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UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
17. go East - Festival des mittel- und osteuropäischen Films - Symposium "Feministisch wider Willen"
von Lutz Granert

17. go East - Festival des mittel- und osteuropäischen Films - Symposium Feministisch wider Willen

Die Rolle der Frauen im realsozialistischen Osten schien zunächst eine fortschrittliche, gleichberechtigte zu sein. Sie waren als Arbeiterinnen in der Produktion zur Erfüllung des Jahresplans unverzichtbar und eine frühkindliche Betreuung ermöglichte es ihnen, nach der Geburt wieder schnell am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Doch ganz so unproblematisch war es dann doch nicht, wie das Symposium "Feministisch wider Willen - Filmemacherinnen aus Mittel- und Osteuropa" auf dem diesjährigen Filmfestival goEast (26. April bis 02. Mai 2017) in Wiesbaden zeigte.

Filmemacherinnen aus Mittel- und Osteuropa, so Barbara Wurm im Festivalkatalog, "verweigerten" sich regelrecht der Zuschreibung eines Feminismus, obwohl ihre Protagonistinnen stets um ihre Selbstbestimmung und Gleichberechtigung rangen. Da ist zum Beispiel die strenge Schuldirektorin und frühere Pilotin und Kriegsheldin Nadezhda Stepanovna in FLÜGEL (KRYLYA, UdSSR 1966), die - gerade weil sie eine starke Frau und Autorität ist - von ihrer Tochter nicht zum Geburtstag eingeladen und von ihren Schülern, denen sie Werte einbläuen will, gehasst wird. Sie bemüht sich um Anerkennung, indem sie Engagement und Verständnis aufbringt. Doch letztlich, das ist die bittere Erkenntnis im Film von Larisa Shepitko, lösen sich die Probleme erst über den Wolken im Glanz längst vergangener Tage buchstäblich in Luft auf.

In DIE WELT ERKENNEN (POZNAVAYA BELY SVET, UdSSR 1974/79) muss sich die Stukateurin Lyuba dem bestimmenden Chauvinismus des Arbeitskollegen Nikolai erwehren. Der steigt ihr solange ausdauernd nach, bis er doch noch erkennt, dass sich Lyuba für den romantischen und einfühlsamen Misha entscheidet. Enttäuscht zieht er von dannen und zerwirft in rasender Eifersucht jenen Spiegel, in dem das Brautpaar in spe das eigene Glück erkennt. Die Romanze von Kira Muratova wurde nach Erscheinen in die Provinzkinos verbannt. Vielleicht auch deshalb, weil das politikbeherrschende Patriarchat seinen Machismo subversiv infrage gestellt sah.

Dass auch Frauen politisch aktiv sind, beweist DAS LETZTE WORT (POSLEDNATA DUMA, Bulgarien 1973), der so wirkt, als hätte Jess Franco im Ostblock mit Weitwinkelobjektiven und zum Teil expressionistischen Lichtsetzungen einen Arthouse-Frauenknastfilm drehen wollen. Balkanrock-Darbietungen unterbrechen die Story von fünf antifaschistischen Widerständlerinnen, die im Todestrakt auf ihre Hinrichtung warten - und dabei ihre letzten Momente vor der Festnahme rekapitulieren. Binka Zhelyazkova ist ein mit originellen Perspektiven und - ja, sie gibt es auch - sleazigen Folter- und Vergewaltigungs-Momenten garniertes, intimes Drama gelungen, das mit männlich konnotierter staatlicher Unterdrückung von Frauen abrechnet. Das allerdings - wie viele Beiträge im Symposium - nicht als feministischer Agit-Prop, sondern in menschlichen Geschichten, nahe an den weiblichen (Haupt-)Figuren.

17. go East - Festival des mittel- und osteuropäischen Films - Symposium Feministisch wider Willen

Auch Agnieszka Hollands diesjähriger Berlinale-Beitrag FÄHRTE (POKOT, Polen et al. 2017) klagt an - verbreitet in beeindruckenden Landschaftsaufnahmen eine Tierschutz-Botschaft, mit denen ihr Öko-Thriller Konventionen in ihrer polnischen Heimat ordentlich ans Bein pinkelt. Im anschließenden Filmgespräch bei der Matinee erzählte sie freimütig, dass sie in einem ihrer Filme durchaus mit dem male gaze eines Kameramannes auf eine Vergewaltigungsszene konfrontiert war, dass weibliche Filmarbeiterinnen mehr Selbstbewusstsein mitbringen sollten und die katholische Kirche und christliche Werte zwei verschiedene Dinge sind. Besonders eine von ihr vorgetragene Anekdote war ein feministisches wie politisches Statement: Bei einem Flug vor ein paar Jahren hat sie kurz überlegt, den vor ihr in der Kontrollwarteschlange stehenden "Front National"-Parteigründer Jean-Marie Le Pen zu töten.

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