AFTER DARK Film TALK Facebook Twitter

das manifest¬  kontakt¬  impressum¬  verweise¬  übersicht¬ 
[   MEINUNGSMACHER  |   GEDRUCKTES IST TOT  |   KAPITELWAHL  |   UNENDLICHE TIEFEN
   MENSCHEN  |   GESPRÄCHE  |   FEGEFEUER DER EITELKEITEN  |   MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN   ]
UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
14. Around The World In 14 Films
von André Becker

14. Around The World In 14 Films

Das Around The World In 14 Films ist seit vielen Jahren fester Bestandteil im Berliner Festivalkalender. Das Konzept des Festivals ist dabei überaus reizvoll. Gegen Ende des Jahres wird dem Publikum eine Auswahl von 14 besonders erfolgreichen oder aufsehenerregenden Festivalfilmen gezeigt. Eine geschmackssicher kuratierte Best-of-Auswahl der Filme aus Cannes, Locarno, Venedig, Toronto und weiteren international renommierten Festivals. Jeweils vorgestellt von ausgewählten Paten aus Film, Fernsehen und Kultur.

In diesem Jahr, das gleichzeitig die 14. Ausgabe des Festivals war, gab es neben den 14 regulären Filmen im Hauptprogramm zusätzlich noch 14 Special Screenings als Nebensektion. Insgesamt also satte 28 Titel, davon 5 Deutschland- und 23 Berlin-Premieren. Viele davon (noch) ohne deutschen Verleih und somit einmalige Gelegenheiten die jeweiligen Produktionen auf der großen Leinwand zu bewundern. Wie in den letzten Jahren fand das Festival im Kiez Prenzlauer Berg statt.

Genauer gesagt im dort recht beliebten Kino in der KulturBrauerei, welches der CineStar-Gruppe angehört und programmseitig sonst auf eine Mischung aus klassischer Programmkino-Kost und arthouse-nahen Mainstream-Titeln setzt. Der Ort selbst verströmt trotz unübersehbarer Multiplex-Ausrichtung in Interior und Snack-Angebot eine wohlige Kinoatmosphäre, was u.a. auf die zahlreichen großformatigen Bilder von Filmklassikern an den Wänden zurückgeführt werden kann. Schön, dass das Festival wieder hier stattfand (frühere Stationen waren z.B. das altehrwürdige Babylon neben der Volksbühne in Mitte) und nicht etwa am Potsdamer Platz, wo sonst zahlreiche Festivals Halt machen und das durch die Touristenmassen oftmals reichlich hektisch daherkommt.

14. Around The World In 14 Films

Als Opening Night zeigte das Festival EIN VERBORGENES LEBEN. Der fast dreistündige Film von Terrence Malick markierte die Rückkehr des Regisseurs zur Kriegsthematik (nach seinem Meilenstein DER SCHMALE GRAT). Mit gewohnt einnehmenden Bildern erzählt Malick die Geschichte von Franz Jägerstätter (gespielt von August Diehl), einem einfachen Bauern, der es einfach nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann in blindem Gehorsam für die Wehrmacht in den Kampf zu ziehen.

Am zweiten Festivaltag stand in der Brazilian Night BACURAU auf dem Programm. Ein Film, der im Festivaljahr mehrere bedeutende Preise einsacken konnte (u.a. den Grand Prix der Jury in Cannes) und der 2019 aufgrund seiner Themenwahl und Ausrichtung ebenfalls auf, eher dem Genre-Film verpflichteten, Festivals wie dem Neuchâtel International Fantastic Film Festival gezeigt wurde. Vorgestellt wurde der Titel mit einer Rede von Schauspielerin Isabella Parkinson, die sich in einem eindringlichen Plädoyer für die Kunstfreiheit in Zeiten despotischer Politikerfiguren wie Bolsonaro aussprach. Trotz der nicht wirklich treffsicheren Einstufung des Films als Vermengung von Western, Science Fiction, Gesellschaftskritik und Slasher (!) eine mitreißende Rede, die auch im zahlreich anwesenden Publikum gut ankam.

