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UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
12. go East - Festival des mittel- und osteuropäischen Films
von David Leuenberger

12. go East - Festival des mittel- und osteuropäischen Films

Ein kleines georgisches Mädchen setzt eine Pfanne Öl an, um für sich und den mit ihr befreundeten Jungen Popcorn zu machen. Der Mais fängt bald an zu poppen und fliegt aus der Pfanne. Vergnügt springen die beiden Kinder durch das kleine Zimmer, um die Popcorns einzeln aufzusammeln... Das 12. go East Festival des mittel- und osteuropäischen Films hatte viele schöne Momente, aber die Popcorn-Szene aus dem poetischen sowjetischen Film LEUCHTKÄFERCHEN (1986) von Dato Janelidze gehörte zu den wohl magischsten Augenblicken des Festivals.

141 lange und kurze Filme aus dem östlichen Europa zwischen Warschau, Taschkent über Ljubljana und Moskau wurden gezeigt. Da der Tag nur 24 Stunden hat und diese lästige Erfindung namens menschlicher Körper manchmal Schlaf und ab und zu auch Nahrung braucht, hat der Verfasser nur 25 dieser Filme gesehen - nun ja, immerhin.
Zunächst aber zu den Wettbewerbsgewinnern: den Škoda-Preis "Die Goldene Lilie" für den besten Film gewann LEBEN des Russen Vasilij Sigarev, den Dokumentarfilmpreis "Erinnerung und Zukunft" der EVZ-Stiftung erhielt der deutsche Film REVISION, und den Preis für die beste Jury der Landeshauptstadt Wiesbaden durfte der Bulgare Konstantin Bojanov für seinen ersten abendfüllenden Spielfilm AVÉ entgegen nehmen. Der Verfasser kann nur zu letzterem kompetente Kommentare abgeben. AVÉ erzählt in sehr intensiver Weise die Geschichte zweier jugendlicher Hitchhiker, die durch die trostlosen Straßen des spätherbstlichen Bulgariens trampen. Der namenlose Junge und das namenlose Mädchen sind beide Außenseiter, die sich (zunächst) auch untereinander kaum verstehen. Besonders das Mädchen verstrickt sich selbst und ihren Kumpanen durch Lügen immer wieder in heikle Situationen. Trotz der teils drastischen Themen - Drogensucht, Gewalt, Selbstmord, Depression, Pädophilie - bleibt in AVÉ auch viel Platz für absurden Humor und Zärtlichkeit. Wenn manche Kritiker dem osteuropäischen Autorenkino blanken Nihilismus und trostlose Hoffnungslosigkeit vorwerfen, dann widerlegt Bojanovs Film dies ganz klar. Und sei es auch nur durch die wohl wunderschönste, sensibelste und anrührendste Liebesszene seit langem.
Der Regiepreis für Bojanovs stillen, leisen und wunderschönen Film ist sicherlich verdient. Ungleich exaltierter, explosiver und extravaganter war das Debüt des Serben Bojan Vuletic REISEFÜHRER DURCH BELGRAD MIT SINGEN UND WEINEN, ein witziger Episodenfilm über die interkulturelle Liebe zwischen jeweils einer Belgrader und einer ausländischen Person (Französin, US-Amerikaner, türkisch-stämmiger Deutscher und Kroate). Kleine Tourismus-Werbespots mit ironischem Voice-Over und einem passenden Chorgesang bilden jeweils die herrlich absurden Übergänge zwischen den Episoden. Obwohl es sich eigentlich "nur" um eine Liebeskomödie handelt, sprach der Regisseur im Nachgespräch seinem Film doch ein politisches Potential zu: nach wie vor leidet Serbien in Westeuropa unter einem gewissen... sagen wir mal "Image"-Problem. Sein Streifen wolle zeigen, dass auch Serben normale Europäer sein möchten, die in Frieden arbeiten, leben und Liebe machen. Pointiert ausgedrückt könnte man Vuletics Film auch als sehr eigensinnige Agitprop für einen EU-Beitritt Serbiens sehen. Die furiose, barocke, selbstreferenzielle, selbstironische und schier begeisterte Inszenierung wird REISEFÜHRER DURCH BELGRAD MIT SINGEN UND WEINEN zu einer sehr ernsthaften Konkurrenz für westliche Rom-Coms machen. Dieser urkomische, tragische, nachdenkliche und intelligente Film bekam bei seiner internationalen Premiere in Wiesbaden zurecht nicht ein, nicht zwei, sondern gleich drei Mal Applaus. Ohne Zweifel der Wettbewerbsliebling des Verfassers.
Ein ungleich schwierigeres Thema behandelte der Wettbewerbsbeitrag BLEI, nämlich die stalinistischen Massenrepressionen. Der sechste Film des Usbeken Zulfikar Musakov zeigte, dass einerseits diese Beschäftigung mit dem Stalinismus nicht in undifferenzierten nationalpatriotischen Kitsch à la KATYN münden muss, und dass andererseits trotz begrenztem Budget das usbekische Kino voller Potential steckt. Die Mischung aus Groteske, film noir, Außenseiter-Studie und Liebesdrama konnte dank ihres Mangels an jeglichem Pathos voll überzeugen und verdient auf jeden Fall eine ehrenvolle Nennung.

