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UNENDLICHE TIEFEN

Essay.
"Ich kann mit jedem arbeiten, der keinen Erfolg will" - Die Filme des John Cassavetes
von Claudia Siefen

Das Österreichische Filmmuseum in Wien zeigt vom 16. Mai bis zum 08. Juni die zwölf Spielfilme des amerikanischen Regisseurs (1929-1989) und geistigen Vaters des amerikanischen "Independent"-Films.

Sterben... und leben lassen
STERBEN... UND LEBEN LASSEN (1985) Regie. John Cassavetes

SCHATTEN (1959) endet mit der Einblendung: "Der Film, den Sie eben gesehen haben, war eine Improvisation". Somit hielt sich das Drama über Beatniks und Hipsters, Jazz und Rassismus in New York über Jahre als Meisterwerk der Spontaneität und wird heute noch gerne von Filmkritikern als Cassavetes' ganz persönliches "Rosebud" gefeiert. Wenn man dem Autoren Ray Carney glauben schenken darf (einem ausgewiesenen Cassavetes-Experten und Freund zu dessen Lebzeiten), so existieren zwei Versionen des Films: die zweite wurde anhand eines akribischen Drehbuchs erstellt und auch die erste Version enthielt bereits einige Passagen, die auf einem Drehbuch basierten. Beide Fassungen mussten aufgrund technischer Unwissenheit der Beteiligten vollständig nachsynchronisiert werden, was dem Film seine fingerkribbelnden Unebenheiten verleiht. So ist das nun mal mit den Mythen, deren Aufdeckung aber nicht in der Lage ist, Cassavetes Könnerschaft auch nur ansatzweise in Frage zu stellen.

Vom rein Technischen einmal abgesehen lässt sich die damalige wie heutige Begeisterung (oder gegebenenfalls auch Abneigung) für Cassavetes' Filme vor allem daran festmachen, dass er seine Charaktere völlig vorwurfsfrei auf die Leinwand schickte. Sie müssen nicht irgendetwas in ihrem Leben in Ordnung bringen und werden zum Schluss auch nicht geläutert in eine grandiose Zukunft entlassen. Cassavetes war in der Lage, nur zu zeigen und den Zuschauer für die eigenen Qualen Bilder und Worte finden zu lassen. Man fühlt sich einerseits verstanden, wenn man das denn von einem Film erwarten sollte, anderseits maßt sich hier ein Filmregisseur nicht an, die perfekte Lösung zu allem und jedem parat zu haben.

Die Reihe startet mit GESICHTER (1965-1968), einer Schwarzweiß-Produktion, die Cassavetes' Bestreben nach schauspielerischer Direktheit kongenial aufzeigt. Eine Ode an das "method-acting" mit all seinen genuschelten Texten, verrissenen Gesten, gegen den Strich bürstenden, ungereimt erscheinenden Längen in den einzelnen Einstellungen: eine weite Landschaft des Schauspiels mit all seinen Störgeräuschen und Unschärfen, um das Ende einer Ehe zu bebildern. Es gibt viel Gerede und Aktion, ohne auch nur eine Minute die Beweggründe und Handlungsweisen der gezeigten Personen zu erklären. Cassavetes reiht hier Momente des Unwohlseins und der emotionalen Verwirrung aneinander, die sich nach dem Film nicht für eine Sekunde genauer definieren lassen: das Unwohlsein überträgt sich auf den Zuschauer, ohne eine vermeintliche Empathie vorzutäuschen.

EIN KIND WARTET (1963) beeindruckt zuallererst einmal durch seine Cast: zu sehen sind Judy Garland und Burt Lancaster, hier in ihrer Darstellungsweise als Vertreter eines glatt geschliffenen und hochprofessionellen Hollywood-Kinos. Die enormen Reibungen kommen durch Cassavetes' Unglauben an eine "aseptisch-saubere" Welt, im Innern wie im Äußeren, zustande. Cassavetes gibt hier ein grandioses Bild der damaligen Umgehensweise mit geistig behinderten Kindern. Garland spielt eine Lehrerin, die an ihrer Verantwortung zerbricht und Lancaster gibt den Heimleiter, dessen Fassade als Sprachrohr von Schutzbedürftigen an Garlands aufkommenden Zweifeln ebenfalls seinen Halt verliert. Garland mit ihren schreckgeweiteten Rehaugen und dem dunkelrot geschminkten, runden (immer noch) Kindermund wird selbst zur Schutzsuchenden und erfährt die Gewissheit, dass die ach so armen Kleinen ihr an Lebensfähigkeit letztlich so einiges voraus haben.