Der Film selbst wurde dem kleinen Hype, der die Produktion seit einigen Monaten begleitet, allerdings nicht ganz gerecht. Die Regisseure Juliano Dornelles und Kleber Mendonca Filho inszenieren die mit brasilianischer Folklore gewürzte Genre-Mixtur zwar bildstark und mit einem sicheren Gespür für Stimmungen, dennoch schaffte es der Film nicht einige Schönheitsfehler im Verlauf der Laufzeit abzuschütteln. Die Geschichte um ein abgelegenes Dorf, das von einem Killer-Kommando angegriffen wird und sich mit vereinten Kräften gegen die von Udo Kier angeführte Mörderbande zur Wehr setzt, blieb vor allem im ersten Drittel viel zu behäbig in der doch recht zähen Exposition stecken. Während die Darstellung der sozialen Dynamik innerhalb des Dorfes anfangs noch durchaus pointiert die unterschiedlichen Charaktere ausleuchtet (eine schrullige Dorfärztin, einen Ex-Gangster, einen schmierigen Lokalpolitiker etc.) gelingt es Juliano Dornelles und Kleber Mendonca Filho im weiteren Verlauf nicht immer das Interesse der Zuschauer auf seinen Dorf-Mikrokosmos (der freilich auch die gegenwärtigen Verwerfungen innerhalb Brasiliens Gesellschaft widerspiegelt) aufrecht zu erhalten. Beim Killer-Kommando sind die Grenzen zwischen gekonnt eingebautem Satire-Überbau und eher ärgerlichen Klischee-Figuren fließend, was den Sehgenuss ab und an ein wenig schmälerte. Insgesamt überwiegten bei BACURAU, der mit so einigen Härten das anwesende Bildungsbürgerpublikum ordentlich aufschreckte, aber noch die positiven Seiten.

14. Around The World In 14 Films

Am Samstag folgte schließlich ANIMALS von Sophie Hyde. Die Female-Friendship-Comedy wurde im Programm als Gegenentwurf zur nach wie vor ungebremsten Flut von üblicherweise stark auf die Männerperspektiven fokussierten Buddy-Komödien angekündigt. Kino zur Zeit also, das gut in einen Kinomonat passte, bei dem der vergleichbar ausgerichtete BOOKSMART (obwohl hier die Protagonistinnen wesentlich jünger sind) für überschwängliche Besprechungen im Feuilleton sorgte. Trotz guter Ansätze, sympathisch unsympathischer Charaktere und einigen herrlichen Dialogwitzen blieb die Komödie um zwei BFFs viel zu stark in konventionellen Erzählmustern hängen um wirklich herauszustechen. Da konnten selbst die lebensnahen Figuren und der angenehm unverklemmte Umgang mit Sexualität und Drogenkonsum nicht darüber hinwegtäuschen, dass ANIMALS viel zu vorhersehbar die zu erwartenden Themen rund um die Generation Y beackerte.

Aus Frankreich kam wiederum mit dem, von Jakob Laas (LOVE STEAKS) launig anmoderierten DEERSKIN der mit Abstand skurrilste Festival-Beitrag. Kein Wunder, denn auf dem Regiestuhl saß niemand geringerer als Quentin Dupieux (REALITY, DIE WACHE). Der neueste Streifen des Regisseurs und DJs, den so mancher wohl noch unter seinem Namen Mr. Oizo abgespeichert hat, war ein Fest der Absurditäten. Im Zentrum ein mittelalter Mann namens Georges, der eine obsessive Beziehung zu seiner neuen Jacke und Wildlederkleidung im Allgemeinen entwickelt. Angetrieben von immer neuen verqueren Hirngespinsten, die im freundlicherweise direkt von der Jacke eingeflüstert werden, fasst Georges einen irrwitzigen Plan der schnell die ersten Opfer fordert. Dupieux servierte dem Publikum in dieser angenehm enthemmt eskalierenden Groteske einige höchst komische Momente, die durch das tolle Spiel des Darsteller-Duos (Jean Dujardin /Adele Haenel) eine ganz eigene Qualität entwickelten. Sehenswert.

Der spanische Beitrag FIRE WILL COME schlug dann wieder ernste Töne an und präsentierte sich als sehr ruhige Charakter- und Milieustudie um einen Mann, der nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt in sein Heimatdorf zurückkehrt. Dort angekommen umgibt ihn vor allem das Stigma als möglicher Verursacher eines der schlimmsten Feuer der Region. Nur seine rüstige Mutter und ein alter Bekannter scheinen ihm vorurteilsfrei zu begegnen. Als erneut ein Feuer ausbricht ist schnell ein Schuldiger gefunden. Regisseur Oliver Laxe behandelt den Ausbruch des großen Feuers dabei fast beiläufig. Als schicksalhafte Entwicklung der man (bzw. die Hauptfigur) nicht entkommt, die jedoch letztlich (auch) eine reinigende Wirkung entfaltet. Am Ende steht alles in Flammen ohne das Laxe wirklich eindeutige Antworten liefert. Ist der schweigsame Amador Opfer oder vor allem Täter? Was treibt ihn an, was wurde ihm angetan und wie könnte eine Erlösung für ihn aussehen? FIRE WILL COME blieb als sperriges Arthouse-Kino bewusst im Nebel des Ungefähren, erzeugte aber gerade dadurch einen eigenartigen, sehr speziellen Sog.

