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UNENDLICHE TIEFEN

Essay.
Commedia all'italiana
von Claudia Siefen

Commedia all'italiana

Das österreichische Filmmuseum in Wien zeigt vom 08. Januar bis zum 08. Februar italienisches Kino der 1960er Jahre — ein Auge kann man ewig aktuell und selbstgefällig auf Berlusconi richten und wieder einmal feststellen, wie vielem man hier auch klischeehalber selbst schon begegnet ist, innerhalb des temperamentvollen Genres der "Commedia all'italiana".

Die Republik Italien, angeblich der Deutschen liebstes Urlaubsland, 20 Regionen und 103 Provinzen, vollgepackt mit (bleiben wir der Einfachheit halber jetzt mal dabei) dem deutschen Sehnen nach Lebenslust und unverwüstlicher Energie. Espressobar, Autohupen, dunkelhaarige Damen und Herren mit einem gestenreichen Hang zur Dramatik, eine Sprache der Schwingungen und von einer mitreissenden Melodik. Die Filmkultur wird unwissend gerne auf Klamauk reduziert, denn zu viel der Gestik und Leidenschaft und dem Urlaubssehnen und der entsprechenden deutschen Fernsehprogramme (Ornella Muti/ Adriano Celentano) haben ein all zu simples Bild konstruiert. So ging es mir zumindest bevor ich zum ersten Mal der Arbeit halber mit dem Genre in Augenkontakt kam. Was für Geschichten! Was für Schauspieler und was für eine Kameraarbeit! Manche Kamerawinkel wurden nach erstmaligem Schauen im Alltag verzweifelt gesucht, Sätze zitiert mit der dazu passenden Handbewegung, was die eben geschilderten Spitzfindigkeiten vielleicht bestätigen mag aber endlich enthüllte sich auch die Selbstironie! Wirtschaftswunder Italien, von den Geschichtsbüchern akzeptierter Nullpunkt angesetzt mit dem Jahr 1958, bei der Schau in Wien mit 32 Spielfilmen und zwei Kurzfilmen (natürlich jeweils in italienischer Sprachfassung und untertitelt), vom Kurator Olaf Möller (Köln), mit Perfektion und Besessenheit gebündelt. Also reinste Kinoekstase steht an, etwa mit:

Sedotta E Abbandonata - Verführung auf sizilianisch
SEDOTTA E ABBANDONATA (VERFÜHRUNG AUF SIZILIANISCH)

A CAVALLO DELLA TIGRE (DER RITT AUF DEM TIGER, 1961) von Luigi Comencini, mit Mario Adorf, der als Rossi wegen Irreführung der Behörden in den Knast gewandert ist und sich dort mit seinen Kumpanen auf eine schnellstmögliche Flucht einigt. Auf in die Freiheit, auch wenn man mit der nicht so wirklich etwas anzufangen wüsste, denn wie soll es weitergehen in der Armut? Was soll nun anders sein, als zuvor? Denn wer auf dem Tiger reitet kann nicht mehr herunter.

Von der Enge im Knast zu der Enge in den eigenen vier Wänden im Wirtschaftswunder-Italien mit ARRANGIATEVI (PECH GEHABT!, 1959) vom Theater-, Opern- und Filmregisseur Mauro Bolognini und vom Altmeister Carlo Carlini unvergesslich fotografiert. Bolognini greift mitsamt familiären Streitigkeiten um genügend Wohnraum für eine Grossfamilie noch das Thema der "casa chiusa" auf, einem Regelwerk zur Überwachung der Prostitution. Demnach wurde in Bordellen der Verkauf von Getränken verboten, ebenso das Tanzen und spielen von lauter Musik, die Fensterläden hatten ununterbrochen geschlossen zu bleiben und Bordelle durften nicht in der Nähe von Schulen oder Kirchen eröffnet werden. So sind hier ordentlich Missverständnisse vorprogrammiert, wenn eine Familie endlich eine Wohnung zugewiesen bekommt mit 10 Zimmern und drei Bädern, Platz genug für alle. Fraglich zu Beginn nur, warum die Traumwohnung eigentlich so billig ist?

Una Vita Difficile - Ein schweres Leben
UNA VITA DIFFICILE (EIN SCHWERES LEBEN)

Von Ettore Scola gibt es C'ERAVAMO TANTO AMATI (WIR HABEN UNS SO GELIEBT, 1974), die Geschichte dreier Freunde, die sich über drei Jahrzehnte erstreckt. Darin müssen sich Antonio, Gianni und Nikola darüber klar werden, dass sie ihrer im Zweiten Weltkrieg so drastisch vor den Deutschen verteidigten Ideale abhanden gekommen sind. Fanatismus und Selbstüberschätzung forderten im Leben und im Erwachsenwerden ihren Tribut, der nun als Biederkeit daherkommt. Eine grossartige Freundschaftsgeschichte, beginnend mit einem Sprung in einen Swimmingpool, eine zärtliche Hommage an das italienische Kino mit einer Szene vom "Film-im-Film" für Fellini-Fans, mit der herzzerreissend schönen Stefania Sandrelli und dem nicht minder anziehenden Vittorio Gassman!

