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KAPITELWAHL

GLAUBE, BLUT UND VATERLAND (USA/Argentinien/Spanien 2011)

von David Leuenberger

Original Titel. THERE BE DRAGONS
Laufzeit in Minuten. 117

Regie. ROLAND JOFFÉ
Drehbuch. ROLAND JOFFÉ
Musik. STEPHEN WARBECK
Kamera. GABRIEL BERISTAN
Schnitt. RICHARD NORD
Darsteller. CHARLIE COX . WES BENTLEY . DOUGRAY SCOTT . RODRIGO SANTORO u.a.

Review Datum. 2013-09-03
Erscheinungsdatum. 2012-04-24
Vertrieb. ASCOT ELITE

Bildformat. 2.35:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DTS/DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
"Man musste auf die Bibel schwören oder auf sie spucken", liest der Zuschauer in den einführenden Sätzen zu GLAUBE BLUT UND VATERLAND. Genau ab diesem Moment könnte er sich die restlichen 116 Minuten des Films auch sparen... oder um in pseudochristlichen Gefilden zu bleiben: der Verfasser dieser Zeilen hat die integralen 117 Minuten des Films auf sich genommen, damit ihr, werten Leser, das nicht müsst!

Roland Joffé hat mit THERE BE DRAGONS - der tendenziöse deutsche Verleihtitel ist ausnahmsweise sogar mal passender - scheinbar zwei Ziele verfolgt: er wollte einerseits eine Hagiographie des Opus Dei-Begründers Josemaría Escrivá zusammenstellen, andererseits eine revisionistische Deutung des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) liefern. Das ist ihm beides, zumindest an seinen Zielen gemessen, sehr gut gelungen. Sollte er aber auch noch die Absicht gehabt haben, einen guten Film zu drehen, so ist das wiederum ganz gehörig in die Hosen gegangen.

Gehen wir der Reihe nach. Der umstrittene Josemaría Escrivá (1902-1975) war der Begründer des Opus Dei, eine der bis heute kontroversesten Laienorganisationen der römisch-katholischen Kirche. Trotzdem wurde er von Johannes Paul II im Eilverfahren selig- und sogar heiliggesprochen. Die Vorwürfe gegen Escrivás Verein sind vielfältig: Elitismus, Misogynie, Gehirnwäsche-Praktiken, Befürwortung der Selbstkasteiung, geistige und personelle Nähe zu rechtsradikalen Regierungen und einiges mehr. Was davon wahr ist oder nicht, ist aufgrund der Verschwiegenheit und Verschlossenheit der Organisation schwer zu sagen: worin sie freilich auch ein strukturelles Problem der katholischen Kirche widerspiegelt. Mit anderen Worten: Escrivá ist eine überaus interessante Persönlichkeit der Zeitgeschichte, die zumindest eine minimal kritische Betrachtung verdient hätte.

Was Joffé dem Zuschauer präsentiert, ist jedoch eine hemmungslose Heiligenverehrung, die genauso glänzend und makellos ist, wie das Lächeln des Darstellers Charlie Cox. Sein Escrivá erscheint von Anfang an als Heiliger, der nichtsdestotrotz ganz bodenständig daherkommt. Er ist der nette Kumpeltyp von nebenan, der seinen richtigen Weg in der Berufung zum Priester findet. Sein Charakter ist makellos. Deshalb spendet er alten bedürftigen Damen sein Budget für neue Schuhe. Dabei lebt er keineswegs von der Welt enthoben: in einem Krankenhaus krempelt auch mal die Ärmel hoch, um demütig Bettpfannen zu säubern. Josemaría ist immer verständnisvoll, absolut bescheiden, ihm hängt immer eine hilfsreiche Weisheit an den Lippen und mutig ist ebenfalls. Momente des Zweifels macht er vor Gott durch Selbstgeißelung wieder wett, was natürlich als geradezu heroischer Akt inszeniert wird. Sein persönlicher Orden mit dem Namen Opus Dei erscheint übrigens als basisdemokratischer Ponyhof, der sich um soziale Gerechtigkeit sehr viel bessern kümmern kann als Gewerkschaften, Arbeiterorganisationen oder - Gott bewahre uns! - Sozialisten und Kommunisten.

