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KAPITELWAHL

DER LEICHENVERBRENNER (Tschechoslowakei 1969)

von Björn Lahrmann

Original Titel. SPALOVAC MRTVOL
Laufzeit in Minuten. 95

Regie. JURAJ HERZ
Drehbuch. LADISLAV FUKS . JURAJ HERZ
Musik. ZDENEK LISKA
Kamera. STANISLAV MILOTA
Schnitt. JAROMÍR JANÁCEK
Darsteller. RUDOLF HRUSÍNSKÝ . VLASTA CHRAMOSTOVÁ . MILOS VOGNIC . ILJA PRACHAR u.a.

Review Datum. 2012-12-29
Erscheinungsdatum. 2011-11-18
Vertrieb. BILDSTÖRUNG

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. TSCHECHISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Karl Kopfrkingl (Rudolf Hrusínský) ist ein anständiger Mann, hat eine Frau, die ihn liebt, zwei Kinder, die zu ihm aufblicken, und vor allem: einen Job, der ihn erfüllt. Das von ihm geleitete Krematorium, pompös gelegen am Ende einer schlossparkartigen Allee, ähnelt weniger einer Einäscherungsanlage als dem sinistren Kurhotel aus LETZTES JAHR IN MARIENBAD, was auch Kopfrkingls favorisierter Zweckentfremdung außerhalb der Geschäftszeiten entspricht: Kuchen und Kammermusik in der Leichenhalle. Weit mehr als bloß morbider Spleen steckt hinter dieser nonchalanten Übertretung gängiger Pietätsgrenzen: Kopfrkingls gesamte Weltsicht ist bestimmt von einem unbedingten Willen zur (bei gleichzeitig mangelndem Gespür für) Kunst.

Vom Fin de Siècle aus betrachtet - DER LEICHENVERBRENNER spielt Mitte der 1930er Jahre - erscheint Kopfrkingl als gnomenhaft ulkiger Spätausläufer des Ästhetizismus, ein dickwulstig-dünnhaariger Kleinbürgerdandy, der das ganze Leben (und den Tod gleich mit) unterm Vorzeichen sinnlicher Genießbarkeit wahrnimmt. Womit eben nicht gemeint ist, dass er das Nicht-Schöne einfach ausblendet, sondern dass er alles, was ihm unter die Augen kommt, gewaltsam dem Paradigma des Schönen unterwirft, von Beamtenporträts über Knödelgerichte bis zu kruden Wachsfiguren auf dem Rummel. Bisweilen mutet sein mit stoischem Katzenlächeln aufrechterhaltener Feingeist wie eine sportliche Selbstherausforderung an: Immer noch Gemeineres wird zum Objet trouvé nobilitiert, wobei ein Schaukasten mit präparierten Grabfliegen die geschmackliche Dehnbarkeit besonders überzeugend unter Beweis stellt.

Die Affinität des Ästheten zur starren, toten Kunst ist nun eine, die der Film selbst so gar nicht teilt. Inmitten des Prager Frühlings gedreht, entlädt sich im LEICHENVERBRENNER vielmehr eine neu gewonnene Darstellungsfreiheit unter Einsatz sämtlicher expressiver Techniken, die die damalige Kinematografie hergab. Cartooneske Verfremdungen, wie man sie auch von anderen Vertretern der Schwarzen Welle kennt - Cut-up-Animationen; Objektive und Brennweiten, die Gesichter in die Breite und Räume in die Tiefe strecken -, kontrastieren dabei mit einem gespenstischen Schnitt, der raumzeitlich entfernte Szenen so überlappt, dass sie an den Rändern doppelwertig werden: Was Kopfrkingl im Schuss einer Prostituierten im Bordell erzählt, beantwortet im Gegenschuss seine Frau am Esstisch; wenn der dickglasig bebrillte Sohn seine Aufregung über einen anstehenden Boxkampf kundtut, drischt als Antwort prompt die behandschuhte Faust in die Kamera. Regisseur Juraj Herz zufolge stand jede einzelne der über 400 clever verschwimmenden Einstellungen schon im Drehbuch fest, was den unberechenbaren, fast organischen Tonfall zwischen somnambulem Gleiten und schockartigen visuellen Gags umso eindrucksvoller macht.

Dass der Film in seiner anarchischen Vitalität so vehement gegen den romantischen Totenkult seines Protagonisten sturmläuft, kommt nun nicht von ungefähr: Der eigentliche Plot parodiert weniger Kopfrkingls Kunstverständnis per se als dessen ideologische Andienbarkeit, die anhand formästhetischer Subversion erst zur Kenntlichkeit entstellt wird. Eine Art Politsatire also, die im Werk des bekennend apolitischen Herz ziemlich allein dasteht. Der Witz geht in Kurzfassung so: Kopfrkingls Faible für hocheffiziente Sterbliche-Reste-Beseitigung, eigentlich dem Reinheitskitsch tibetanischer Lehre verpflichtet, macht ihn bald für die Nazis interessant, die da noch ein paar umfangreichere Öfen zu bedienen hätten - freilich nicht ohne vorher die jüdischen Elemente in der eigenen Familie auszumerzen (Motto: "The Endlösung starts at home"). Es kommt zu absurden Taten mit noch absurderen Selbstrechtfertigungen, und wenn gar nichts mehr hilft, wird als Ablenkungssoundtrack halt Mahler angeschmissen.

Die Psychopathologie des Mitläufers, die DER LEICHENVERBRENNER am Beispiel Kopfrkingl entwirft, bleibt bewusst unscharf; inwiefern sein zwanghaftes Schön(heitsemp)finden als Schutz vor der Tyrannei fungiert und inwiefern es selbst tyrannisch ist, lässt sich nicht endgültig bestimmen. Die bis heute populäre Frage, ob einmal vereinnahmte Kunst auf ewig kontaminiert ist - ob man also beispielsweise die Dauerbrenner der Diktatorencharts noch so ohne Weiteres naiv goutieren darf (siehe zuletzt WAGNER AND ME) -, stellt der Film dabei weniger, als er sie selbst als naiv und unzureichend ausstellt: Affekte lassen sich schlichtweg nicht stilllegen, auch und gerade nicht von Ideologien. Einmal muss Kopfrkingl ein Judentreffen ausspionieren, ohne später jedoch Verwertbaren berichten zu können: Zu hingerissen ist er von der Schönheit der Klezmermusik.

DVD.
Eine Edition für Auteuristen: Juraj Herz kommt im Audiokommentar, zwei Featurettes und einem im Begleitheft abgedruckten Interview ausführlich (und sogar auf Deutsch) zu Wort, redet über Konzeption, Dreh, Rezeption, Darsteller, Kollaborateure, Weggefährten, die Zeit, seine Karriere und so fort. Der Film selbst liegt in erstklassigem Zustand vor: Das nuancenreiche Bild bringt das gesamte Schwarzweißspektrum zum Leuchten, und die oft geisterhaft entleerte Tonspur wird an keiner Stelle durch Artefakte gestört.








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