Und wieder zieht einem die Kamera von Giuseppe Rotunno die Schuhe aus, diesmal in I COMPAGNI (DIE WEBER VON TURIN, 1963) in der Regie von Mario Monicelli mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle. Mastroiannis jüngerer Bruder Ruggero ist hier für den Schnitt verantwortlich. Federico Fellini und Dario Argento-Fans werden sich hier also nicht minder die Hände reiben. - Professor Sinigaglia will die Arbeiter einer Textilfabrik um die Jahrhundertwende bei der Organisation eines Streikes unterstützen. Als hartgesottener und bereits polizeilich gesuchter Gewerkschaftskämpfer muss auch er einsehen, dass dieser erste Kampf auch nur der erste Schritt sein kann. Was folgen wird bleibt nicht abzusehen. Mehr ein grandios schlammig, verhärmtes Drama als auch nur ansatzweise Komödie mit einem schmerzenden perfekten Set.

I Mostri (Die Monster)
I MOSTRI (DIE MONSTER)

Und hier endlich ein Film von Dino Risi, mit dessen Namen die Schau auch übertitelt ist: I MOSTRI (DIE MONSTER, 1963). Ugo Tognazzi und Vittorio Gassman im Konsumwahn, Autos, Fernseher, Frauenfeindlichekeit, Machotum und Fussball. Also Mädchen-, Auto- und Geschwindigkeitsfimmel: alles typisch italienisch? Elitäre Jurymitglieder, verblödete Polizisten, aggressive Fussgänger, eitle Regisseure und niederträchtige Väter. Risi kratzt auch hier wieder ordentlich an dem Spiegel, den er jedem Zuschauer vorhält, aber immer mit der Bereitschaft, zu trösten. Irgendwie.

Basierend auf einer Kurzgeschichte von Italo Calvino geht es heiter verwirrt weiter mit I SOLITI IGNOTI (DIEBE HABEN'S SCHWER, 1958) von Mario Monicelli, der filmhistorisch gerne als "Geburtsstunde" der Commedia all'italia bezeichnet wird. Es geht einfach drunter und drüber, da kann auch der ehrwürdige Totò nicht mehr viel retten, wenn er einem Haufen wilder Faulpelze, Kleinbürger und Nichtsnutze den grossen Coup beibringen will. Der Safe eines Pfandhauses soll gestürmt werden um natürlich all die faulen, kleinbürgerlichen und nichtsnutzigen Träume mit dessen Inhalt erfüllen zu können! Wieder mit Gassman und Mastroianni, an denen man sich weder satthören noch sattsehen kann.

I Soliti Ignoti (Diebe haben's schwer)
I SOLITI IGNOTI (DIEBE HABEN'S SCHWER)

IL FEDERALE (DER FASCHIST, 1961) von Luciano Salce gibt uns mit Ennio Morricone was auf die Ohren und ist heute gleichbleibend spannend mit seiner nachvollziehbaren Charakterzeichnung eines Faschisten im Jahre 1944, der doch so gerne etwas zu sagen hätte! Mit der Versprechung eines Karrieresprungs soll er einen Antifaschisten sicher nach Rom bringen, zur nötigen Umerziehung. Arcovazzi bemüht sich und sämtliche Fortbewegungsmöglichkeiten, um diesen Auftrag gewissenhaft zu erfüllen. Aber was passiert, wenn sich die beiden zunächst spinnefeind und dann nach der gemeinsam verbrachten Zeit auf einmal sehr sympathisch sind? Die Kleidung haben beide bereits verloren, und in Rom sind die Alliierten! Wieder mit Ugo Tognazzi, Georges Wilson, Stefania Sandrelli und dem Maestro persönlich.

IL SORPASSO (DIE ÜBERHOLSPUR, 1962) von Dino Risi führt uns mit Vittorio Gassman und Jean-Louis Trintignant von Rom in die Toskana, wie sich das gehört. Stoppschilder werden übersehen, nicht nur auf der Strasse, denn der "Lebenskünstler" hat dem Jungen so einiges beizubringen. Von moralischen Schlachtfeldern ist gerne die Rede, wenn über diesen Film berichtet wird, und von der Frage, was denn eigentlich so eine Vorbildfunktion bei einem Jüngeren ausmacht. Der eine ein wahres Plappermaul (Gassman) und der andere der Introvertierte (Trintignant). Sie sind gemeinsam als "Ameise" und "Grille" unterwegs. Die Frage der unmöglichen Pauschalisierung von Lebenserfahrung und die notwendig damit einhergehende, manchmal auch gewalttätige Ernüchterung. Den Führerschein muss jeder selbst machen. Aus irgendeinem Grund lautete der deutsche Verleihtitel übrigens VERLIEBT IN SCHARFE KURVEN.

Io La Conoscevo Bene (Ich habe sie gut gekannt)
IO LA CONOSCEVO BENE (ICH HABE SIE GUT GEKANNT)

Ein selten zu sehender Film ist IO LA CONOSCEVO BENE (ICH HABE SIE GUT GEKANNT, 1965) von Antonio Pietrangeli. Adriana (Stefania Sandrelli) ist bildhübsch und kommt vom Lande direkt in die grosse Stadt Rom, um dort ihr Glück zu finden. Das Glück ist in diesem Fall natürlich ein Mann mit viel Geld, mit dem sie nicht nur ein sorgenfreies Leben assoziiert, sondern vor allem spannende und interessante Menschen, die mit ihrem vielen Geld ein inspiriertes Leben führen. Pietrangeli lässt sie erfahren, dass dies bei weitem eine pure Illusion ist und auch eine bleiben wird. Denn mehr als Adrianas Schönheit wollen die betreffenden Herren nicht und somit ist es nicht nur deren Unvermögen, etwas zu geben sondern auch die Gewalt darin, dass die Männer sich als völlig unfähig zeigen, etwas anzunehmen. Es ist die fehlende Lebenserfahrung und vor allem die noch fehlende dicke Haut, an der Adriana schliesslich scheitern muss.

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