12. go East - Festival des mittel- und osteuropäischen Films

Auch außerhalb des Wettbewerbs feierten beim diesjährigen go East Festival neuere Beiträge ihre internationale oder deutsche Premiere. Sehr enttäuschend war der erste, einzige und letzte Film des Schriftstellers und Dichterpräsidenten Václav Havel, und dies wahrscheinlich nicht nur aufgrund der hohen Erwartungen. Man soll zwar über Verstorbene nur Gutes sagen, aber Havels ABGANG - adaptiert von einem eigenen Theaterstück über einen abgewählten Spitzenpolitiker, der seine Dienstvilla nicht räumen will - war der wohl der größte Flop des Festivals. Was im Theater gut läuft, muss nicht unbedingt auf 35 mm funktionieren und Havel ist kein Elia Kazan. Er ist auch kein Fellini oder Greenaway oder Terry Jones: viel zu krampfhaft wollte der Film demonstrieren, wie überdreht und ausgeflippt er ist und wurde daher doch einfach nur anstrengend. Auch der deutsche Film AUSGERECHNET SIBIRIEN konnte nicht wirklich überzeugen. Joachim Król spielt Martin Bleuel, den Manager einer Textilien-Spedition, der geschäftlich nach Sibirien reist, um den Russen mal in Sachen deutscher Geschäftstüchtigkeit gehörig einzuheizen. Dabei verliebt er sich in eine Sängerin und Schamanin. Es ist etwas ärgerlich, dass nur wenige Russland-Klischees ausgelassen werden, ohne je ironisch gebrochen zu werden. Martin geht mit seiner deutschen Überheblichkeit, seiner Russland-Ignoranz und seiner Klugscheisserei in Sachen Schamanismus (die Kenntnisse entstammen der Bahnhofs-Esoterikliteratur in Hörbuchform) irgendwann nicht nur seinen sibirischen Gastgebern auf die Nerven. Der Film plätschert etwas zäh und überlange auf mittlerem TV-Film-Niveau vor sich hin. Was soll's: wenigstens vermag er aber durch einige witzige Momente, schöne Landschaftsbilder und dem sehr überzeugenden und charmanten Jungdarsteller Vladimir Burlakov (der Król hier die Show stiehlt) zu unterhalten.
Die Deutschlandpremiere von GRENZESEL war zunächst in einer Hinsicht ein großes Ereignis - handelte es sich doch um den ersten in und von der Republik Kosovo produzierte Spielfilm. Die Handlung spielt in den 1960er Jahren an der Grenze zwischen dem titoistischen Jugoslawien und dem Albanien des letzten europäischen Stalinisten Enver Hoxha. Hier wird der Grenzverkehr beiderseits von mürrischen und selbstherrlichen Grenzwächtern kontrolliert. Ein Esel der sich nicht an geographische Grenzen hält, eine überaus üppige Bäuerin, ein idealistischer Lehrer und eine heiratswillige junge Frau sorgen bald für großen Trubel. Sehr schnell stellen sich existentielle Fragen: ist der grenzübertretende Esel aus Albanien vielleicht ein Spion, der in seinem Allerwertesten eine Bombe versteckt hat? Ist der latent notgeile jugoslawische Schafhirte ein Diversant in Titos Namen? Kurz gesagt: GRENZESEL ist ein herrlicher kleiner Film mit einem völlig absurden Humor, der sehr schön demonstriert, dass eine "Bewältigung" der kommunistischen Vergangenheit nicht immer in solch bierernsten Bahnen wie DAS LEBEN DER ANDEREN verlaufen muss.

