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KAPITELWAHL

DIE VERSUNKENE STADT Z (USA 2017)

von Andreas Günther

Original Titel. THE LOST CITY OF Z
Laufzeit in Minuten. 140

Regie. JAMES GRAY
Drehbuch. JAMES GRAY
Musik. CHRISTOPHER SPELMAN
Kamera. DARIUS KHONDJI
Schnitt. JOHN AXELRAD . LEE HAUGEN
Darsteller. CHARLIE HUNNAM . ROBERT PATTINSON . SIENNA MILLER . TOM HOLLAND u.a.

Review Datum. 2017-09-20
Erscheinungsdatum. 2017-08-21
Vertrieb. STUDIO CANAL

Bildformat. 2.40:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Die Dschungelabenteuer Werner Herzogs, AGUIRRE - DER ZORN GOTTES, FITZCARRALDO oder COBRA VERDE haben mit DIE VERSUNKENE STADT Z einen würdigen Nachfolger gefunden. Der neue Film von James Gray erlangt eine absolut ebenbürtige Intensität. Aber sein Thema ist nicht der Größenwahn abendländischer Kultur und Überlegenheit, der im Irrsinn endet, sondern handelt vom genauen Gegenteil - nämlich davon, der westlichen Zivilisation die Relativität ihrer Gültigkeit vor Augen zu führen, um innere Ruhe zu gewinnen. Freilich führt Bessenheit hier wie dort in die Irre. Im Mittelpunkt steht eine historische Gestalt, der Entdecker und britische Offizier Percy Fawcett, der sich der Suche nach den untergegangenen Metropolen präkolumbinaischer Völker im Amazonasgebiet wimdete und die Filmfigur des Indiana Jones wie auch Erlebnisse von Tim und Struppi inspirierte.

Im Jahre 1905 dient Fawcett (Charlie Hunnam) als Major in Nordirland. Er ist verheiratet, hat einen kleinen Sohn Jack und zeichnet sich durch Wagemnut und Willenskraft aus. Doch seine Tugenden zählen in der verknöcherten Standesgesellschaft des spätviktorianischen Zeitalters nichts. Den Makel unehelicher Herkunft von einem unbekannten Vater wird er partout nicht los. Die tollkühne Erlegung eines Hirschen hilft ihm kein bisschen bei seinen Bemühungen, einen zufriedenstellenden sozialen Status zu erringen. Mit dem Auftrag der Krone, die Grenze von Bolivien neu zu vermessen, um Gründe für einen Krieg des Landes mit Brasilien gegenstandlos zu machen, bietet sich ihm gleichwohl ein Jahr darauf eine neue Chance auf eine Karriere. Seine Begleiter sind der unstet wirkende, aber mit den Gegebenheiten Südamerikas sehr gut vertraute Henry Costin (Robert Pattinson) und der treue Arthur Manley (Edward Ashley).

Als die Expedition wegen des unmittelbar bevorstehenden Kriegsausbruchs zwischen zurückgerufen wird, verweigert Fawcett den Gehorsam. Beharrlich führt er die Vermessungen auch tief im Dschungel zu Ende, trotz Pumas und Giftschlangen, Meutereien der Träger und fiebrigem Bluthusten. Mit dem Abschluss der geographischen Arbeit erlischt Fawcetts Interesse am Dschungel jedoch keineswegs. Ihm gehen die Worte eines Indios nicht aus dem Kopf, der von einer Stadt aus Gold erzählt hat, an der Quelle eines langen Flusses. Den Fund von Tonscherben und baumumwachsenen Götzenbildern nimmt Fawcett als Hinweise auf ein untergegangenes Reich, das er unbedingt aufspüren will. Weder Indio-Angriffe noch unzuverlässige Geldgeber oder der Erste Weltkrieg können ihn von diesem Vorhaben abbringen, das nur spärliche Ergebnisse zeitigt.

DIE VERSUNKENE STADT Z geht unter die Haut wie die Viren, denen die Expeditionsteilnehmer ausgesetzt sind. Und das auf zweierlei Weise, nämlich als intergenerationell wucherndes Drama aus der Feder von James Gray und als vielschichtige Bilderflora von Kamermaann Darios Kondjii. Beides ist kaum zu trennen. Weit entfernt von der Grobschlächtigkeit, die er kürzlich als König Arthur gezeigt hat, porträtiert Charlie Hunnam mit oft in verzweifelter Agggression vorgeschobenem Unterkiefer und zwischen Verbitterung, Enttäuschung und immer wieder neuaufkeimender Hoffnung flackerndem Blick eine Art Rebell gegen das Schicksal eigener Bedeutungslosigkeit.

