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UNENDLICHE TIEFEN

Essay.
DVD-OVERKILL
von Thorsten Hanisch

Die DVD: ein Produkt welches heiß geliebt, von einigen sogar vergöttert wird. Im Jahre 1996 trat sie ihren Siegeszug durch die Kaufhäuser und Wohnzimmer dieser Welt an und veränderte alles: Die Bildqualität wurde besser, der Ton wuchtiger und neben dem Film gab es einen weiteren Kaufanreiz: Tonnenweise Extras. Selbst der letzte Hinterhofstreifen wird von nun an mit Gallonen von Goodies ausgestattet, das value for money - Gefühl ist da, die Briefmarken - Sammlung hat ausgedient, jetzt befriedigen Limited-/Special-/Director's- und andere Editions den Sammeltrieb.

Doch, wie steht's eigentlich um die Filmkultur?

Schlecht, ganz schlecht...

Oliver Stone ist nicht ohne Grund Gegner der DVD, so einiges hat sich ins Negative gewandelt:

Verstand man früher unter einem Cineasten jemanden, der sich intensiv mit dem Medium Film auseinandersetzt, die Klassiker emsig studiert hat und auch schon mal zur Literatur greift, finden sich unter diesem Begriff heutzutage bleiche, dicke Mittzwanziger, die zwar immer noch keinen regelmäßigen Sex, dafür aber die IKEA -Vitrine randvoll mit - haha - "seltenen" Special Editions und dicken DVD-Boxen haben.
Natürlich hat der moderne Cineast auch ein Home Cinema System im Wohnzimmer stehen. Ins Kino gehen ist ja doof (da sind doch andere Menschen und außerdem isses teuer, da man schubkarrenweise Popcorn und 10-Liter-Kanister Cola konsumieren muß) und dank Spitzensubwoofern knallt der Bass auch beim letzten Scheiß ordentlich und somit hat grundsätzlich JEDER Neuerwerb eine Daseinsberechtigung in der Sammlung.

Was uns zur heutigen Film-Rezeption bringt:

Waren Filme zu VHS-Zeiten noch
a) gut
b) mittelmäßig oder
c) schlecht

gibt's heute weitaus mehr Klassifikationen:
a) gut
b) mittelmäßig, aber die Tonspur ist total spitze, deswegen doch gut
c) mittelmäßig, aber das Bild ist total spitze, deswegen doch gut
d) mittelmäßig, aber die Extras sind zahlreich, deswegen doch gut
e) mittelmäßig, aber die Verpackung macht sich gut in der Vitrine, deswegen doch gut
f) schlecht, aber die Tonspur ist total spitze, deswegen doch gut
g) schlecht, aber das Bild ist total spitze, deswegen doch gut
h) schlecht, aber die Extras sind zahlreich, deswegen doch gut
i) schlecht, aber die Verpackung macht sich gut in der Vitrine, deswegen doch gut
j) komplett Scheiße. Also, Scheiß Bild, Scheiß Ton, wenig Extras und die Verpackung ist auch voll doof. Macht aber nix, wozu gibt's eBay, da kriegt man für den sündhaften teuren Japan-Import (man will ja schließlich erster sein) garantiert noch 2-3€.

Stichwort: Versionen-Terror:
Cut oder uncut? So hieß einst - wenn überhaupt - das Kriterium, im DVD-Zeitalter muss man sich da schon mit mehr Fragen rumschlagen: "Anamorph oder nicht?", "Kann ich auf die DTS-Tonspur wirklich verzichten?", "Gibt's noch / kommt noch eine bessere DVD?", "die Einzel-, Doppel-, oder Dreifach- DVD", "War die Firma bisher zuverlässig oder standen laufend Umtauschaktionen auf dem Programm" usw.? Alles nicht so einfach, selbst der größte Randgruppenfuck kriegt heute ein Bündel verschiedener Auflagen spendiert (siehe z.B. GROSSANGRIFF DER ZOMBIES) zudem kommt seit Jacksons HERR DER RINGE noch eine Flut von Director's- / Extended- / Special- etc. - Versionen dazu, man sieht: DVD-Käufer haben's ausgesprochen schwer.

