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KAPITELWAHL

DAS RETTUNGSBOOT (USA 1944)

von David Leuenberger

Original Titel. LIFEBOAT
Laufzeit in Minuten. 93

Regie. ALFRED HITCHCOCK
Drehbuch. JO SWERLING
Musik. HUGO W. FRIEDHOFER
Kamera. GLEN MACWILLIAMS
Schnitt. DOROTHY SPENCER
Darsteller. TALLULAH BANKHEAD . WILLIAM BENDIX . WALTER SLEZAK . MARY ANDERSON u.a.

Review Datum. 2014-03-28
Erscheinungsdatum. 2012-12-04
Vertrieb. CONCORDE

Bildformat. 1.33:1
Tonformat. DEUTSCH (DD 1.0) . ENGLISCH (DD 1.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Alfred Hitchcock träumte stets davon, einen Film zu drehen, der ausschließlich in einer Telefonkabine spielt. Diesen Wunsch hat er nie realisiert, doch in DAS RETTUNGSBOOT ist er ihm ziemlich nahe gekommen: Der titelgebende Handlungsort ist zwar wesentlich geräumiger als eine Telefonzelle, aber für neun Figuren immer noch mehr als genug eng.
Ein US-amerikanisches Handelsschiff wird im Atlantik von einem deutschen U-Boot versenkt. Die Überlebenden sammeln sich nach und nach im Rettungsboot. Da ist zunächst die feine High-Society-Kolumnistin Constance Porter (herrlich sophisticated: Tallulah Bankhead), die sich über Laufmaschen in den Strümpfen, angebrochene Fingernägel und den Schmutz ihrer späteren Co-Passagiere echauffiert. Der reiche Industrielle Rittenhouse (Henry Hull) kann ihr eine ganz gute Konversation auf ihrem sozialen Niveau bieten - ganz im Gegensatz zu den ölverschmierten Crew-Mitgliedern des versunkenen Schiffs John Kovac (John Hodiak) und Gus Smith (William Bendix), dem afroamerikanischen Steward Joe (Canada Lee), dem US-Soldaten Stanley (Hume Cronyn) oder der Armeekrankenschwester Alice (Mary Anderson). Aber irgendwie verständigt man sich halbwegs. Die junge Britin Higgins (Heather Angel), die ihren toten Säugling geradezu hysterisch in den Armen festkrallt, sorgt mit ihrer latent suizidalen Verwirrung für Trubel. Als der deutsche Marine-Soldat Willy (Walter Slezak) an Bord des Rettungsbootes kommt - das deutsche U-Boot wurde kurz nach dem Angriff selbst versenkt - droht die ohnehin labile Situation zu eskalieren.

Vereinfacht ausgedrückt ist DAS RETTUNGSBOOT, Hitchcocks dritter Film über den Weltkrieg nach FOREIGN CORRESPONDENT und SABOTEUR, ein psychologisches Kammerspiel auf einem maximal reduzierten Raum. Das Gelingen des Films ist also zu großen Teilen auch von seinen Figuren und ihren Darstellern abhängig ist. Tatsächlich kann Hitchcocks einziger Film für 20th Century Fox in diesem Bereich gut punkten. Die neun Schauspieler spielen ihre Rollen alle relativ glaubwürdig und überzeugend, auch wenn John Hodiak als zorniger Schiffsmechaniker und Mary Anderson als sensible Krankenschwester vielleicht etwas austauschbar bleiben. Absolut hervorstechend ist natürlich Tallulah Bankhead als nervige und egoistische Jet-Set-Journalistin. Sie schafft es, die Connie so verabscheuungswürdig wie auch zutiefst menschlich (als Gefangene ihres eigenen beschränkten Horizontes) lebendig zu machen.

