AFTER DARK Film TALK Facebook Twitter

das manifest¬  kontakt¬  impressum¬  verweise¬  übersicht¬ 
[   MEINUNGSMACHER  |   GEDRUCKTES IST TOT  |   KAPITELWAHL  |   UNENDLICHE TIEFEN
   MENSCHEN  |   GESPRÄCHE  |   FEGEFEUER DER EITELKEITEN  |   MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN   ]
UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
22. Internationales Filmfest Oldenburg
von Hasko Baumann

22. Internationales Filmfest Oldenburg

"Das deutsche Sundance" ist das Internationale Filmfest Oldenburg schon mehrfach genannt worden. Das mag angesichts der Tatsache, daß in Deutschland ja immer gern das oder der nächste deutsche Irgendwas ausgerufen wird (Heino Ferch ist der "deutsche Bruce Willis", Aiman Abdallah ist, herrje, der "deutsche George Clooney"), zunächst einmal für Skepsis sorgen. In diesem Fall passt der Vergleich allerdings. Oldenburg präsentiert nun schon seit 22 Jahrgängen ein spannendes und stimmiges Programm, das ganz im Zeichen der Entdeckung unabhängig produzierter Filme steht - mit leichter Tendenz zum US-amerikanischen Kino. Daß dabei auch die bei renommierten Festivals eher ausgeschlossenen Genres wie Horror und Action zum Zug kommen, macht den besonderen Charme des Festivals aus und ist Zeugnis der Liebe des Festivalleiters Torsten Neumann zum unterschlagenen Film. Und es ist auch der Grund dafür, daß die amerikanische Filmzeitschrift Moviemaker das Filmfest Oldenburg jüngst zu einem der 25 coolsten Festivals der Welt gewählt hat.

Leider hat sich das in Deutschland und insbesondere in Oldenburg selbst noch nicht so recht rumgesprochen, da können auch die warmen, aber wenig leidenschaftlichen Worte offizieller Herren bei der immerhin von 1.000 Gästen besuchten Eröffnungsveranstaltung nicht viel ändern. In der Provinz ist nun mal der Karnickelzüchterverein irgendwie greifbarer als die internationale Anerkennung aus Hollywood und Cannes; die bei der Gala anwesenden Stargäste Joanna Cassidy und George Armitage beeindrucken das gemeine Volk ebenso wenig wie Schauspielerin Deborah Kara Unger, die plötzlich auf der Bühne steht und ihren sehr, sehr lässigen Festivaltrailer "Little Kingdom" (mit Stacy Keach!) präsentiert. Da musste vor einigen Jahren schon Veronica Ferres kommen, um die Leute vor Begeisterung auf die Barrikaden des roten Teppichs zu bringen. Schade.

Aber Torsten Neumann ist nicht an Starpower um ihrer selbst Willen interessiert. Er lädt die Leute ein, die er spannend findet; Menschen, die Geschichten zu erzählen haben. Das waren in den vergangenen Jahren zum Beispiel Sean Young, Ted Kotcheff, Philippe Mora oder James B. Harris - Namen, bei denen das Herz von genreaffinen Filmfreunden schneller schlägt. Und viele von ihnen kommen wieder: Debbie Rochon ist in diesem Jahr mit ihrem Regiedebüt wieder dabei, Buddy Giovinazzo fungiert mittlerweile als fester Bestandteil des Festivals, und Deborah Kara Unger ist gleich ganz beim Festivalleiter geblieben. Ein besseres Zeugnis für dieses so gast- und gästefreundliche Fest des Films kann es kaum geben.

Das Festival ist so dezentralisiert wie es früher, in besseren Zeiten, auch die Berlinale einmal war; die mal schönen, mal weniger schönen Spielorte verteilen sich - meist in fußläufiger Distanz - über die Stadt (Highlight ist sicherlich die für ausgewählte Vorführungen bespielte Justizvollzugsanstalt, in der die Filme auch zusammen mit Insassen gesehen werden). Die Atmosphäre ist dabei durchaus familiär und sehr entspannt; die Organisatoren lassen sich den Dauerstress nicht anmerken und überhaupt wird gern gelacht und getrunken. Toll! Da ist es nur um so trauriger, daß es auch hier mal wieder ein paar parasitäre Schreiberlinge gibt, die partout auf VIP-Treatment bestehen und sich bitte schön mit dem Fahrservice zum Kino bringen lassen wollen, anstatt mal einen kleinen Fußmarsch durchs beschauliche Oldenburg anzutreten. Filmkritiker, the worst. Always.

