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UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
Fantasy Filmfest Nights 2022
von André Becker

Fantasy Filmfest Nights 2022

Am Anfang des Jahres hätte es angesichts der Coronazahlen wohl niemand für möglich gehalten, dass die Fantasy Filmfest Nights im März/April tatsächlich stattfinden. Doch seit Jahresbeginn hat sich einiges getan. Filmfestivals sind (unter Auflagen) wieder möglich und besser planbar. Bereits im Februar konnte deshalb auch die Berlinale Publikum zulassen und annähernd im Normalbetrieb ein wenig Glamour in der Hauptstadt tragen.

Mehrere Monate später lädt nun also das Fantasy Filmfest zu den Nights ein. Wie immer mit weniger Filmen als das Hauptfestival im Herbst, aber wie gewohnt mit einem hervorragend kuratierten Programm, dass diesmal besonders international ausfiel. Ein Blick auf das Programmheft und die verfügbaren Trailer machte jedenfalls sehr neugierig auf die jeweiligen Produktionen. Neben Filmen von Regisseuren, die schon mehrfach auf dem Festival vertreten waren und bei denen man eigentlich nie das Lösen des Tickets bereut (u.a. der neueste Streifen von Quentin Dupieux INCREDIBLE BUT TRUE), versprachen vor allem die Werke aus eher ungewöhnlichen Filmländern wie Senegal (SALOUM) oder dem Iran (ZALAVA) unverbrauchte Perspektiven im Genre-Kino. Nicht unerwähnt bleiben sollte zudem dass vier von siebzehn Filmen von Frauen hinter der Kamera inszeniert wurden (drei davon als Debüt) und somit der "weibliche" Blick wesentlich stärker als in den Vorjahren vetreten war.

Fantasy Filmfest Nights 2022

In Berlin fand das Festival wieder im Kino der Kulturbrauerei statt, dass zwar mit einem hohen Krankenstand unter dem Personal zu kämpfen hatte (was teils recht lange Wartezeiten vor den Kassen unumgänglich machte), das sich ansonsten aber erneut als tolle Location präsentierte. Das April-Wetter zeigte sich dabei vor allem am ersten Festival-Tag von seiner besonders trüben Seite. Aber man muss das natürlich von seiner positiven Seite sehen. Ein weiterer Grund sich in einen gemütlichen Kinosaal zu setzen und als Eröffnungsfilm den neuesten Output von Ti West (THE HOUSE OF THE DEVIL) zu begutachten

Der schlicht X betitelte Festival-Opener wurde vom Studio A24 produziert, was mittlerweile automatisch als Qualitätssiegel gilt und die Vorfreude auf den Film noch einmal steigerte. Und was soll man sagen: Der neueste Film von West spielt im gegenwärtig bereits recht umfangreichen Œuvre des Regisseurs auf den vordersten Plätzen. West verquickt hier einen augenzwinkernden Meta-Kommentar auf die Porno-Industrie der späten Siebziger mit handfestem Horror in der texanischen Einöde. Was auf den ersten Blick wie ein weiterer der mittlerweile zahlreichen Retro-Horrorstreifen wirkt, die mit Wischblenden und weiterem Schnickschnack versuchen die jeweilige Zeit heraufzubeschwören, wird dank Wests gewitzter Inszenierungsweise zu einer Betrachtung auf den damaligen Zeitgeist und letztlich auf die Funktionsweisen der Genres selbst. Und das dankeswerter Weise ohne angeberisch die Arthouse-Keule zu schwingen oder ins spätpubertäre Nerd-Gehabe abzudriften. Trotz all der verschachtelten Verweise, Referenzen und Subtexte ist X aber auch klassische Genre-Kost, die vor allem im letzten Drittel konsequent Fan-Service bietet und einige wahrlich irre Szenen abfeuert.

Fantasy Filmfest Nights 2022

Am Freitag stand mit DARK GLASSES schließlich ein Film in den Startlöchern, mit dem wohl niemand mehr gerechnet hatte. Dario Argento will es zehn Jahre nach seinem letzten Werk DRACULA noch mal wissen. Die Handlung und der Look des Films stehen dabei überdeutlich in der Tradition der Giallo-Filme aus Argentos Anfangstagen als Regisseur. Wie so oft bei Argento wird auch in DARK GLASSES eine weibliche Hauptfigur in einen Strudel aus Gewalt und Terror gezogen. Diesmal ist es eine gutbetuchte Edelprostituierte, die von einem verrückten Killer ins Visier genommen wird und die nach einem Unfall ihr Augenlicht verliert.