Doch der eigentliche Star des Films ist der gebürtige Wiener Walter Slezak. Seine Darstellung des Willy ist zweifelsohne das faszinierendste Element des Films - für das zeitgenössische angelsächsische Publikum war es wohl eher die verstörendste Facette von DAS RETTUNGSBOOT. Er ist kein Klischee-Nazi, der in Paradeuniform herumstolziert, lustvoll Menschen foltert und in der Pause eine fettige Bratwurst isst (solche Exemplare kann man in Fritz Langs HANGMEN ALSO DIE! aus dem selben Jahr bewundern). Zuerst ist er vor allem eine reine Projektionsfläche für den unbändigen Hass der anderen Bootspassagiere: Ein Mann, der nur durch seine schiere Anwesenheit für Irritationen sorgt. Später stellt er sich als ehemaliger Chirurg einer Universitätsklinik vor und entpuppt sich als Mann von Welt, der fließend Englisch und Französisch spricht, mit gerührter Stimme Schuberts "Heidenröslein" singt - und die angelsächsischen Bootsinsassen dank eines geheim gehaltenen Taschenkompass perfide manipuliert. Willy ist im Grunde ein absolut archetypischer Hitchcock-Bösewicht: charmant und dabei trotzdem gnadenlos, brutal und nichtsdestotrotz in höchstem Maße kultiviert. Ein paradoxer Mensch, dessen innere und äußere Widersprüchlichkeiten auch am Ende nicht aufgelöst werden. Ein passendes Ehrenmitglied im Pantheon der Mrs. Danvers, Charlies, Sebastians, Brandons, Brunos, Vandamms und Rusks.

Die ambivalente Darstellung eines deutschen Bösewichts wurde Hitchcock damals ordentlich um die Ohren gehauen, denn das hatte man im Jahre 1943 nicht erwartet. Manche Kritiker versteigerten sich sogar zu der Behauptung, DAS RETTUNGSBOOT sei ein Pro-Nazi-Film. Das ist natürlich Quatsch. Es lässt sich allerdings nicht leugnen, dass der faszinierte Blick auf den Bösewicht von einer überaus gnadenlosen Behandlung der "Guten" flankiert wird: Sie stimmen wie selbstverständlich über einen Lynchmord ab, feiern geradezu jubelnd die Bombardierung eines deutschen Handelsschiffs, und verlieren sich zwischendurch in ihren kleinlichen Materialismus und ihren Vorurteilen. Am Ende der Reise haben sie sicherlich nichts, aber auch rein gar nichts "gelernt". Als reiner Kriegspropagandafilm, als allegorisches Duell zwischen Demokraten und Nazis, den man damals vielleicht erwartet hat, ist DAS RETTUNGSBOOT sicherlich kaum zu gebrauchen (die End-Credits enthalten trotzdem eine Werbung für Kriegsanleihen): Dafür sind die Figuren viel zu wenig stromlinienförmig. Dafür ist der Film im Grunde zu "unmoralisch" und viel zu sehr an den menschlichen Abgründen in einer Extremsituation interessiert.

Dafür ist DAS RETTUNGSBOOT auch viel zu sehr ein typischer Hitchcock-Film, durch und durch. Das Menschenbild ist in seinem gelegentlichen Zynismus teils erdrückend, allerdings ist der Film auch bereit, in Bereiche vorzustoßen, die richtig schmerzhaft sind (das Kammerspiel ist VERTIGO und MARNIE atmosphärisch wesentlich näher als dem eher leichtfüßigen Anti-Nazi-Vehikel und Action-Abenteuer FOREIGN CORRESPONDENT, der ein Jahr vorher entstanden war): flammender Hass, Dilemmata über Leben und Tod, der Verlust von Pietät und Menschlichkeit. Die entstehende Romanze zwischen dem Soldaten Stanley und der Krankenschwester Alice bietet hier nur schwache Erleichterung. Das Hitchcock-typische Motiv des unschuldigen Menschen, der in eine alptraumhafte Situation unfreiwillig hineingezogen wird und im weiteren Verlaufe der Handlung seine "Unschuld" verliert, wird hier auf engstem Raum durchexerziert. Auch der Gegenstands-Fetischismus des britischen Regisseurs, die konzentrierte Verdichtung der Handlung auf einzelne Gegenstände, findet sich hier zuhauf, sei es in einem leeren Schaukelstuhl, einem immer wieder weggeworfenen Schuh, einem in der hohlen Hand versteckte Taschenkompass, oder einem Messer. Trotz des engen Raumes reduziert sich DAS RETTUNGSBOOT keineswegs auf einfach aufgelöste Schnitt-Gegenschnitt-Dialoge, und das macht ihn so durchweg spannend und faszinierend. Freilich bleibt er der formal strengste Film Hitchcocks. Nur in den ersten zwei Minuten fährt die Kamera über das Wasser, und bleibt dann während des ganzen restlichen Films innerhalb des Bootes. Außer in den Anfangs- und End-Credits gibt es auch keinerlei extradiegetische Musik, sondern nur das Flötenspiel Joes, der Gesang der anderen, das Tosen des Sturms und das ewige Rauschen des Meers.