22. Internationales Filmfest Oldenburg

Um nun aber auch mal zum eigentlichen Kern der Veranstaltung kommen, möchte ich einige Filme herausgreifen, die die Bandbreite dieses Festivals dokumentieren und jeder für sich für Gesprächsstoff gesorgt haben.

Der Eröffnungsfilm JACK erzählt die Geschichte des vermeintlichen Serienmörders Jack Unterweger, der nicht nur seinerzeit die internationale Boulevardpresse in Atem hielt, sondern schon Grundlage für zwei Theaterstücke, einen Dokumentarfilm und den Spielfilm FEGEFEUER war. JACK, eine bewusst freie Adaption, ist nicht an der Beantwortung der Schuldfrage, sondern an der Psychologie seiner schizophrenen Hauptfigur interessiert. Dabei kann Elisabeth Scharangs Film mit hervorragenden Darstellerleistungen von Johannes Krisch, Corinna Harfouch und der mittlerweile Bette Midler nicht unähnlichen Birgit Minichmayr aufwarten. Vor allem aber sieht JACK dank der Kameraarbeit von Terence Malicks Weggefährten Jörg Widmer einfach großartig aus. Bis auf die fürchterlich öde und redundante Musik der Klagenfurter Band Naked Lunch ein starker Beginn für das Festival, den Produzent Dieter Pochlatko sehr sympathisch präsentierte.

Julien Temples Dokumentarfilm THE ECSTASY OF WILKO JOHNSON hatte bereits beim diesjährigen SXSW viele Freunde gefunden, was durchaus für Vorfreude bei mir sorgte. Der Film begleitet den legendären Dr. Feelgood-Gitarristen Johnson durch sein Leben nach der Krebsdiagnose und ist dabei weniger an einer Künstlerbiografie interessiert als an einem Dasein im Angesicht des Todes. Die filmische Gestaltung fällt dank Musikvideo- und Musikfilm-Altmeister Temple erwartungsgemäß bildstark aus; die Collagen aus assoziativen Effektbildern und nur teilweise passenden Ausschnitten aus Filmklassikern wie NOSFERATU oder A MATTER OF LIFE AND DEATH war mir mitunter zu überladen. Aber es gibt auch viele charmante Ideen: So sitzt Johnson im Master-Interview getreu dem filmischen Vorbild (Ingmar Bergmans DAS SIEBENTE SIEGEL) am Meer, beim Schachspiel mit dem Tod. Und überhaupt ist Johnson ein so gewinnender, liebenswerter Erzähler, daß man aus diesem lebensbejahenden Film glücklich herauskommt.

Weniger lebensbejahend als vielmehr regelrecht nihilistisch fiel der serbische Beitrag TRAVELATOR aus. Zwar erreicht dieser durchaus gewalttätige Film, in dem ein desillusionierter junger Serbe einen Mordauftrag in Las Vegas annimmt, um Geld für die Krebstherapie seiner Mutter zu verdienen, nie die grellen Dimensionen des berüchtigten SERBIAN FILM - er strahlt aber mit der Hoffnungslosigkeit im Flüchtlingscamp und seinen gewalttätigen Hauptfiguren durchaus eine ähnliche Wut aus und sorgt am Ende mit einer langen Egoshooter-Sequenz für eventuellen Diskussionsstoff. Vom Programmheft sehr vollmundig als "Mischung aus BLADE RUNNER und TAXI DRIVER" angekündigt, war mir diese verschachtelt erzählte Parabel aber vor allem viel zu prätentiös. Beeindruckt hat mich nur, was Regisseur Dusan Milic mit einer 5D und ohne Genehmigungen in der notorisch drehfeindlichen Stadt Las Vegas an Bildern bekommen hat. Mit einem Bein im Knast sozusagen, wie er auch selber zugab: "Als wir ein als Polizeiwagen beklebtes Auto die Strasse hinabfahren ließen, ist unsere amerikanische Crew vor Angst fast durchgedreht - wir wussten gar nicht, wieso!"

