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KAPITELWAHL

THE LEFTOVERS - DIE KOMPLETTE ERSTE STAFFEL (USA 2014)

von Martin Eberle

Original Titel. THE LEFTOVERS
Laufzeit in Minuten. 536

Regie. MIMI LEDER . CARL FRANKLIN
Drehbuch. DAMON LINDELOF . TOM PERROTTA
Musik. MAX RICHTER
Kamera. TODD MCMULLEN . MICHAEL GRADY
Schnitt. DAVID EISENBERG . MICHAEL RUSCIO
Darsteller. JUSTIN THEROUX . AMY BRENNEMAN . LIV TYLER . PATERSON JOSEPH u.a.

Review Datum. 2015-11-04
Erscheinungsdatum. 2015-10-08
Vertrieb. WARNER HOME VIDEO

Bildformat. 1.78:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Zwei Prozent Verlust, das klingt erstmal nicht so viel. Ein Oktoberfestbesucher würde strahlen vor Glück, wenn seine Maß nur zwei Prozent unter dem Eichstrich befüllt wäre, auch so einige Klein- bis Großaktionäre schlügen Purzelbäume vor Glück, wenn ihre Verluste bei gerade mal zwei Prozent lägen. Aber im Zwischenmenschlichen, da bedeutet es eine Katastrophe.

Plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, verschwinden weltweit 140 Mio. Personen, jeder 50. Mensch, diese zwei Prozent, einfach so, ohne Erklärungen, ohne Antworten. Es gibt kein erkennbares naturwissenschaftliches Prinzip hinter dem Verschwinden, keine innere Logik oder Systematik, die zumindest die Andeutung eines Erklärungsansatzes liefern könnte.
Auch die Religion hilft nicht weiter. Ein echtes rapture-Ereignis zum Beispiel, also die Entrückung, die die Himmelfahrt der wahren Gläubigen beschreibt (in der US-Kultur zumindest als Phänomen viel bekannter als im halb-säkularen Europa) scheint nicht plausibel. Schließlich sind unter den Verschwundenen auch Drogenhändler, Trunkenbolde, Bigamisten... Kurzum: Es gibt schlichtweg keine Antwort. Das Fazit einer Kommission, drei Jahre nach dem Vorfall: We do not know.

Die Welt muss also irgendwie klarkommen. Es wird allerdings schnell klar, dass die Veränderungen, die das "Ereignis" hinterlassen hat, zwar nicht sofort augenscheinlich aber bei näherem Hinschauen immens sind.

THE LEFTOVERS folgt vor allem dem Polizeichef Kevin Garvey (Justin Theroux). In dem recht beschaulichen Örtchen Mapleton/New York versucht er, seinen Alltag und den der Bewohner leidlich in den Griff zu kriegen; ein Alltag, der leicht gratig und immer schräger wirkt. Er selbst träumt schlecht, hat - oder hat auch nicht, wer weiss - Wahnvorstellungen und scheitert immer wieder, sowohl die Reste seiner Patchwork-Familie als auch die Ortsgemeinschaft funktionabel zu halten.

Weiteres Indiz auf eine in sich verschobene Welt: Es hat sich auch das Verhältnis zum einst besten Freund des Menschen, dem Hund, drastisch verändert. Aus den Häusern der Menschen verbannt oder geflohen, verwildert, zähnefletschend und in Rudeln durchstreifen sie die Wälder und die Strassen des Ortes und fallen immer wieder in äußerster Wildheit Tiere an und stellen auch für den Menschen eine unberechenbare Bedrohung dar.

Und es sind auch neue obskure Kulte und Sekten entstanden, z.B. The Guilty Remnants ("We are no cult!"), stets weiss gekleidete Menschen, Kette rauchend, die das Sprechen aufgegeben haben und sich stumm und gewaltfrei aber durchaus provokant und penetrant ihre ehemaligen Nachbarn und Freunde stalken und immer wieder mit perfiden Aktionen auf die Nerven gehen.