Kommen wir zu den Extras: Klar, gut gemacht und vor allem retrospektiv kann's eine schöne Sache sein. Aber mal ehrlich, gerade bei aktuelleren Filmen wird doch unglaublich übertrieben... ich frag mich oft, an wen sich diese ganzen Bombast-Ausstattungen überhaupt richten: Man muss doch entweder langzeitarbeitslos oder sozial völlig verkümmert sein, um Zeit für 35 Stunden MATRIX-Bonusmaterial oder 5 CABIN FEVER-Audiokommentare zu haben. Was soll das?

Ironischerweise sinkt parallel zur Menge des verfügbaren Bonusmaterials drastisch das Interesse am Werk: Konnte man sich früher mit Filminteressierten noch lang und breit über die Hintergründe und/oder über die Qualität des Gesehenen unterhalten, bekommt man heutzutage auf die Frage nach der schauspielerischen Qualität des neusten Al Pacino - Films nur Schlagworte wie "Anamorph", "DD5.1" oder "Bildrauschen" entgegengeraunzt.
Auf der anderen Seite weiß der heutige Filmfreund über die technischen Gegebenheiten des Films besser als der DVD-Vertrieb, die Produktionsfirma oder gar der Regisseur selbst Bescheid.

Äußerst paradox ist auch, dass einerseits zwar Wert auf perfekte Qualität gelegt wird, die Bereitschaft aber, dementsprechend auch zu investieren, auf ein absolutes Minimum gesunken ist. Ein Film, egal wie alt, egal wie rar, MUSS heutzutage mit DD5.1 und DTS-Tonspuren ausgestattet sein, das Bild MUSS aussehen wie gerade gedreht und die Bonusmaterialien sollten sich am besten über mindestens zwei zusätzliche DVDs erstrecken und natürlich mit erstklassigen, exklusiv produzierten Features aufwarten. Nicht zu vergessen ist selbstverständlich die Verpackung: Am besten Ziegenleder und mindestens so groß wie ein durchschnittlicher Fernseher. Den Freiraum in der Schachtel kann ja mit allerlei tollen Goodies wie niedlichen Puppen, süßen Kettensägen oder ähnlichem Kram gefüllt werden.

Falls sich die Zuständigen aber erdreisten mehr als 7.99€ abzugreifen, rangiert die betreffende Firma im Weltbild der empörten Kundschaft irgendwo zwischen Saddam Hussein und Adolf Hitler. Wer jetzt glaubt, dass ich übertreibe, sollte sich mal durch diverse DVD-Foren klicken: Dass noch keine Flugzeuge in Richtung diverserer Label-Gebäude gesteuert wurden, grenzt an ein Wunder.

Ich persönlich sehe mit viel Angst der HD-DVD/Blu-ray (und was noch so alles in Anmarsch ist)-Zukunft entgegen. Klar, natürlich wird sich der DVD-Junkie denken, dass er auch künftig den drei Buchstaben treu bleiben und dieses Medium auch nicht so schnell verdrängt werden wird.
Aber, meine lieben Freunde, dass ist so ähnlich wie bei den Drogen, irgendwann reicht auch die höchste Dosis nicht mehr, dann wird's Zeit für Härteres und der Dealer wird's Euch schon schmackhaft machen.
Die Scheiße, die schon zu VHS-Zeiten keiner mehr sehen wollte, wird's dann in einer Auflösung geben, die euch die Augäpfel zerschneidet, der Sound wird für Gehirnerschütterungen en masse sorgen und für das Bonusmaterial ist der Jahresurlaub fällig.

Und wenn in ein paar Jahren die ersten Jugendbanden alte Omas vor der örtlichen Kreissparkasse um ihre Rente erleichtern um sich die neusten Premium-Special-Extended-Hyper-Mega-Super-Duper-Schnuper-Editions leisten zu können, werd ich mit einem kühlen Becks entspannt in der Stube sitzen und passend zur Lage meine WILLKOMMEN IN DER HÖLLE-Kassette einlegen.




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