Der Escrivá-Figur zuzuschauen ist also genauso spannend, wie einem weißen Bettlaken beim Trocknen zu beobachten. Dass ihr Darsteller dabei nicht gerade brilliert, macht sie nicht gerade interessanter. Die Banalität ihrer Heiligkeit ist jedoch geradezu konsternierend. Das meiste, was Escrivá im Film von sich gibt, ist ein substanzloses "Lasst uns beten"-Gesülze, wie man es in seinen schlimmsten Träumen nicht erwartet hätte. Das führt zu grenzwertigen Momenten: Josemaría will etwa einem ihm aus der Kindheit bekannten Schokoladenfabrikanten in dessen Sterbebett segnen. Dieser offenbart ihm, dass er Jude ist... und dass er schon immer daran gedacht habe, zum "richtigen" Glauben zu konvertieren. Eine schockierende, widerwärtige und grenzwertig antisemitische Szene.

Aber nicht alles ist Friede, Freude und Heiligkeit im Leben des Josemaría. Wie fast alle anderen Vertreter seines Berufsstandes wird er im Spanien der späten 1930er Jahre auf böse, perfide und erbarmungslose Art und Weise verfolgt, und zwar von den bösen, zu Lynchmobs zusammengerotteten Kommunisten. Hier wird deutlich, dass das Anfangs zitierte Motto im Film ganz simpel und einfach als alles erklärende Interpretation des Spanischen Bürgerkriegs dient. Die Fragen nach der demokratischen Legitimation politischer Systeme, nach internationalen Allianzen in einem bereits größtenteils faschistischen und rechtsautoritären Europa, nach innerspanischen Problemen sozialer Gerechtigkeit - sie alle spielen überhaupt keine Rolle, wo doch der Spanische Bürgerkrieg uns nur als Kampf über den Umgang mit der Priesterschaft vorgegaukelt wird (Priester töten: so die "Kommunisten" oder Priester beschützen: so die "Faschisten"). Die unausgesprochene Schlussfolgerung von GLAUBE BLUT UND VATERLAND lautet also im Grunde: zum Glück haben jene den Bürgerkrieg gewonnen, die "auf die Bibel geschworen" haben: Die Leute, die schon immer gewusst haben, dass General Franco Spanien gerettet hat, wird das bestimmt erfreuen.

Filme mit zweifelhaftem politischen Inhalt müssen nicht unbedingt schlecht sein, sondern haben manchmal das Kino sogar revolutioniert (siehe BIRTH OF A NATION). Keine Bange: das ist hier nicht der Fall. Obwohl GLAUBE BLUT UND VATERLAND auf einer visuellen Ebene gar nicht so schlecht inszeniert ist, ist er zu triefend und glitschig vor lauter Kitsch und mit einem zu schlechten Drehbuch ausgestattet, um irgendwie ernst genommen zu werden. Die Rahmenhandlung - Sohn eines todkranken Escrivá-Kindheitsfreundes und Franco-Spions recherchiert für eine Escrivá-Biographie und lässt sich von seinem Vater was erzählen - ist an Hirnrissigkeit kaum zu übertreffen. Damit die ganze heilige Sache nicht zu trocken wird und es was fürs Auge gibt, kommt Olga Kurylenko als ungarische internationale Brigadistin hinzu, die mit jedem ins Bett geht, außer mit dem eingeschleusten Spion und natürlich zu blöd zum Verhüten ist. Und damit auch sonst die Authentizität des Films unterstrichen wird, spricht hier einfach jeder mit einem dämlichen gekünstelten spanischen Akzent auf Englisch. Die ohnehin spärlichen schauspielerischen Darbietungen werden damit nicht gerade besser. Andererseits passen sie vom Niveau her ganz gut zum Film.

DVD.
Bild und Ton sind einwandfrei. Neben den üblichen Trailern gibt es ein kurzes Interview mit Hauptdarsteller Wes Bentley und eine halbe Stunde an "deleted scenes". Zur DVD mit Hülle gibt es noch einen überaus schicken Pappschuber. Kurz gesagt: die Qualität der Veröffentlichung übersteigt jene des Films um ein Vielfaches.








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