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KAPITELWAHL

SCHIESSEN SIE AUF DEN PIANISTEN (Frankreich 1960)

von Hasko Baumann

Original Titel. TIREZ SUR LE PIANISTE
Laufzeit in Minuten. 78

Regie. FRANCOIS TRUFFAUT
Drehbuch. FRANCOIS TRUFFAUT . MARCEL BOUSSY
Musik. GEORGES DELERUE
Kamera. RAOUL COUTARD
Schnitt. CLAUDINE BOUCHE . CECILE DECUGIS
Darsteller. CHARLES AZNAVOUR . MARIE DUBOIS . MICHELE MERCIER . DANIEL BOULANGER u.a.

Review Datum. 2012-08-12
Erscheinungsdatum. 2011-10-06
Vertrieb. STUDIO CANAL

Bildformat. 2.35:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 1.0) . FRANZÖSISCH (DD 1.0)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.

Die Angst war groß in François Truffaut nach seinem Erfolg mit SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN; die Angst vorm Scheitern, die Angst vor der Unaushaltbarkeit des Drucks, der auf ihm zu lasten schien. Er entschied sich, Kritiker und Publikum zu überraschen und verfilmte den Kriminalroman "Down There" von David Goodis. Es war das, wozu er die grösste Lust hatte und womit er den enormen Einfluß, den das amerikanische Genrekino auf ihn hatte, kanalisieren konnte. So ist SCHIESSEN SIE AUF DEN PIANISTEN einerseits der Film, dem man die Inspiration Truffauts durch Hitchcock und den Film Noir am deutlichsten ansieht, auf der anderen Seite aber ist er ganz dem Stile der Nouvelle Vague verpflichtet, mit langen Off-Monologen, einer gebrochenen Chronologie und harten Schnittfolgen.

Truffaut fand im Musiker Charles Aznavour die ideale Verkörperung seines Alter Ego und nahm an der Hauptfigur des Romans, Edward Webster Lynn - im Film umbenannt in Charlie - signifikante Veränderungen vor. War Lynn im Buch noch ein durchaus selbstbewusster Charakter, dient die Filmfigur Charlie als Projektion von Truffauts eigener Schüchternheit. Der unkommunikative Pianist klimpert sich mehr schlecht als recht durch die Abende in einem Pariser Café, gestört nur von seinem ewig flüchtigen kriminellen Bruder und der Prostituierten Clarisse, mit der das Bett teilt. Erst als er zur Kellnerin Léna (Marie Dubois) Nähe aufbaut, verändert sich etwas in seinem Leben. Léna kennt sein Geheimnis; daß er auf dem besten Wege zu grösstem Ruhm als Konzertpianist war, bis ein Schicksalsschlag ihn in die selbstgewählte Isolation mit neuer Identität trieb. Truffaut riskiert mit dem Verhalten Charlies in der entscheidenden, schicksalhaften Sekunde den Verlust aller Sympathien des Zuschauers, ohne aber jemals den Zuschauer an sich zu verlieren.

Der Schritt zurück ins Leben ist für Charlie ein Schritt in die falsche Richtung, als erneut Tod und Gewalt seiner Herr werden und eine weitere Tragödie unausweichlich scheint. Charlie ist eine sehr moderne Figur; ein Mann, der aus seinen Fehlern nichts lernt, der sich nie zur richtigen Entscheidung aufraffen kann und sich immer wieder in dieselbe Katastrophe manövriert. Gleichzeitig ist Charlie für Truffaut Stellvertreter des Konfliktes zwischen Kunst und Kommerz; ein Themenbereich, der mittig die Kriminalhandlung völlig in den Hintergrund drängt. Aznavour ist dabei der perfekte Darsteller; sein Charlie ist verschlossen, sensibel, auf gewisse Weise emotional verkümmert und sich doch des eigenen Verlorenseins bewusst.

Um Zeugnis über die Meisterschaft des Filmemachers Truffaut abzulegen, sei nur eine Sequenz hervorgehoben. Wenn Charlie sich als Pianist bei seinem Impressario vorspielen soll, zögert er an der Tür, die Hand nähert sich der Klinke und zuckt zurück, von drinnen dringen die Klänge einer Geige an sein Ohr. Als er gerade gehen will, verläßt eine junge Violinistin das Zimmer des Impressarios, Charlie bleibt nichts anderes übrig als einzutreten. Doch die Kamera folgt der Geigerin, durch den Flur und aus dem Haus, und sie und wir hören Charlies Spiel, und ihr Gesicht scheint zu versteinern, denn ihr ist klar, daß ihr Vortrag durch Charlie vergessen gemacht wurde, daß er die Karriere haben wird, die sie so gern gehabt hätte. Folgerichtig ist das nächste Bild das eines Konzertplakats von ihm.

Das ist wahrlich große Kunst.

DVD.
Die Bildqualität ist hervorragend, der Film quasi unverschmutzt und mit den allerfeinsten Schwarzweiß-Kontrasten gesegnet. Die deutsche Tonspur ist naturgemäß klarer als das Original und die Synchronisation auch wertig, aber insgesamt auch etwas wärmer und freundlicher als die unterkühlten Franzosen, außerdem ist die originale Tonspur der umfangreichen Nebengeräusche wegen authentischer. Als Extras gibt es einen recht ungewöhnlichen Trailer von damals und ein paar Clips der Kameratests von Aznavour und Marie Dubois. Unbezahlbar ist das Material, in dem die bezaubernde Dubois zum Fluchen und Schimpfen animiert wird, es aber einfach nicht kann!








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