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Special.
Durch die Nacht mit... Michael Haneke & Ferdinand von Schirach
von Björn Lahrmann

Durch die Nacht mit... Michael Haneke & Ferdinand von Schirach
Durch die Nacht mit... Michael Haneke & Ferdinand von Schirach
Durch die Nacht mit... Michael Haneke & Ferdinand von Schirach

Ah, Venedig! Stadt der Gondeln, Touristen und Killerzwerge. Hier schmorte Casanova in den Bleikammern, Thomas Mann ließ sein fiktives Alter Ego kleinen Jungs nachstellen. Seit Kurzem hat das traditionsreiche Literatenpflaster auch der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach für sich entdeckt. Sein letztjähriger Erzählband Verbrechen, der aus dem Kanzleialltag gegriffene Grausamkeiten in ungefühlige Kurzprosa transformiert, war weltweit ein solch enormer Hit, dass der Nachfolger - Schuld wird er heißen - nicht lang auf sich warten lassen durfte. Und wieso nicht arbeiten, wo es schön ist? Wobei Schirach gerade damit ein kleines Problem hat: die Schönheit einer Stadt, der ein Anflug von Pestilenz deutlich besser zu Gesicht stünde. "Ich würde hier alles verfallen lassen", phantasiert er und grinst. Um ihn herum steht ein Garten in voller Blüte.

Vom Morbiden angelockt, schippert Michael Haneke herbei. Lang und schmal ist er wie ein gereckter Zeigefinger, den man aus seinem oscargekrönten Publikumszüchtigungskino zur Genüge kennt. Der weißbärtige Kopf sitzt ihm auf den Schultern wie eine schlaue Eule. Seit 25 Jahren ist er nicht in Venedig gewesen, da machte er bei Dreharbeiten mit der Nebelmaschine alle Leute verrückt. Zwischen Schirach und ihm ist die Stimmung sofort belustigt und zwanglos, wohl dem komplizenhaften Wissen geschuldet, dass ihr Werk eine je andere Sprache spricht. Es folgt das übliche gemischte Anerkennungs-Doppel, wobei Schirach besser austeilt und Haneke großzügiger einsteckt. "FUNNY GAMES ist ein schrecklicher Film", ruft der Schriftsteller. "Ja, das isser", lacht Haneke freudig.

Wo der Berliner sich als Advokat mildernder Umstände versteht, ist der Österreicher ein unerbittlicher Richter menschlicher Verfehlungen. Als es beim Besuch einer Nervenklinik zwischen Schirach und dem feist lächelnden Residenzarzt zur hitzigen Debatte kommt, hält Haneke sich eigentümlich zurück; wie er die strittige Frage nach einem Sonderstrafvollzug für psychisch Kranke beantwortet hätte, ließe sich spekulieren. Von Kindheit an, gibt er zu, habe er sich dem moralischen Rigorismus zugeneigt gefühlt; sogar die strenge Internatsjugend neidet er Schirach. Dass beide hinterher über die radikalen Ansichten des Herrn Doktor dennoch unisono den Kopf schütteln, ist Ehrensache: Nichts schweißt mehr zusammen als gemeinsame Abneigungen.

Auf dem Weg zum Abendessen, dem die mit Haneke befreundete Komponistin Olga Neuwirth beiwohnt, gelangt man in eine etwas belebtere Gegend. "Diese Musikanten hat's früher auch nicht gegeben", wird genörgelt. Damals war alles besser, weiß man ja. Nächste Station: Dogenpalast, Folterkatakomben. "Ah, Blutrinnen", schwärmt Haneke fachkundig. Ein bisschen Strafe täte noch jedem ganz gut, nicht zuletzt dem heutigen Kinopublikum. Mit Verve stimmen die Herren die klassische Unsittenschelte an: Quatschen, telefonieren, Popcorn fressen, pah! Ins örtliche Lichtspieltheater geht Haneke höchstens noch für die gemeine Komödie, hingegen: "Filme, die mir wertvoll sind, schaue ich auf DVD."

Mehr als seltsam (und symptomatisch) auch sein Berufsethos: Von Regisseuren, die fremde Drehbücher verfilmen, hält er nichts. Der wahrhaft kreative Akt sei das Schreiben, das "Bebildern" hinterher vergleichsweise langweilig. Das Team von DURCH DIE NACHT gibt's mit bestem Dank zurück. Venedig ist eine Stadt, die Kameras ohnehin liebt, jeder Torbogen ein Rahmen, jeder Kanal ein Dolly Track; Visconti und Roeg lauern in allen Winkeln. Wie hier aber unverbrauchte, alltägliche Motive gefunden werden - Schemen hinter Fenstern, Innenhöfe voller Graffiti, Wasserspiegelungen in Bootsrümpfen -, ohne das Geheimnis und auch die Bedrohung preiszugeben, die dem venezianischen Mythos anhaftet: das ist ein Kunststück, das Worte nicht braucht. Kaum genug preisen kann man Sascha Wilds gespenstischen Score, ein Amalgam aus spannungsvollen Herzstop-Beats und unendlich schwermütigen Glissandi, die an Jocelyn Pooks Arbeit für EYES WIDE SHUT erinnern.

Zu fortgeschrittener Stunde nimmt man noch einen Absacker im Caffé Florian, dort sitzt, mit gesunder Alkoholröte im Gesicht, der Schauspieler Ulrich Tukur. Schon wieder einer aus Hanekes Seilschaft, obwohl doch Schirach Gastgeber ist; in Venedig wirken solche Zufallsbegegnungen gleich wie Omen. Tukur ist schon vor Jahren hergezogen, der Liebe wegen. Jetzt nimmt er es auf sich, der Episode einen launigen Schlussakkord zu verpassen. Auf das Recht des Theaters (und eben Kinos), neben Kulturkathedrale mit Flüstergebot auch Jahrmarkt und Schießbude zu sein, beharrt er standfest und rülpst. Das kann freilich nicht jeder so leicht nehmen. Zum Abschied steckt sich Haneke eine Handvoll Nüsse in den Mund. Vielleicht hätte er sonst noch was gesagt.



Kritik von Björn Lahrmann
Special zur Michael Haneke & Ferdinand von Schirach

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