EINE FRAU UNTER EINFLUSS (1974), der Titel allein hat sich im Sprachgebrauch längst verselbstständigt. Ein imposanter filmischer Herzausreißer, der einen über zwei Stunden im Kinosessel verzweifeln und fürchten lässt. Gena Rowlands, mit der Cassavetes zu dem Zeitpunkt bereits zwanzig Jahre verheiratet war, als frustrierte Ehefrau, die zunehmend an ihrer Ehe leidet, da die als Hausfrau und Mutter von ihr erwartete Aufgabenerfüllung und Selbsthingabe (-aufgabe?) innerhalb der von ihr erlebten Gesellschaft sie auffrisst und niedermacht. Psychische Labilität und Alkohol scheinen der einzige Ausweg, sowie die Möglichkeit, nach einer Sauftour die Nacht mit einem fremden Mann zu verbringen. Cassavetes hat seine Arbeitsweise längst verinnerlicht: Gena Rowlands und Peter Falk in besessener Anstrengung: der Mann versucht die Frau zu verstehen. Cassavetes gibt keinerlei Vorgaben, wie seine Schauspieler die Figuren zu entwickeln haben, spielt sie gegen einander aus, Brüllereien sind am Set an der Tagesordnung. Ursprünglich in der selben Besetzung als Theaterstück konzipiert, scheiterte dies Unternehmen an der Weigerung Rowlands, sich allabendlich auf der Bühne in diesen Handlungsstoff zu stürzen. Furcht einflößend in den kleinen Gesten, der Hunger nach Liebe und vor allem danach, so geliebt zu werden wie man "wirklich" ist: kein "wenn" und kein "aber". Rowlands Verzweiflung ist nachvollziehbar, wenn Falk sich nach kurzer Zeit des Erkennens bereits von ihr abwendet, da sie nicht mehr so funktioniert, wie er es gerne hätte. Als sie ihn schließlich fragt, ob er sie noch liebe, schlägt er nach einer langen Pause vor, den Müll runter zu tragen.

DIE ERSTE VORSTELLUNG (1977) erscheint als Abgesang auf Cassavetes' eigene Arbeitsweise: eine Schauspielerin verwechselt so nach und nach die Erlebnisse und Innenwelten ihrer darzustellenden Figur mit ihren eigenen Problemen. Begleitet wird sie dabei von einer jungen Bewunderin, deren Unfalltod man zuvor erlebt hat. Begleitet von den Toten: welcher Weg kann das sein und wohin wird er führen? Cassavetes setzt sich oberflächlich mit dem Verlust von Distanzen im Schauspielberuf auseinander, diese Geschichte lässt sich aber auch als gewünschter Schutzbereich im alltäglichen Leben lesen, von der Notwendigkeit und dem gerechtfertigten Anspruch, sich zurück ziehen zu dürfen und nicht immer funktionieren zu müssen. Bis zu welchem Grad man hierbei gehen kann, muss jeder für sich selbst entscheiden.

LOVE STREAMS (1984): Cassavetes darf hier zur künstlerischen Profilierung eines kommerziellen Produzententeams drehen, wozu er Lust hat und sich auch dementsprechend austoben. Herausgekommen ist die Bebilderung der ewigen Suche nach tiefer Zuneigung, Zärtlichkeit, die über den Körper hinaus geht, Verständnis und Wärme, Berührungen mit sanfter Bedeutung. Ein berühmter Schriftsteller (Cassavetes inszeniert sich selbst) wird sich seiner emotionalen Verkrüppelung bewusst. Er ist der Verehrung seiner Berühmtheit von nackten Schönheiten überdrüssig, die sich in seine Wohnung schleichen, und sich mit Sex ein wenig seinen Ruhm erobern wollen. Seine Schwester (Rowland!) sucht die tiefe Zuneigung, in dem sie Krankenbesuche an wildfremde Menschen abstattet. Die Handlung will es, dass sie ihren Bruder vermisst und sich zu ihm auf den Weg macht. In zunächst ausgelassener geschwisterlicher Albernheit kommt es zur Annäherung, die beide aufs Äußerste verwirrt. Auf der Suche nach der Seelenverwandtschaft.

"Just say, who you are. Not who you like to be. Not who you should be. Just say, who you are. Once for all that is enough."




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