisraum lebendig bleiben - gerade, aber nicht nur, durch die filmische Materialität selbst.

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