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KAPITELWAHL

TRUE DETECTIVE - DIE KOMPLETTE ZWEITE STAFFEL (USA 2015)

von Björn Lahrmann

Original Titel. TRUE DETECTIVE - SEASON TWO
Laufzeit in Minuten. 483

Regie. JUSTIN LIN . JEREMY PODESWA
Drehbuch. NIC PIZZOLATTO . SCOTT LASSER
Musik. T BONE BURNETT
Kamera. NIGEL BLUCK
Schnitt. ALEX HALL . BYRON SMITH
Darsteller. COLIN FARRELL . RACHEL McADAMS . VINCE VAUGHN . TAYLOR KITSCH u.a.

Review Datum. 2016-01-29
Erscheinungsdatum. 2016-01-28
Vertrieb. WARNER HOME VIDEO

Bildformat. 1.78:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH . ENGLISCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Immer schwerer beantworten lässt sich zu Peak-TV-Zeiten die hämische Schuldfrage: Wer hat's verbockt? Der Creator, gottgleich und damit schwer theodizeeanfällig? Der Writers Room, dessen Köche den auteuristischen Einheitsbrei verderben? Cast & Crew, die (corporate-terminologisch gesprochen) die Vision ihres kunstgewerblichen Leadership Teams nicht adäquat umsetzen konnten? Der Sender, der den Machern gleich alten Hollywoodmagnaten zu viel (oder zu wenig) auf die Finger geklopft hat? Oder gar der gefürchtete sophomore slump, der wie ein böser Kobold zweite Staffeln zu sabotieren pflegt?

In der Causa TRUE DETECTIVE war das Urteil schnell gefällt: Nic Pizzolatto, dessen faux-nitzscheanischen McConaughey-Monologen ein Jahr zuvor noch alle Welt zu Füßen gelegen hatte, schien sich mit Season 2 als Hochstapler zu entblößen. Der peinliche Anschlussverdacht - war vielleicht schon die erste Staffel scheiße gewesen und wir hatten es bloß nicht gemerkt? - ließ wahlweise Retcon-Schmähungen aus dem Boden schießen oder allen Verdienst dem vormaligen Serienregisseur Cary Fukunaga zuschustern (was aber spätestens nach dessen Kindersoldatenschmalzbombe BEASTS OF NO NATION auch nicht mehr ging).

Fukunaga also raus, Normalbetrieb rein: Neben den von Hals- und Achsbruchspezi Justin Lin eher kompetenzfern inszenierten Auftaktfolgen übernehmen das Gros der neuen Staffel HBO-Routiniers wie Jeremy Podeswa und Dan Attias. Ein Genrewechsel macht's möglich: California Noir statt Louisiana Gothic, unterbelichteter Westküstendoom als leichteste Übung alter Fernsehhasen. Schauplatz ist eine sündenpfuhlige L.A.-Satellitenstadt namens Vinci, wo Pizzolatto ordentlich den Hardboiled-Universalgelehrten raushängen lassen kann: Der Mord an einem in jeder moralischen Kompassrichtung korrumpierten City Manager ruft allerhand kaputte Typen auf den Plan, darunter drei Polizist_innen (McAdams, Farrell, Kitsch) mit redundant gespiegelten Vater-Mutter-Kind-Komplexen sowie ein teigiger Halbweltinvestor alter CHINATOWN-Schule (Vaughn).

Zwei von drei ursprünglichen TRUE DETECTIVE-Alleinstellungsmerkmalen fallen damit weg: Erstens die intrikate Rückblendenstruktur, zweitens die Duo-Dynamik des launischen McConaughey und seines launigen Korrektivs Woody Harrelson; im linear erzählten zweiten Durchgang sind einfach alle nur noch mies drauf. Bleibt Charakteristikum Nr. 3, und davon gibt's wahrlich nicht zu knapp: Pizzolattos genüsslich kultivierte Sprach-Tics, die aus praktisch jeder Dialogzeile einen ornamentalen Oneliner formen (Kostprobe: "Your compensatory projection of menace is a guarantor of its lack"). McAdams und Kitsch sind sichtlich um Unterspielung bemüht, während Farrell als schmierhaarige Reibeisenmännlickeit ins Kaugummi brummelt und Vaughn eher planlos im unflatpoetischen Wörtermeer baden geht.

Überhaupt ist das wesentliche Problem dieser Staffel ein Zuviel an allem: zu viele Figuren mit zu vielen Dämonen in zu vielen Intrigen mit zu vielen Quervernetzungen. Flöten gegangen ist die fein austarierte Spannung zwischen anderweltlicher Mood und prosaisch nebenherlaufendem Plot, alles muss rein, was der Gattungskatalog von Hammett bis Lynch hergibt: Bauprojekte und Steuerdeals, Nuttenparties und Schönheitskliniken, Gay Panic und Nymphomanie, Hippiekommunen und schummrige Bars mit Inhouse-Chanteuse. Im Versatzstückdickicht den Überblick zu behalten wird alsbald zur mühsam-uninteressanten Hausaufgabe, zumal alle kleinteilig aufgedröselten Seilschaften eh nur wieder auf das alte Die-da-oben-Lamento hinauslaufen.

In Interviews gibt Pizzolatto sich gern als Romancier auf televisuellen Abwegen, und tatsächlich wird man das Gefühl einer schiefgegangenen James-Ellroy-Fanfiction-Adaption nicht los. In der konfusen Gemengelage aus Traditionsbeflissenheit, mythischer Überhöhung und Referenzjokus (emblematisiert in googlefertigen Figurennamen wie, festhalten, "Antigone Bezzerides") ist kaum Platz für die womöglich wichtigste Tugend einer gelungenen Genreerzählung: uneitle Funktionalität. Die besten Momente sind folglich keine zerschwafelten Plot Points, sondern solche, in denen die Handlung mal kurz stillsteht: ziellose Zwiegespräche im Bett oder Auto, langsame Zooms auf vierschrötige Fressen, sinistre Flugaufnahmen nächtlicher Industriegebiete. Dramaturgische Freiräume, in denen eine chronisch überbeschäftigte Staffel ihre wohlverdienten Zigarettenpausen einlegt.

DVD.
Gehobene Standardedition mit zwei mundfaulen Audiokommentaren und drei Featurettes (angenehm praxisorientiertes Making Of einer zentralen Actionsequenz; PR-Termin Marke "Schauspieler beschreiben ihre Figuren"; dekorative Helikoptershots kalifornischer Infrastruktur).








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