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KAPITELWAHL

LIEBE AUF DEN ERSTEN SCHLAG (Frankreich 2015)

von Andreas Günther

Original Titel. LES COMBATTANTS
Laufzeit in Minuten. 94

Regie. THOMAS CAILLEY
Drehbuch. THOMAS CAILLEY . CLAUDE LE PAPE
Musik. PHILIPPE DESHAIES . LIONEL FLAIRS . BENOIT RAULT
Kamera. DAVID CAILLEY
Schnitt. LILIAN CORBEILLE
Darsteller. ADÈLE HAENEL . KÉVIN AZAIS . ANTOINE LAURENT . WILLIAM LEBGHIL u.a.

Review Datum. 2016-03-14
Erscheinungsdatum. 2015-12-03
Vertrieb. SUNFILM/TIBERIUS

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1/DD 2.0) . FRANZÖSISCH (DD 5.1/DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Kunst im weitestesten Sinne kann wie ein Blick in die Glaskugel sein. Sehr wahrscheinlich hat sich der französische Regisseur Thomas Cailley jedoch nicht gewünscht, dass in seinem Heimatland das Militär mehr als die metaphorische Bedeutung erhält, die es in seinem Debütfilm LIEBE AUF DEN ERSTEN SCHLAG hat. Dort steht es für eine nicht unbedingt effektive Abwehrhaltung gegen eine eher diffuse Bedrohung. Seit die KomödieLIEBE AUF DEN ERSTEN SCHLAGim Mai 2014 in Cannes lief und vier Monate später in die französischen Kinos kam, hat sich die Weltlage so verändert, dass sich die Aufmerksamkeit nun beim deutschen DVD-und Bluray-Start eher auf die diagnostischen Unterströmungen des Films als auf die Liebeshandlung richten dürfte.

Arnaud (Kévin Azaïs) nimmt an der Bar einer Tankraststätte Platz - in Tarnanzug und mit Resten von Tarnanfarbe im Gesicht. Es gibt nur alkoholfreies Bier, aber er bestellt trotzdem eins. Durch die Tür tritt Madeleine (Adèle Haenel), gekleidet und geschminkt wie Arnaud, aber mit einem Barett auf dem Kopf und in den Händen etwas, das wie eine Maschinenpistole aussieht. Sie bewegt sich auf den Tresen zu. Die junge Bedienung dahinter hat leises Erstaunen und Entsetzen in der Miene. "Antiterroreinheit", sagt Madeleine erläuternd und deponiert ihre Paintball-Waffe auf der Bar.

Die Zuschauer der französischen Erstaufführung durften ungehemmt lachen. Beim deutschen Kinostart im Sommer diesen Jahres fiel die Heiterkeit schon verhaltener aus - der Al Quaida-Überfall auf 'Charlie Hebdo' steckte noch in den Knochen. Die Szene nun wiederzusehen, nicht einmal einen Monat nach noch schwereren Anschlägen auf den Pariser Straßen und in einem Nachtclub im November, ist vielleicht ein kleiner Schock. Aber er veranlasst dazu, sich den Film noch genauer anzusehen und seine Anti-Helden stärker vor dem Hintergrund einer Stimmung der Verunsicherung wahrzunehmen, die offenbar lange vor dem ersten Anschlag schon bestand. Sorge, Sympathie und Interesse für das Nachbarland im Ausnahmezustand sind dazu Motivation genug.

Gäbe es nicht die Armee, hätten sich Arnaud und Madeleine wahrscheinlich nie kennen gelernt. Im Rahmen ihrer Rekrutierungsbemühungen veranstalten die Streitkräfte an einem Stand der Atlantikküste einen kleinen Zweikampfwettbewerb. Freunde haben Arnaud dafür eingetragen. Er muss gegen ein Mädchen antreten - und will nicht. Aber dieses Mädchen kann zuhauen und ringt ihn rasch zu Boden. Wahrschein hätte Arnaud verloren, hätte er seine Gegnerin nicht gebissen. Wie das Schicksal so spielt, baut der Schreinersprößling bald ein Gartenhäuschen für ihre Eltern - und lernt Madeleine so näher kennen.

Madeleine hat zwar ein Wirtschaftsstudium in der Tasche, will aber nun unbedingt bei der Fallschirmjägerkompanie aufgenommen werden. Bei der härtesten Truppe eben. Um für nichts weniger als den Weltuntergang gerüstet zu sein, den sie zu überleben gedenkt. So vertraut sie sich Arnaud an, und an einem lauen Sommerabend, als sie von Arnauds Mutter zum Essen eingeladen ist, malt sie die bevorstehende Apokalypse mit jener zugleich illusionslosen und unreifen Nüchternheit aus, mit der Darstellerin Adèle Haenel ihre Figur so frappierend auszustatten weiß. Arnauds Mutter und Bruder reagieren entgeistert über soviel Schwarzmalerei. Aber Arnaud, dem Kévin Azaïs äußerst natürlich die lethargische Art eines um seine Zukunft allzu unbekümmerten jungen Mannes verleiht, ist fasziniert von ihrer Entschiedenheit und unterstützt sie bald in ihrem rigorosen Trainingsprogramm. Als sie einen Vorbereitungskurs der Armee absolvieren will, schließt er sich an.

