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KAPITELWAHL

THE FRIENDLY BEAST (Brasilien 2017)

von André Becker

Original Titel. O ANIMAL CORDIAL
Laufzeit in Minuten. 98

Regie. GABRIELA AMARAL ALMEIDA
Drehbuch. GABRIELA AMARAL ALMEIDA . LUANA DEMANGE
Musik. RAFAEL CAVALCANTI
Kamera. BARBARA ALVAREZ
Schnitt. IDE LACRETA
Darsteller. LUCIANA PAES . IRANDHIR SANTOS . MURILO BENICIO . CAMILA MORGADO u.a.

Review Datum. 2020-06-30
Erscheinungsdatum. 2019-07-05
Vertrieb. BILDSTÖRUNG

Bildformat. 1.85:1 (1080p)
Tonformat. PORTUGIESISCH (DTS-HD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. B

FILM.
Mit rund zweijähriger Verspätung erscheint THE FRIENDLY BEAST, dem Label Bildstörung sei Dank, nun auch hierzulande. Das ist eine ausgesprochen gute Nachricht, denn das Langfilmdebüt der brasilianischen Regisseurin Gabriela Amaral Almeida ist im besten Sinne ungemütlich. Ein wahrlich schwer zu verdauender Brocken.

Der Schauplatz des Films ist ein nobles Restaurant in einer anonymen Großstadt. Es ist kurz vor Feierabend. Die Stimmung ist dennoch gereizt. Es gibt Bad Vibes zwischen dem Küchenpersonal und dem Boss. Die Kellnerin Sara (Luciana Paes) pendelt in diesem Konflikt zwischen beiden Polen. Mit Sympathien für beide Seiten, aber unfähig zu vermitteln. Der große Knall droht als ein schnöseliges Paar aus der Upper Class auftaucht und die Belegschaft mit unverhohlener Arroganz durch die Räumlichkeiten scheucht. Es kommt allerdings noch schlimmer. Plötzlich tauchen zwei vermummte Männer auf und bedrohen Personal und die wenigen verbliebenen Gäste. Was wie ein simpler Raubüberfall aussieht, entwickelt sich jedoch schnell zu einem sadistischen Katz-und-Maus-Spiel bei dem die Rollen zwischen Opfer und Täter durchlässiger als erwartet sind.

THE FRIENDLY BEAST ist allein schon deshalb außergewöhnlich, weil es Gabriela Amaral Almeida mit selten gesehener Klasse versteht ihr nihilistisches Gesellschaftsportrait als zupackendes Genre-Kino zu inszenieren. Ein Kino das gleichermaßen verstört und beeindruckt. An dieser Stelle könnte man diese Rezension fast schon wieder beenden. Die Gefahr zu viel zu verraten ist groß. Ebenso schwierig ist es das herauszufischen, was die (im deutschen Sprachraum nach wie vor eher rar gesäten) Reviews nicht schon im Gleichklang als einzigartig, furios oder in welcher Tonart auch immer als Unique Selling Point herausstellen.

Bemüht man Vergleiche fallen einem so Namen wie Michael Haneke ein. Gabriela Amaral Almeida geht ähnlich nüchtern bei der Sezierung menschliche Abgründe vor wie der Österreicher der 1997 mit FUNNY GAMES dem deutschsprachigen Kino einen heftigen Hieb in die Magengrube verpasste. Nichtsdestotrotz ist der ästhetische Zugang der Regisseurin eigenwilliger. Auf der Tonspur wabern dunkle Synthie-Klänge, die in den einzelnen Szenen gar mit versöhnlichen Pop-Melodien aufgebrochen werden (einer der eingesetzten Songs stammt von der gemeinhin stark unterschätzen Indie-Band Mercury Rev). Die Bildebene bleibt hingegen fast statisch. Lange Einstellungen und wenige Schnitte legen den Fokus auf die entfesselte Körperlichkeit der Protagonisten.

Überhaupt das Thema Körperlichkeit. THE FRIENDLY BEAST arbeitet sich erfolgreich daran ab, die Körper seiner Hauptfiguren als Resonanzraum einer außeralltäglichen Bedrohungssituation zu sehen. Wiederkehrendes Schlüsselmotiv ist der Blick in den Spiegel, der gleichsam Selbstversicherung als auch Blick in den Abgrund ist. Letztlich führt sämtliche Maskierung (das Make-up-Auftragen der bis dahin unscheinbaren Sara etc.) nur noch in tiefer verborgenen Schichten der Seele, die besser unberührt geblieben wären.

THE FRIENDLY BEAST ist in seiner konsequenten Verweigerung Kompromisse irgendeiner Art einzugehen (z.B. in Hinblick auf die Sehgewohnheiten seines Publikums) auch ein sehr mutiger Film, der es ebenso nicht nötig hat die teils sehr harten Gewaltdarstellungen voyeuristisch auszuschlachten. Gabriela Amaral Almeidas Film ist neben der pointierten Darstellung des gesellschaftlichen Oben und Unten vor allem eine angenehm furchtlose Reflexion über die Mechanismen von Gewalt. Der zivilisatorische Kitt, der alles irgendwie zusammenhält, ist dann doch bröckeliger als wir uns alle einreden wollen. Schonungsloser ist einem diese Lesart in einem Film schon lange nicht mehr verklickert worden.

DVD.
Bildstörung präsentiert den Film als ungeschnittene (erwartungsgemäß gab es die KJ-Freigabe) Original-Fassung mit deutschen Untertiteln. Die Veröffentlichung besticht mit einer großen Zahl an Extras (mehrere Kurzfilme der Regisseurin, Audiokommentar, ein aufschlussreiches und bestens recherchiertes Booklet von Shelagh Rowan-Legg und Kat Ellinger) und einem gelungenen Artwork. Wie vom Label gewohnt sind Bild und Ton erstklassig und geben keinen Anlass für Mäkeleien. Die über den Online-Shop von Bildstörung erhältliche, limitierte Edition verfügt zudem über eine beigelegte Soundtrack-CD.








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