12. go East - Festival des mittel- und osteuropäischen Films

Das go East Festival zeigt aber nicht nur aktuelle Filme, sondern fungiert auch immer als eine mehrtägige Cinémathèque mit wiederentdeckten und restaurierten Filmen. So widmete sich das alljährliche Symposium dieses Jahr dem ältesten Filmstudio der Sowjetunion, Lenfilm, und zeigte einige seiner Perlen im Murnau-Filmtheater. Es ist übrigens - nur als Nebenbemerkung - eine "Ironie des Schicksals" (eigentlich Mosfilm), dass im selben Gebäude (!) die Murnau-Stiftung Filme restauriert und die FSK Filme verstümmelt.
Am dritten Festivaltag wurden Evgenij Cervjakovs STÄDTE UND JAHRE sowie der erste Teil von Grigorij Kozincevs und Leonid Traubergs Maxim-Trilogie, MAXIMS JUGEND präsentiert. Beide Filme sind keineswegs Meisterwerke oder formell gewagte Experimente, aber sie sind grundständiges und handwerklich solides Kino aus der Frühphase des sozialistischen Realismus. Im Stummfilm STÄDTE UND JAHRE geht es um einen russischen Verbindungsmann in einer Internationalen Roten Brigade während des Russischen Bürgerkriegs, der einen Feind begnadigt hat. In Rückblenden mit mehr oder weniger großen und intendierten Auslassungen (eine Filmrolle ist definitiv verschollen) erklärt sich sein Verrat über eine unglückliche Liebesgeschichte. Was den Film etwas untypisch macht, ist seine individuelle Psychologisierung der Charaktere und die Abwesenheit von Massen jenseits gewalttätiger Zusammenhänge. MAXIMS JUGEND ist hingegen eine Coming-of-Age-Geschichte auf sozialistisch: das Heranreifen eines jungen Arbeiters zum Revolutionär in Form eines Abenteuers, begleitet von mitreissenden Songs (Šostakovic hat nicht nur sperrige Sinfonien komponiert).
Den Höhepunkt des Tages bildete jedoch das Fridrich-Ermler-Double-Feature. Als hauptberuflicher Tschekist und Parteisoldat war Fridrich Ermler (so sein bolschewistischer Tarnname) aus politischer Sicht wohl geeigneter denn aus künstlerischer Sicht, um die Lenfilm-Gesellschaft mitzubegründen. Ermler soll gar in den 1920er und frühen 30er Jahren im Studio angeblich seine Filme in voller Tscheka-Uniform inszeniert haben, also mit martialischer Lederjacke und geladener Pistole am Gürtel! Nichtsdestotrotz war er auch ein getriebener Künstler, den keines seiner eigenen Werke zufrieden stellen konnte, und seine Filme widerspiegeln die Suche nach einer visuell formvollendeten künstlerischen Sprache.
DIE ÜBERRESTE EINES IMPERIUMS drehte Ermler kurz nach einer mehrmonatigen Deutschlandreise, wo er Eindrücke des deutschen expressionistischen Kinos gesammelt hatte. Der Film von 1929 erzählt vom Schicksal eines Soldaten, der im Ersten Weltkrieg durch eine schwere Kopfverletzung jegliches Erinnerungsvermögen verliert und daher die Russische Revolution "verpasst". Über zehn Jahre danach kommt er wieder zu sich und entdeckt ein völlig anderes Russland. DIE ÜBERRESTE EINES IMPERIUMS ist eine inszenatorische Meisterleistung, der expressionistische Momente mit zu Extremen getriebenen Montage-Sequenzen verknüpft: pure Form und reines Kino. Die Aufführung dieses Stummfilms ohne jegliche musikalische Untermalung erhöhte den Eindruck der Bilderflut. In vorangestellten Ausführungen erklärten die Symposiums-Organisatoren Barbara Wurm und Olaf Müller, dass der Film auch in Westeuropa und in den USA gezeigt worden ist, und dass die Geschichte des amnesischen Soldaten, der die laufenden politischen Entwicklungen nicht mitbekommt, möglicherweise Charles Chaplin bei der Produktion von DER GROSSE DIKTATOR inspiriert hat.