THE LEFTOVERS baut eine ganz eigene neue Welt mit einer ganz eigenen inneren Logik, die auch stringent durchgehalten wird. Und die Serie schafft es, die Möglichkeiten, die das Format bietet, voll auszuschöpfen. Das langsame Erzähltempo kommt der unheimlichen Grundstimmung zugute - The Uncanny - das konstante Gefühl der Verunsicherung, das auch die Protagonisten teilen. Ausserdem werden, wie kaum in einer anderen Serie zuvor, die Figuren gepflegt, ihre Entwicklung begleitet. THE LEFTOVERS traut sich auch mal, den Hauptstrang zu verlassen und einer (wenn auch wichtigen) Nebenfigur wie Nora Durst (Carrie Coon), die durch den Verlust ihrer ganzen Familie in der Trauerhierarchie der neuen Zeit plötzlich ganz oben steht, eine ganze Folge zu widmen. Tatsächlich auch eine der besten Folgen dieser Staffel, die idealtypisch für die Serie aus kleineren Vorkommnissen ein ganz ungutes Gefühl des Unheimlichen erzeugt.

Dieses Unheimliche ist natürlich nicht Selbstzweck. Die Autoren Lindelof und Perrotta (der auch die Romanvorlage geschrieben hat) hatten offensichtlich keine Mystery-Serie im Sinn, auch kein klassisches Erzählfernsehen. Sie konzentrieren sich ganz auf den Menschen, auf seine Gefühlswelt in einer permanenten Verunsicherung und Entfremdung, und vor allem auf den Umgang mit Verlust. Und da gelingen ihnen - und dem wirklich ganz hervorragenden Cast! - Momente von unglaublicher Eindrücklichkeit. Ein Augenniederschlag, ein Blick, eine auch noch so kleine Geste kann da schon mal einen ganzen Gefühls-Tsunami auslösen, der einen schlicht überwältigt. Den Schmerz, die Trauer, die der Verlust von Menschen bedeutet, ist selten so einfühlsam und gleichzeitig auch so brachial in der Wirkung in Szene gesetzt worden. THE LEFTOVERS weiß ganz genau, wo es weh tut, zeigt auch genau da drauf, drückt es noch mal tiefer, trifft mitten ins Mark. Eine Serie, die weiß, was das menschliche Moment ausmacht, die das Ambivalente betont und den größten Respekt für die Figuren zeigt.
Das ist der große Unterschied zwischen Gefühl und Gefühligkeit, zwischen Kunst und Kitsch. Es ist den Filmemachern hoch anzurechnen, dass sie so konsequent ihrem Weg gefolgt sind.

Beziehungsweise müsste es "ziemlich konsequent" heissen, denn bei Folge 7 und 8 bricht die erste Staffel ein. Diese elegante Lakonie, mit der THE LEFTOVERS die Konventionen des Geschichten- und Erklärfernsehens hinter sich gelassen hat, vertändelt sich plötzlich dann doch im Konventionellen. Da wird am Erzählstrang gekordelt und gezwirbelt wie man es sonst schon aus der Glotze kennt. Da bleibt es kühl, kein Gefühl. Sozusagen.
Vielleicht hatte es damit zu tun, dass der Sender Gerüchten nach nicht ganz glücklich mit der Entwicklung von THE LEFTOVERS war. Jedenfalls gab es nach der glorreichen Folge 6 nach Angaben von HBO eine zweiwöchige Drehpause, um dem Kreativ-Team mehr Zeit für die Planung der letzten Folgen zu geben. Zum Glück wurden nur diese zwei Folgen vermurkst, die beiden letzten Folgen sind wieder auf alter Höhe.
So sehr, dass es ein gnädiger Südwind war, der mir nach dem Staffelfinale nachts auf dem Balkon stehend die Tränen im Gesicht trocknen musste. Wann kommt endlich Staffel 2?

DVD.
Bild gut, Ton gut, wie zu erwarten. Deutsch liegt nur in stereo vor, aber die englische Originaltonspur macht natürlich viel mehr Spaß.

Die Extras sind tatsächlich hübsch-informativ und ganz gut produziert. Wenn man allerdings noch ganz unterm Eindruck dieser Gefühlsachterbahn den Audiokommentar der letzten Folge mit den Chef-Autoren Lindelof und Perrotta hört, wünscht man sich eine kleine Zeitmaschine. Die Grundentspanntheit der beiden wirkt oft ziemlich flapsig und pennälerhaft, was man wirklich schwer mit diesem hochemotionalen Finale zusammenbringt. Bzw. gar nicht. Dann lieber einfach nur Balkon und Südwind. Der angemessene Schlusspunkt für Staffel 1 der LEFTOVERS.








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