In seiner Retrospektive präsentierte das Festival dieses Mal das Werk des Regisseurs und Autors George Armitage und damit ein Wiedersehen mit Filmen wie GROSSE POINT BLANK, VIGILANTE FORCE und sogar dem GET CARTER-Ripoff HIT MAN. Ich hatte mir MIAMI BLUES ausgesucht, der mit seinen präzise gezeichneten Figuren, pechschwarzen Gags und einem entfesselten Alec Baldwin immer noch das Publikum zu begeistern versteht. Leider wurde nur eine DVD projiziert, und die auch noch mit deutschen Untertiteln für Hörgeschädigte, die einen immer darüber informierten, daß da nun gerade "sanfte Klaviermusik" liefe oder "ein Vogel kreischt". Armitage bemerkte hinterher kopfschüttelnd, sowas habe er noch nie gesehen. Ansonsten zeigte er sich als sehr nahbarer und freundlicher Geschichtenerzähler, wie übrigens auch Schauspielerin Joanna Cassidy, die mit einem Stern im Oldenburger Walk of Fame geehrt wurde und auf Parties das Tanzbein schwang wie keine Zweite.

Ein ebenfalls unglaublich sympathischer Stargast war die Rückkehrerin Debbie Rochon, mit der ich mich bei der Eröffnung bei ein paar Gläsern Wein und noch mehr Zigaretten über das Horrorkino von heute unterhielt. "Es ist ja in Ordnung, daß heute jeder Filme machen kann, aber die sind alle so glossy und haben keinen Inhalt", sagte sie. "Mein Film ist überhaupt nicht glossy. Dafür hat er Inhalt." Der Inhalt von MODEL HUNGER, den sie am folgenden Abend präsentierte, ist schnell erzählt: Ein frustriertes Ex-Model (Lynn Lowry in einer völlig ungebremsten Performance) killt und ißt junge Frauen, die zu ihrem Ärger den Schönheitsidealen von heute entsprechen. Dabei läuft pausenlos eine total kaputte Show namens "Suzy's Secret" im Fernseher, in der Frauen in Fatsuits und Männer, die aussehen wie Divine, die Vorzüge der Fettleibigkeit predigen. Die zunehmend geschmackloseren Goreszenen irritierten dabei das Auditorium vielleicht noch nicht mal so sehr wie die unfassbar billige Machart des Films. Ein (bewusst?) anstrengender Film, von Altmeister Harry Manfredini mit einem unverwechselbaren Score bespielt.

Mein persönliches Highlight hingegen war ein völlig unerwartetes: MEET ME IN MONTENEGRO erzählt die Kriegen-sie-sich-oder-kriegen-sie-sich-nicht-Geschichte eines amerikanischen Drehbuchautoren und einer norwegischen Tänzerin, die sich nach einem gescheiterten ersten Versuch in Montenegro in Berlin wiederbegegnen. Die Filmemacher Alex Holdridge und Linnea Saasen spielen sich dabei mehr oder weniger selbst. Normalerweise geht sowas mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schief, aber MEET ME IN MONTENEGRO umschifft ungemein charmant alle Stolperfallen und gönnt seinen Figuren nie den erwartbaren oder einfachen Weg. In einer Nebenhandlung glänzen Rupert Friend und Jennifer Ulrich als befreundetes Paar mit ganz eigenen Problemen; daß diese toll gespielten Nebenfiguren nicht mit dem Film durchbrennen, ist Beweis für die perfekte Balance dieses wunderbaren, lustigen und rührenden Films. Dementsprechend lang und anhaltend fiel auch der verdiente Applaus aus.

Im Grunde steht MEET ME IN MONTENEGRO für das, was auch das Filmfest Oldenburg ausmacht: Liebe (in diesem Fall für Film), Authentizität, Spaß, Internationalität. Der internationale Ruf ist verdient. "Na, kommste nächstes Jahr wieder, oder?" fragt mich Torsten Neumann bei der Verabschiedung. Ja, denke schon.

Mehr Informationen gibt's auf filmfest-oldenburg.de.




Facebook facebook | Twitter twitter :: Datenschutz :: version 1.10 »»» © 2004-2017 a.s.