14. Around The World In 14 Films

Eines der Highlights des Festivals wurde am Donnerstag zu später Stunde im großen Saal gezeigt. PELIKANBLUT von Katrin Gebbe (TORE TANZT, THE FIELD GUIDE TO EVIL) bewies eindrücklich dass das deutsche Kino wahrhaft ungemütlich sein kann. Das mit Nina Hoss prominent besetzte Drama beschritt thematisch ähnliche Wege wie der Berlinale-Hit SYSTEMSPRENGER von Nora Fingscheidt. Auch hier lotet ein kleines Mädchen, was durch extremes Verhalten ihre Umwelt verunsichert, provoziert und schließlich gar bedroht, die Grenzen des Ertragbaren aus. Gebbe wählt dabei allerdings einen gänzlich anderen Weg als Fingscheidt. Mit dezenten Horror-Elementen lässt Gebbe Raum für Erklärungen, die außerhalb von Pädagogik und Schulmedizin angesiedelt sind. PELIKANBLUT (der ebenfalls auf dem Shivers in Konstanz lief) als Horror-Film zu deklarieren wäre dennoch reichlich übertrieben. Nichtsdestotrotz führten gerade diese Einschübe und speziell das makabre Finale dazu, dass der Film als eine sehr besondere Seherfahrung noch lange nach dem Kinobesuch im Gedächtnis haften blieb. Wie Gebbes zweiter Langfilm beim großen Publikum ankommt, wird sich Anfang 2020 zeigen, wenn der Film regulär deutschlandweit in den Kinos startet.

Am letzten Wochenende gab es neben SEBERG, dem stargespickten Portrait der Schauspielerin Jean Seberg, noch die chinesische Produktion THE WILD GOOSE LAKE zu sehen. Der unerwartet gut besuchte Thriller von Yinan Diao beeindruckte mit einer hypnotischen Bildsprache und einer sehr dichten Atmosphäre, die einmal mehr unter Beweis stellte, warum Diao einer der besten Neo-Noir-Filmer unserer Zeit ist. THE WILD GOOSE LAKE erzählt oberflächlich gesehen von einem außer Kontrolle geratenen Krieg zwischen kleinkriminellen Gangstern (Spezialgebiet: Motoraddiebstahl). Mittendrin der Gangleader Zhou Zenong, der das Opfer eines Komplotts wird und in das abgelegene Niemandsland mit Namen Wild Goose Lake flüchten muss.

Yinan Diao hetzt seine Protagonisten (Gangster, Prostituierte, Polizisten) durch ein unwirklich anmutendes Setting, das wie aus der Zeit gefallen wirkt. Mit großer Detailfreude umkreist die Kamera Orte, Räume und Personen, die sich fast traumwandlerisch in abgeklärte Posen werfen. Gekämpft wird Mann-gegen-Mann. An den unmöglichsten Orten, mit den unmöglichsten Waffen (Schlösser, Regenschirme etc.). Im Zoo, wo der Tiger teilnahmslos das Versteckspiel zwischen Polizei und Gangstern beiwohnt. In abgewrackten Häuserschluchten oder auf seltsamen Märkten, wo die LED-Sneaker der Besucher die Szenerie gar disney-haft erscheinen lässt. Eingerahmt von Schattenspielen und Musikstücken, die man in diesem Film wohl kaum erwartet hätte (es ertönt ein Song von Boney M in deutscher Sprache). Eine erinnerungswürdige Räuberpistole und definitiv der stilistisch spannendste Film des gesamten Festivals.

14. Around The World In 14 Films

Eine tolle Filmauswahl mit einigen richtigen Entdeckungen, überwiegend überzeugende Anmoderationen und ein meist sehr entspanntes Publikum machten Around The World In 14 Films mal wieder zu einem Pflichttermin, den man auch in den kommenden Jahren fett im Kalender markieren sollte.

Mehr auf 14films.de

 



AFTER DARK Film TALK | Facebook | Twitter :: Datenschutzerklärung | Impressum :: version 1.11 »»» © 2004-2020 a.s.