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UNENDLICHE TIEFEN

Essay.
DER US-KINOSOMMER 2004
von Hasko Baumann

Dies war der Sommer unseres Mißvergnügens, sage ich mal frei nach Shakespeare. Denn das ist sicherlich ein Satz, den man problemlos dem einen oder anderen Studioboß in den USA in den Mund legen konnte. Was war da los? Wer gibt eigentlich momentan grünes Licht für die Rohrkrepierer, die in Hollywood mit obszönen Budgets vom Stapel gelassen werden?

Alles fing an mit VAN HELSING. Da hatte sich Universal gedacht, "Mensch, wir hatten zweimal den Super-Kickoff für den Filmsommer (in den USA die lukrativste Kinozeit) mit dieser Mullbindenscheiße von Stephen Sommers, da haben wir schon im Mai abgeräumt. Letztes Jahr hat die Fox das mit X-MEN 2 gemacht, jetzt sind wir wieder dran. Stecken wir Hugh Jackman aus X-MEN 2 mit dem MUMMY-Regisseur zusammen, dann knallt's." So haben die sich das gedacht. War nix.

Ein Film ohne die geringste Qualität, keine Spannung, keine Unterhaltung, nicht die Spur von filmemacherischem Talent, aber produziert für die Unsumme von 150 Millionen. Wo sind die hin? Die Digitaleffekte sahen aus, als wären sie noch im ersten Stadium - man hatte das Gefühl, einer Arbeitskopie zuzusehen. Der Film hat gar nicht mal so wenig Kasse gemacht (ca. 150 Mio), aber bei zusätzlichen Marketingkosten von 100 Mille und Herausbringungskosten (ich rede hier nur von den USA) hat sich das mit der Franchise erledigt. Schade nur, daß sich auch der Rest des US-Sommers qualitativ nicht allzuweit von VAN HELSING entfernt hat.

Es gab einen weiteren HARRY POTTER, der trotz gewaltigen Einspiels irgendwie untergegangen ist und in Deutschland ganz empfindlich unter seinem Start im Sommer gelitten hat (knapp 7 Millionen sind immer noch absolut bombig, aber die ersten beiden Filme lagen über 10). So ist das, wenn die Amis zwanghaft ihre Franchises im Sommer rausballern wollen. Schön doof. Zu Weihnachten hätte sich HARRY erstmals nicht gegen LORD OF THE RINGS behaupten müssen. Nicht auszudenken, was er dann eingespielt hätte.

Emmerich und Petersen, unsere deutschen Kassenknüller in den Staaten, übertrafen sich gegenseitig mit uninspiriertem Malen nach Zahlen. Petersen verlor bei TROY den Unterhaltungswert seiner Sandalenabenteuer aus den Augen und bot drömmeliges Gequatsche und die Erkenntnis, daß Orlando Bloom ganz schnell wieder wegradiert werden sollte aus dem "Kommende Superstars"-Notizblöcken. Mit ca. 120 Mio Dollar (vor fünfzehn Jahren noch als Blockbuster zu werten) konnte TROY die heimischen GLADIATOR-Hoffnungen nicht erfüllen, sahnte aber auf dem europäischen Festland ab. Wie auch Emmerich mit seinem strunzdummen DAY AFTER TOMORROW, dessen furzlangweilige Öko-Katastrophe auf unterem Groschenroman-Niveau nach etwas stotterndem Anfang die internationalen Kassen ganz schön klingeln ließ. Was ein guter Trailer so ausmacht.

Interessanter Beleg für die derzeitige Hollywood-Misere ist Vin Diesel. Ein Mann, der uns als angeblicher Mega-Star förmlich aufgezwungen wurde, den aber offenbar so richtig keiner sehen will. Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, eine superteure Fortsetzung zum 40-Mio-Dollar-Geheimtip PITCH BLACK zu produzieren, hat sich wohl im Traum an den TERMINATOR erinnert, wo der Fall aber ganz gewaltig anders lag. Das US-Publikum sprach eine deutliche Sprache und quittierte den 120-Mio-Schmarrn CHRONICLES OF RIDDICK mit einem Einspiel von 40 Millionen - eben jenen von PITCH BLACK.

Erwartungsgemäßer Abräumer war SHREK 2, der mit einem Overkill an prominenten Sprechern verschleierte, daß er nichts Neues zu bieten hat und sich noch weiter vom kleinen Publikum entfernt. Auf gleichem Kassen-Niveau dann SPIDER-MAN 2, was mich persönlich erstaunt, denn nicht nur ist das digitale Rumgehopse des Spinnenmanns doch sehr absurd, der Film ist auch arm an Schauwerten und hängt mitunter ganz schön durch. Das gewaltige US-Einspiel zeigt wohl auch, wie mies die anderen Sommerfilme des Jahres sind.

Obwohl ebenfalls am Reißbrett auf Stromlinienform gebracht, war für mich I, ROBOT die erste positive Überraschung - der Film ist nicht total dumm, hat einige kleine visuelle Schmankerl zu bieten und erfreut mit einer klitzekleinen Kleinigkeit, die man bei Filmen wie VAN HELSING überhaupt nicht mehr entdecken kann: einer erkennbaren Regie. Insgesamt hat Will Smith jedoch nicht das Ruder rumreißen können: I, ROBOT sollte wohl das 200-Mille-Einspiel von X-MEN 2 für die Fox ansteuern, blieb jedoch bei 150 stehen. Für eine Produktion dieser Größenordnung ist das nicht genug, obwohl natürlich die Zweitverwertung noch den größten Reibach machen wird.