LIEBE AUF DEN ERSTEN SCHLAG trägt im Original nicht von ungefähr den Titel LES COMBATTANTS, zu deutsch die 'Kämpfer', aber auch 'die Kriegführenden'. Regisseur und Co-Autor Thomas Cailley unterzog sich selbst einem militärischen Training, um zu wissen, worüber er schrieb und was er drehen wollte. Was nicht heißt, dass der Schöpfer eines Werkes dieses auch ganz und gar mit seinem Bewusstsein durchdringt. Einerseits erklärt Cailley, es gehe "in dem Film ja nicht um das Militär, die Armee ist eher eine Art Kulisse". Andererseits fand er es spannend zu beobachten, dass die Armee die "tieferliegenden existenziellen Krisengedanken" der jungen Menschen enthüllt. Damit beschreibt Cailley ein Phänomen, das inzwischen die ganze französische Gesellschaft erfasst haben dürfte - und nicht nur sie. Ein Phänomen, das sich im Zeichen eines wie auch immer bezeichneten Kampfes gegen den Terror aufs Engste mit militärischen Lösungen verbunden hat, ohne dass diese doch als ausreichend gelten würden.

Umso mehr lohnt es sich, den Lernprozess von Madeleine zu verfolgen. Bevor sie noch die Uniform überstreift, erlaubt ihr die Vorstellung von der Armee, ihre ganze Energie auf die Aneignung von Verhaltensweisen des Überlebens zu konzentrieren. Wenn sie ihre blauen Augen intensiv auf ihr Gegenüber richtet, ist es schwer zu sagen, ob sie hypnotisiert oder selbst hypnotisiert ist. In Madeleines Dynamik steckt ein gerüttelt Maß an Starrheit. Es ist vielleicht wie immer bei Aktionismus, der auf eine Herausforderung prompt reagieren will, aber daran zu scheitern droht, dass diese Herausforderung unbekannt ist und die alten Rezepte, die zur Verfügung stehen, gar nicht angemessen sein könnten. LIEBE AUF DEN ERSTEN SCHLAG deutet das Militär als teils rationale, weil artbeitgebende, teils als irrationale, weil an den Ursachen nichts ändernde Antwort auf die ökonomische Dauerkrise Frankreichs. Die neue Krise durch den Terorismus führt vielleicht zu einer ähnlichen Beurteilung. Nur auf das Militär zu vertrauen, ist, so selbstverständlich dieser Reflex angesichts der Bedrohung auch sein mag, wohl kursichtig.

Reibereien mit dem Offizier, der den Kurs leitet, lassen Madeleine dämmern, dass sie für Unterordnung viel zu eigensinnig ist. Eine überraschende Kurzschlussreaktion Arnauds gibt überraschend Raum für die Hoffnung, dass die Zuwendung zum anderen Menschen eine gute Lösung sein könnte, um Krisen zu bewältigen. Die Katastrophen, das müssen Madeleine und Arnaud auf einem erst euphorischen und dann sehr gefährlichen Naturtrip erfahren, lassen sich nicht einfach abschaffen. Aber durch eine starke, liebende Verbindung besser besiegen. LIEBE AUF DEN ERSTEN SCHLAGerweist sich vielleicht als noch klügerer Film als ursprünglich geplant - als ein Lehrstück, das für diese und wahrscheinlich noch viele andere Zeiten einen Interpretationsrahmen bietet.

DVD.
Der Film ist großartig, aber die Ausstattung der DVD lässt zu wünschen übrig. Ein kleines Interview mit Regisseur und (Haupt-)Autor Thomas Cailley wäre nett gewesen. Schließlich wird mit dem DVD-Verkauf nicht auch das gut gemachte Presseheft ausgehändigt, das die Journalisten beim Kinostart erhielten. Nicht weniger als US-amerikanische Filme bedürfen auch französische Filme kleiner Einführungen und ein wenig Hintergrundinformationen. Die kulturelle Unterschiede sind doch frappierend. Eine DVD oder Bluray anzuschaffen, bedeutet ja meistens, den Film öfert als einmal anzuschauen. Gutes Bonusmaterial gibt Gelegenheit, sich an dem Film nachhaltig zu interessieren. Immerhin ist der Kurzfilm PARIS SHANGHAI beigegeben, in dem Thomas Cailley schon einen Geschmack fürs Abenteuer zeigt und diesemal zwei junge Männer, von denen der eine ein Rumhänger und der andere ein Idealist mit konkreten Zielen ist. Aber es geht um den Hauptfilm - ein ideales Weihnachtsgeschenk für Frankreich-Freunde und Komödienliebhaber.








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