DVD.
Während es von manch einem anderen Hitchcock-Film deutsche DVD-Editionen wie Sand am Meer gibt, wurde DAS RETTUNGSBOOT hierzulande zu Unrecht (und trotz des wohl originellsten Hitch-Cameos) eher stiefmütterlich behandelt: Concorde veröffentlicht erst die zweite Edition.
Das Bild ist nicht kristallklar und weist einige qualitative Schwankungen auf, ist aber für einen 70 Jahre alten Film dennoch okay. Der Ton ist wesentlich besser erhalten, zumindest in der englischen Fassung. Die junge deutsche Synchronfassung (bis Ende der 1990er Jahre gab keine) leidet naturgemäß wie bei jedem US-Film mit deutschen Figuren am Babelfisch-Syndrom: alle verstehen sich plötzlich, weshalb das Drehbuch keinen Sinn mehr ergibt, und deshalb dann irgendein hanebüchener Ersatz herhalten muss (hier ist Willy also ein holländischer Freiwilliger der deutschen Marine... alles klar!). Das erkenntnisarme 20-minütige "Making Of" ist nur von relativ geringem Interesse und enthält außerdem das wohl nervendste Begleitgedudel aller Zeiten.
Die zweiteilige kanadische Interviewsendung A TALK WITH HITCHCOCK aus dem Jahre 1964 verdient die Bezeichnung Bonus hingegen wirklich und hat im Gegensatz zu neumodischen "andere Leute sprechen über das Subjekt"- und "wir sagen belanglose Sachen und haben uns alle lieb"-Dokus einen wirklichen Erkenntniswert. Die meiste Zeit spricht Alfred Hitchcock selbst und sagt viele erhellende und interessante Dinge. Er erklärt seine Herangehensweise an Montage (und hat dafür ein herrlich witziges Kuleschow-Experiment mit sich selbst als Hauptdarsteller gefertigt). Er erläutert, warum er nie einen Western gedreht hat. Er kontextualisiert seine Filme als enge Verwandte der Malerei und der Musik, und vergleicht sich aber auch mit einer Mutter, die ihrem dreimonatigen Kind mit einem "Buh" erschreckt. Er äußert seine Enttäuschung darüber, dass er NORTH BY NORTHWEST nicht noch wesentlich radikaler gestalten konnte. Er macht Prophezeiungen über das Kino im Jahre 3000 und gesteht seine große Liebe für den Farbfilm ("Farbe ist nutzvoll, wenn man sie solange nicht nutzt, bis man sie dann dramaturgisch braucht"). Er spricht seinen Neid gegenüber Walt Disney aus ("Walt Disney hat die richtige Antwort im Umgang mit Schauspielern: wenn er sie nicht mag, zerreisst er sie einfach!"). Und auf die Frage, was er denn gerne zur Entspannung und zur Ablenkung mache, hat er nur eine Antwort übrig: "I make pictures."
Wie Hitchcock gestikuliert, mit deutlich britischer Sprechweise artikuliert und in jedes Wort große dramatische Betonung legt, ist ganz großes Theater (im Bereich "Unterhaltungswert als Interviewpartner" dürfte ihm als Regisseur wohl nur Jean-Pierre Melville das Wasser reichen). Man könnte dem Briten stundenlang zuhören. Aber 50 Minuten sind immerhin auch schon etwas.








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