Die erste halbe Stunde des Films zeigt Argento zwar nicht unbedingt in Bestform, aber man merkt, dass es der mittlerweile über achtzig Jahre alte Italiener weiter versteht Suspense zu erzeugen und erinnerungswürde Szeneabläufe zu inszenieren. Die Verfolgungsjagd in der die Hauptfigur vom Killer gejagt wird und schließlich ein anderes Auto rammt, ist durchaus beeindruckend in Szene gesetzt und erinnert mit der gekonnten Verschmelzung von Musik und Bild an die alten Glanzzeiten des Regisseurs. Nachdem Argento im ersten Drittel die Ausgangskoordinaten der Handlung gesetzt hat, baut DARK GLASSES aber leider stark ab. Logiklöcher so groß wie das Kolosseum tun sich auf, unfreiwillig komische Szenen beeinträchtigen die Atmosphäre empfindlich und überhaupt merkt man zusehends deutlicher wie undurchdacht der gesamte Plot eigentlich angelegt ist. Sicher, Argento wurde auch früher nicht für seine Storytelling-Fähigkeiten geschätzt, nur gibt es in DARK GLASSES mit fortlaufender Laufzeit immer weniger zu entdecken, was die sich häufenden Mängel des Films ausgleichen könnte. Letztlich ist dieser späte Eintrag in Argentos Filmografie zwar nicht auf allen Ebenen misslungen, für mehr als (gerade noch) akzeptable Krimi-Kost reicht es aber nicht.

Fantasy Filmfest Nights 2022

Am Samstag konnte man dann glücklicherweise wieder eine echte Entdeckung machen. Die iranische Produktion ZALAVA zeigte mal wieder, dass es sich auch immer lohnt einen Blick auf die Filme am Nachmittag zu werfen. Der Regisseur Arsalan Amiri erzählt in seinem preisgekröntem Debütwerk von den fatalen Auswirkungen von Aberglaube und Scharlatanerie. Mit seinen faszinierenden Sets (ein Bergdorf im Iran des Jahres 1978) entführt uns der Film in eine Welt, in der vermeintliche Dämonen ein Dorf in Angst und Schrecken versetzen und zwielichtige Exorzisten ihr undurchschaubares Spiel treiben. Amiris fast schon meditativer Inszenierungsstil führt das Publikum auf ungewohntes Terrain, erzeugt aber auch sehr schnell einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. ZALAVA beantwortet nur wenige Fragen eindeutig und ist auf vielen Ebenen sehr vielseitig interpretierbar. Ein absolutes Kleinod, dass hoffentlich hierzulande noch einen regulären Start-Termin in den Programmkinos bekommt.

Der Rausschmeißer kam bei den diejährigen Nights von Mimi Cave, die mit dem als Dating-Horror angepriesenen FRESH ihr Langfilmdebüt vorlegte. Der Film, der bereits auf dem Sundance-Festival für Furore sorgte, weckte auch in Berlin großes Interesse und bescherte dem Kino einen annährend ausgebuchten Saal. Cave beschäftigt sich in ihrem ersten Langfilm mit den Tücken des digitalen Datings, die in FRESH allerdings dermaßen auf die Spitze getrieben werden, dass man den zentralen Twist der Handlung erst mal im wahrsten Sinne des Wortes verdauen muss. Weitere Beschreibungen der Story sollte man tunlichst vermeiden, da die Spoiler-Gefahr hier einfach zu groß wäre. Nur soviel: Cave vereint ein tolles Darsteller-Gespann (Daisy Edgar-Jones und Sebastian Stan), dass den Film fast von alleine trägt, feuert geniale (und hintersinnige) Dialoge im Minutentakt ab und schleudert dem Publikum einen sehr zeitgeistigen Kommentar zum Thema Geschlechterkampf in die offenen Münder. FRESH vereint leichtfüßige RomCom-Elemente, mit den Motiven des Terrorkinos und inszeniert diese Mixtur dermaßen souverän, dass man nur staunen konnte. Ein würdiger Abschlussfilm, der leider nicht regulär in den Kinos starten wird, sondern demnächst direkt auf dem Streamingdienst Disney+ abrufbar ist.

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