VOR DEM GERICHT DER GESCHICHTE aus dem Jahre 1965 ist hingegen Ermlers strukturelles Remake von DIE ÜBERRESTE EINES IMPERIUMS. In diesem semidokumentarischen Film-Essay steht Vasilij Šul'gin im Mittelpunkt: konservativer Monarchist, Duma-Abgeordneter zwischen 1907 und 1917, Revolutionsgegner, schließlich Mitbegründer der Weißen Armee, Gallionsfigur der weißen Emigranten, Rückkehrer und GULag-Häftling. Ein namenloser und fiktiver Historiker empfängt den realen Šul'gin in Leningrad und begleitet ihn durch verschiedene historische Orte seines vorrevolutionären Lebens. Dabei hält er eine Art Gericht oder Schauprozess gegen den ehemaligen Klassenfeind. Das Resultat eindeutig: Šul'gin ist schuldig, er konnte den historischen Fortschritt hin zum Kommunismus nicht aufhalten, die Weiße Bewegung war trotz Paktierens mit den Faschisten und den Nazis zum Scheitern verurteilt. Aber es ist faszinierend, wie der Monarchist Šul'gin durch den Kommunisten Ermler dennoch als würdige, da tragisch gescheiterte Figur dargestellt wird. Ermler identifizierte sich offensichtlich mehr mit Šul'gin als mit dem neunmalklug dozierenden Apparatschik-Historiker; als würde der Stalinist Ermler seine Frustration an der Sowjetunion der "Tauwetter-Ära" identifizierend auf Šul'gin projizieren. Ein sehr vielschichtigerer Film als zu erwarten gewesen wäre.
Ebenso wurde einer der größten Kassenschlager der sowjetischen Filmgeschichte und der erfolgreichste Streifen von Lenfilm zum Besten gegeben: DER AMPHIBIEN-MENSCH. Der Film hält sozusagen was der Titel verspricht und entpuppt sich als kuriose aber interessante und unterhaltsame Mischung aus Science-Fiction, Südsee-Abenteuer, Romanze und einem Hauch an Glitzerkram und sozialistischem Bewusstsein. Ein See-Ungeheuer macht vor einem fiktiven Südsee-Ort die Fischer unsicher. Dabei handelt es sich um einen eigentlich harmlosen, amphibischen jungen Mann namens Ichtyander. Der Sohn des weltverbessernden Dr. Salvator verliebt sich in die Fischertochter Guttiere, rechnet aber nicht mit dem Widerstand des gemeinen Fischerboots-Besitzers Zurita. Klingt irgendwie absurd, ist aber eigentlich "nur" die Verfilmung eines Science-Fiction-Romans der 1920er, als in der Sowjetunion das Genre noch verbreitet war. Ein wirklich netter und unterhaltsamer Film - wenn man zumindest bereit ist, sich ihm gegenüber trotz lächerlicher Glitzerkostüme zu öffnen.
Dieses Jahr begann das go East Festival auch eine Zusammenarbeit mit der Slowenischen Kinemathek und präsentierte zwei slowenische Blöcke. TRIPTYCHON DER AGATA SCHWARZKOBLER von Matjaž Klopcic (1997), eine Verfilmung eines stream-of-consciousness-Romans der 1960er Jahre, war ein überaus anspruchsvolles Verwirrspiel mit dem Zuschauer, eine surrealistische Aneinanderreihung merkwürdiger Dialoge und irrationaler Handlungen und ein unprätentiöses, aber letztlich sehr anstrengendes Stück Experimentalfilm. Vom Publikum sehr viel besser aufgenommen wurde eine kleine Kurzfilmretrospektive zum jugoslawischen-slowenischen Kameramann und Regisseur Karpo Godina. Das titoistische Jugoslawien hatte im Gegensatz zu den sozialistischen Staaten des Ostblocks eine relativ lockere Zensur und entwickelte sich zu einem idealen Biotop für merkwürdige Experimentalfilme. Der Untertitel der Retrospektive, "poetisch-subversive Ironie", traf perfekt auf die vier präsentierten Kurzfilme Godinas zu. Die scheinbar extreme formale Strenge (starre Kamera) verwandelt der Jugoslawe mittels Schnitte, Musik, variierender Lichtsetzung, wechselnder Dekors, Voice-Overs und Zwischentitel in sehr bewegte und wahnsinnig komische kleine Tableaus. Beim ersten Kurzfilm GRATINIERTES HIRN VON PUPILIA FERKEVERK war der Titel sozusagen noch das normalste am Film. In einem kleinen Dorf der Vojvodina hingegen, wo Russinen, Kroaten, Magyaren, Slowaken, Rumänen und Roma nebeneinander- und zusammenleben, hat Godina DIE LITANEI DER HEITEREN LEUTE gedreht, eine wunderbare Musikclip-Verballhornung sozialistischer Brüderlichkeit-und-Einheit-Lieder.

12. go East - Festival des mittel- und osteuropäischen Films

Fazit: Mittel- und osteuropäische Filme unter einem gemeinsammen Nenner in einem Satz zu erklären, ist aufgrund ihrer großen Vielfalt unmöglich. Die angebotene Vielfalt auf dem go East-Festival war jedenfalls von durchgehend hoher Qualität: ein wirklich sehr schönes und gelungenes Ereignis mit tollen Filmen. Die wenigen schlechteren Machwerke konnte man bei den allabendlichen Parties mit ihrem sehr umfassenden Angebot an Balkan-Beats, Frei-Sekt und Frei-Vodka wieder vergessen.

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