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KAPITELWAHL

LEBEN & TOD EINER PORNOBANDE (Serbien 2009)

von Björn Lahrmann

Original Titel. ZIVOT I SMRT PORNO BANDE
Laufzeit in Minuten. 107

Regie. MLADEN DJORDJEVIC
Drehbuch. MLADEN DJORDJEVIC
Musik. nicht bekannt
Kamera. NEMANJA JOVANOV
Schnitt. MARKO GLUSAC . MILINA TRISIC
Darsteller. MIHAJLO JOVANOVIC . ANA ACIMOVIC . RADIVOJ KNESEVIC . IVAN DJORDJEVIC u.a.

Review Datum. 2012-10-15
Erscheinungsdatum. 2011-07-11
Vertrieb. BILDSTÖRUNG

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. SERBISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH . ENGLISCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Eine hübsche Anekdote, nicht selbst erlebt, aber wahr: Vor ein paar Jahren, als man das Heil des klassischen Theaters aus unerfindlichen Gründen noch in Nacktheit und Körperausscheidungen suchte, wurde auf einer bedeutenden deutschen Bühne ein bedeutendes deutsches Stück aufgeführt. Einer der Darsteller trug szenenlang einen Dildo tief im Hintern spazieren, was, proktologisch präzis rangezoomt, auch auf Großleinwand übertragen wurde. Andächtig-angewiderte Stille im Saal - nur von einem Rang scholl enthemmtes Wiehern. Wer sich dorthin umdrehte, konnte mit etwas Glück erkennen: Der einsame Lacher war Klaus Maria Brandauer.

Des einen Schock ist des anderen Amüsement, an diesem Kipppunkt des transgressiven Kinos oszilliert LEBEN & TOD EINER PORNOBANDE. Weil Filmstudent Marko aufgrund mangelnder Linientreue keine Regiegigs bekommt, wechselt er ins Pornotheaterfach. Das Belgrader Spießerpublikum mobilisiert entrüstet den Bullenstaat, also geht's fortan mit bunter Truppe im bunten Hippie-Van durch die Walachei, wo sich das hinterländliche Publikum als weitgehend brandauerisiert erweist: Markos superexplizite Sexklamotten mit Transen, Metzgern und Pferdeblowjobs kommen allerorts spitzenmäßig an; nur einmal muss man zu rumpelndem Balkanbluegrass vor flinten- und moralkeulenschwingenden Dorfsheriffs flüchten, fast wie in BLUES BROTHERS. Dazwischen: Selbstgepflückte Pilztrips und organische Orgien im Wald.

Als Videotagebuch in prekärer Ästhetik - keine Sets, kein künstliches Licht, Handkamera - inszeniert Mladen Djordjevic den alten Traum vom enthemmten Freisein, der sich (auch dies nicht neu) alsbald ins Gegenteil verkehrt: Erst wird die Bande von einem wütenden Lynchmob massenvergewaltigt, dann taucht ein windiger deutscher Snuffproduzent auf, der Marko mit willigen Lebensmüden zum gewaltsamen Hinscheiden on camera versorgt - ein faustischer Deal für haufenweise stupid German money, die Endkunden, erfährt man, stammen vornehmlich aus Westeuropa und Nordamerika. Weniger allegorisch mitgemeint als offen thematisiert wird damit die katastrophentouristisch-mediale Ausbeutung einer Krisenregion, deren Tragödie sich in den Einzelschicksalen der Opfer noch mal überdeutlich artikuliert: Ein an der Front mit AIDS infizierter Soldat beichtet vor der Exekution seine Sünden, ein alter Bauer will mit der Blutgage die Strahlentherapie seiner deformierten Enkelin bezahlen.

Wie der Zufall es wollte, erschien mit A SERBIAN FILM kurz nach PORNOBANDE ein weiterer Ostblockschocker mit ähnlich gelagertem Story-Hook. Ein Konsens war schnell gefunden: Während Djordjevic ein zugleich reflektiertes wie genuin erschütterndes Stück Outsider Art geschaffen habe, sei SERBIAN nichts weiter als ein stumpfer Exploiter, dem es hinter seiner pseudopolitischen Fassade einzig um wohlfeile Skandalnudelei gehe (Stichwort Neugeborenenvergewaltigung). Beides ist als Beschreibung so zutreffend, wie die damit verbundenen Urteile diskutabel sind: Wo SERBIAN - äußerlich ein slickes Entertainmentprodukt, das sich in Spiel, Kadrage, Color Grading etc. nicht von aktuellem US-Mainstreamhorror unterscheidet - gerade wegen seiner pubertären Eskalationsnotgeilheit enorm abstoßend wirkt, trägt in PORNOBANDE jede noch so schweinische Abartigkeit den Anstrich des Wohldurchdachten.

Djordjevics kruder, mockumentarisch improvisiert scheinender, zugleich höchst virtuoser Verité-Stil fordert den Zuschauer permanent zum Toleranzabgleich heraus: Hardcorepornografisch eingefangene A-tergo-Penetrationen werden als unbedingt lustvoll (wehe, du ekelst dich), Hardcoregewalt und Schmutz hingegen als unbedingt ungenießbar codiert (wehe, du lachst). Dass seine (im übrigen großartig geschriebenen und gespielten) Figuren ein aus Middlebrow-Perspektive eher skandalöses Moralsystem vertreten, hindert den Film nicht daran, innerhalb desselben stets das Richtige zu wollen und zu tun; die Linie zwischen unschuldigem und schuldhaftem Exzess ist klar und deutlich gezogen, ihr Übertreten mit reflexhafter (Selbst-)Bestrafung verbunden. Hinter seinem radikalen Habitus erzählt LEBEN & TOD EINER PORNOBANDE so letztlich eine recht konventionelle Sündenfallgeschichte.

DVD.
Wie immer gilt: "It's not a DVD - it's Bildstörung." Folglich hat man mit dem Bonusmaterial mindestens genauso lang zu tun wie mit dem Film selbst. Neben zwei vorzüglichen Essays von Jochen Werner und PoMo-Papst Steven Shaviro liefern Djordjevic und sein Kameramann Nemanja Jovanov beim Audiokommentar und in separaten Interviews ausführliche Hintergründe. Dass sie dabei immer wieder auf die quasidokumentarische Natur des Drehs abheben, überrascht angesichts von Djordjevics Ursprüngen nicht; Ausschnitte aus drei seiner früheren Dokumentationen sind auf gesonderter Disc ebenfalls enthalten. Eine nette Überraschung ist das Behind the Scenes-Feature, das wider Erwarten nicht das Klischee vom "mutigen" Cast in "fordernden" Situationen bedient, sondern bloß eine Handvoll sympathischer Kindereien vom Set zeigt. Deleted Scenes gibt's auch, Highlight: die Langfassung des Drogen-Zombie-Pornos, der im Hauptfilm allzu knapp abgehandelt wird.








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