Nach außen richtet sich seine Revolte gegen die herrschende Klasse. Zu seiner Frustration gehört er ihr nicht an. Ihre Arroganz will er deshalb durch den Nachweis fremder Hochkulturen empfindlich treffend. Nichtsahnend nimmt er dabei seine Familie als emotionale Geiseln, seine Frau Nina (Sienna Miller), die ihn aufopferungsvoll mit wissenschaftlichen Recherchen unterstützt, wenn sie schon nicht mit auf seine Reisen kommen darf, nicht weniger als den Sohn Jack, der als Heranwachsender (Tom Holland) keine andere Möglichkeit sieht, seinen Vater für sich zu interessieren, als ihn auf einer weiteren Expedition begleiten zu wollen. Fawcett opfert ungewollt die Seinen der Suche nach einem Platz im Leben, den er nur in einem Zwischenreich finden kann, irgendwo zwischen kannibalischen und trotzdem friedfertigen Eingeborenen, häuslichem Glück und endlich gewonnenem Prestigekampf gegen die Eliten seines Landes.

Wie dieses Zwischenreich beschaffen ist, wäre eine Meisterleistung für sich, bestünden nicht die innigsten Verbindungen mit den Figuren des Films. Der Dschungel bildet zugleich ein gefährliches, verschlingendes Ungeheuer und eine lockende Projektionsfläche. Sein ewiges Grün enthält ein kaum wahrnehmbares rötliches Licht, in das sich Goldtöne mischen, während die Schatten tiefem, geheimnisvollen Blau zuneigen. Die Männer, die sich dort hineinbegeben, allen voran Fawcett, sind visuell bald überexponiert, so dass ihre Gestalt die Konturiertheit und Starrheit von Gravuren erhält, bald so wenig exponiert, dass sich ihre Silhouetten aufzulösen drohen. Gerade in den Momenten äußerster Herausforderung erscheinen die Forscher somit seltsam leblos. Diskrete Farbstiche in Grün- und Ockerregionen unterstreichen, dass die Figuren mit dem Urwald auch dann verschmolzen sind, wenn sie in Bibliotheken sitzen oder an Kathedern Reden schwingen.

Sie transpirieren gleichsam den Traum, dem sie nachjagen. Das Innere kehrt sich ins Außen- und umgekehrt. Das Dickicht tropischer Pflanzen und reißender Flüsse, endloser Regenfälle und von Strapazen zerschundener Körper schlägt sich nieder in einen mentalen Zustand von deliriumhaftem Furor, wie er sich in Fawcett entzündet, wenn er mit brennender Leidenschaft seine hochspekulativen wissenschacftlichen Thesen vertritt oder hinterhältige einstige Gönner angreift. Was sich an naturalistischen Eindrücken ins Hirn einschreibt, strebt nach Abfuhr im heftigen Affekt - oder sucht im Surrealen Erlösung, wie sie das atemberaubende Schlussbild offeriert.

DVD.
Bedauerlicherweise unternimmt der Verleih wenig, um den ebenso feinsinningen und fesselnden Zauber des Films nahezubringen. Das Bonusmaterial beschwört den historischen Hintergrund, die Genrequalitäten des Films und die herausfordernden Dreharbeiten. David Grann, Verfasser des Sachbuchs, auf dem der Film beruht, erhält im Featurette "Behind the scenes" Gelegenheit, an die faszinierende Persönlichkeit Percy Fawcetts zu erinnern. Charlie Hunnam beteuert artig, sich dem Vorbild in seiner Darstellung unterworfen zu haben. Na ja, nicht ganz, er hat schon nach ähnlichen Aspekten in seiner eigenen Persönlichkeit gesucht, also doch eher von sich selbst her die Figur erschlossen. James Gray betont, dass er seit Jahren den Film hat machen wollen. Und so weiter, und so weiter. Das "Making Of" und Ausschnitte der Pressekonferenz anlässlich der Aufführung bei der diesjährigen Berlinale bringen mehr vom Selben.








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