THE BOURNE SUPREMACY wurde als ganz große Überraschung gewertet, und es ist auch tatsächlich so, daß keiner diesen straighten, von der Kritik mit Wohlwollen aufgenommenen Thriller auf der Blockbuster-Liste hatte - zumindest nicht als Film, der VAN HELSING, TROY und sogar I, ROBOT hinter sich lassen würde. Dennoch unterlag selbst BOURNE der Crux des ersten Wochenendes, wo sich ein großer Teil des letztendlichen Gesamteinspiels schon in den Kassen findet. Auf jeden Fall könnte BOURNE dem überproduzierten Digitalinferno eines VAN HELSING auch in den Köpfen der Studios ganz schnell nach Hause leuchten. Und das mit einem vergleichsweise unauffälligen, aber talentierten Star wie Matt Damon.

THE VILLAGE hingegen baute ganz auf den Nimbus seines Regisseurs M. Night Shamalyan. Das funktionierte auch am ersten Wochenende, doch dann sackte der schleppende Mystery Thriller um dramatische 63 Prozent ab. Schnell beeilte sich der SIXTH SENSE-Macher, sich darüber zu beklagen, daß alle immer einen Plot Twist von ihm erwarteten und er dem nicht gerecht werden könne und wolle usw. Daß THE VILLLAGE nicht die Spur einer Weiterentwicklung bei ihm zeigt und der Twist zwar vorhanden, aber eine ziemliche Frechheit ist, kam nicht zur Sprache (außer bei der Kritik). Mit einem Einspiel, das knapp über die 100 Mio kroch, blieb THE VILLAGE weit hinter den bei SIGNS eingenordeten Erwartungen zurück und servierte Disney eine weitere Sommerschlappe, nachdem die lächerliche Bruckheimer-Version von KING ARTHUR vor die Wand gefahren war und das knallbunte, sackschlechte AROUND THE WORLD IN 80 DAYS-Remake gerade mal 9 seiner 100 Budget-Millionen wieder reingeholt hatte.

Natürlich ist der dramatische Einbruch von Genrefilmen ein bekanntes Phänomen, das in diesem Jahr zum Beispiel auch EXORCIST: THE BEGINNING und ALIEN VS PREDATOR eingeholt hat. Beim EXORCIST war es zu extrem, bei ALIEN VS PREDATOR garantiert einkalkuliert. ALIEN VS PREDATOR fühlt sich nach einer Entwicklungsphase von fast zehn Jahren wie ein Schnellschuß an, der mit seiner PG-13-Freigabe auf die große Kohle schielt. Am Ende kann er sich nur beim ungleich billigeren FREDDY VS JASON einpendeln, der mit einer R-Freigabe auf satte 80 Mille kam. AVP ist auch ein Beispiel für eine gewisse Lieblosigkeit und kreative Durstrecke, die bei den Amis vorherrscht. Aber: Erwachsenere Ware wie COLLATERAL und auch THE TERMINAL konnte trotz der Beteiligung der Top-Regisseure Mann respektive Spielberg sowie den Superstars Cruise und Hanks auch kein Zeichen setzen. COLLATERAL ist zwar ordentlich gelaufen, bedeutet aber für Cruise schon eine erhebliche Veränderung zu M:I 2 und liegt auch noch unter VANILLA SKY und LAST SAMURAI. Hanks hingegen muß langsam umdenken, nach zwei Filmen (LADYKILLERS und TERMINAL) weit unter den 100 Millionen. Etwas untergegangen ist das vorzüglich besetzte Remake des MANCHURIAN CANDIDATE - ein Film, der ebenso wie der kleine, feine neue Redford THE CLEARING im Herbst besser aufgehoben gewesen wäre.

Bleiben noch die ordentlich gelaufenen Deppenkomödien DODGEBALL, WHITE CHICKS und ANCHORMAN und eine Überraschung (MEAN GIRLS) und ein Standard-Hit (THE PRINCESS DIARIES 2). Die vorprogrammierte Vollkatastrophe CATWOMAN dürfte allen Beteiligten (insbesondere Berry und der durchgeknallten Stone, die einfach nicht begreifen will, daß sie seit CASINO keiner mehr sehen möchte) noch weit mehr Schaden zugefügt haben als den ohne viel Rummel total abgestürzten THUNDERBIRDS.

Unterm Strich ist also kein Film dabei, der eine Fortsetzung zwingend notwendig macht - bis auf jene Streifen, die ohnehin schon eine Fortsetzung sind (SHREK 2, SPIDER-MAN 2, BOURNE). Vielleicht muß sich Hollywood daran gewöhnen, daß nicht Vin Diesel, sondern eher Lindsay Lohan eine Investition rechtfertigt. Und daran, daß sich schon noch ein bißchen Film hinter den Digitaleffekten verbergen sollte. Und daran, daß sich auch die zahlungswilligen Fans nicht verarschen lassen wollen (AVP mit Jugendfreigabe? Renny Harlin ersetzt Paul Schrader beim EXORCIST ?).

original Kinoplakate.









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