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KAPITELWAHL

FEDERICO FELLINI COLLECTION (Italien 1952-1986)

von Florian Lieb

Original Titel. FEDERICO FELLINI COLLECTION
Laufzeit in Minuten. 1173

Regie. FEDERICO FELLINI
Drehbuch. FEDERICO FELLINI
Musik. NINO ROTA
Kamera. diverse
Schnitt. diverse
Darsteller. GIULIETTA MASINA . MARCELLO MASTROIANNI . ALBERTO SORDI . RICHARD BASEHART u.a.

Review Datum. 2012-06-12
Erscheinungsdatum. 2011-03-03
Vertrieb. STUDIO CANAL

Bildformat. diverse
Tonformat. DEUTSCH (DD 1.0) . ITALIENISCH (DD 1.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Wenn man von den großen Regisseuren des Kinos redet, von seinen Künstlern, dann spricht man von Ingmar Bergmann, von der Nouvelle Vague um Godard und Truffaut und auch von Federico Fellini. Dessen opulente Filme voller Bildgewalt mit Anstrichen von barockem Surrealismus avancierten teils zu vielzitierten Meisterwerken wie ACHTEINHALB, LA DOLCE VITA oder AMARCORD. "Das wahre Leben ist das Leben der Träume", lautet eine Zeile aus Fellinis Debütfilm DER WEISSE SCHEICH und ließe sich auch als roter Faden für seine Filmografie lesen. Dabei sind die Arthouse-Werke des Regisseurs aus Rimini nicht Jedermanns Sache. So schaut man viele seiner Filme nicht so sehr, weil sie unterhaltsam, denn vielmehr, weil sie interessant sind. Zur Füllung der cineastischen Bildungslücke.

Studio Canal brachte vergangenes Jahr nun eine Fellini-Collection heraus, die zehn seiner Filme beinhaltet. Über weite Strecken chronologisch, gerade in der zweiten Hälfte seiner Schaffensphase dann jedoch Titel aussparend. ROMA, SATYRICON, AMARCORD und LA DOLCE VITA sucht man vergebens. Immerhin hat es ACHTEINHALB von seinen Meisterwerken in die Box geschafft. Dass jedoch gerade LA DOLCE VITA, der wohl gelungenste Film des Italieners, fehlt, ist etwas bedauerlich. Aber vermutlich würde ohnehin jeder seine/ihre persönliche Fellini-Collection aus jeweils unterschiedlichen Filmen seiner Vita zusammenstellen. Als roter Faden durch die ausgewählten Werke dieser Box dient die Einsamkeit ihrer zentralen Figuren, oft ziel- und orientierungslos.

So wie Brunella Bovo in LO SCEICCO BIANCO, eine frisch vermählte Frau, die ihrem Gatten bei der Hochzeitreise nach Rom - im Nachfolger I VITELLONI zur dörflichen Tradition verklärt - abhanden kommt, um dem namentlichen weißen Scheich, Hauptfigur einer Foto-Serie, nachzustellen. "Das Leben ist ein Traum", resümiert Bovo zum Schluss. "Aber manchmal ist dieser Traum ein Fass ohne Boden." Bereits hier findet sich ein eher entfremdetes Paar, wie es auch in den anderen Werken Fellinis auftaucht. Und ein träumerischer Blick auf das Leben, der sich nicht mit der Realität decken will.

Die Tristesse des regionalen Italien thematisierte Fellini auch in DIE MÜSSIGGÄNGER. Eine alt gewordene Jugendgang vertreibt sich die trostlose Zeit bis zum nächsten Ereignis, dem alljährlichen Karneval, am Strand und in Kneipen. "Wir sitzen hier fest. In diesem verdammten Ort", so das Urteil aller ambitionierten Freunde, von denen es dennoch keiner schafft, dem tristen Alltag zu entfliehen. Lediglich Moraldo, dem Integersten der Freunde, gelingt am Ende der Auszug in die Welt, als klarer Bruch zu seinem vorherigen Leben. Einen solchen vollzieht auch Fellinis Frau und Muse Giulietta Masina in LA STRADA, wenn auch weniger aus eigenem Antrieb, denn aus sozial-wirtschaftlichen Gründen. Als verspielt-naive Gelsemina findet sie ihr Glück weder auf dem Dorf, noch in Rom - sondern auf der Straße. Die romantische Beziehung zu Anthony Quinns Zampano ist zum Scheitern verurteilt. Die Frau gemeinsam einsam, der Mann ruhelos.

Nach seinen ersten Fingerübungen steigerte sich Fellini mit LA STRADA und dessen Nachfolgeprojekt DIE SCHWINDLER. Gerade Letzterer wurde zudem sozial-kritisch aufgeladen. Eine Gauner-Truppe nimmt in Kirchentracht zwei alte Jungfern aus, Menschen am Existenzminimum werden dagegen mit Sozialwohnungen geködert. Die Kirche nimmt ihre Mitglieder aus, der Staat vernachlässigt die Menschen, die seiner bedürfen. Da die Bildung in der Schweiz besser sei, schickt Alberto Di Amicis' Figur seine Kinder im Kanton auf die Schule. Seine resümierende Begründung: "Italien kann man vergessen".

Betrügerisch wie sozialkritisch geht es auch in DIE NÄCHTE DER CABIRIA zu, wenn Masina, hier wieder in ihrer perfektionierten Rolle einer schrulligen Frau neben der Spur, auf sozial schwache Menschen stößt, die in Höhlen außerhalb Roms hausen und am Ende wie am Anfang des Films ihre naive Liebe zu einem Mann fast mit dem Leben zu bezahlen hat. Erneut gibt Masina eine sich nach Liebe sehnende Frau, auf die kein Happy End wartet, ähnlich wie später auch in JULIA UND DIE GEISTER. Für ihre Rolle in DIE NÄCHTE DER CABIRIA, der durch Bob Fosse in SWEET CHARITY ein US-Remake erfuhr, wurde Masina schließlich bei den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichnet.

Mit 8 1/2 folgt der Höhepunkt der Fellini-Box. Ein selbstreferentielles kleines Meisterwerk, autobiografisch angehaucht. "Du willst von der Verwirrung erzählen, die jeder in sich spürt", heißt es da an einer Stelle, während eine Drehbuchkritik zu Beginn nicht einmal einen "avantgardistischen Film" sieht, dem eine Problemstellung ebenso fehlt wie eine philosophische Frage und der zu einer "Aneinanderreihung überflüssiger Episoden" verkommt. Ein Vorwurf, der sich auf die meisten Filme Fellinis münzen ließe, darunter auch ACHTEINHALB, dessen chaotische Dreharbeiten von Marcello Mastroianni, drei Jahre zuvor in LA DOLCE VITA zum Star geworden, immer wieder durch seine Kindheitserinnerungen unterbrochen werden.

"Man muss lernen, sich mit Dingen abzufinden", heißt es da wohlwissend in JULIA UND DIE GEISTER, einem Werk, in dem Fellini prominent seine Affinität zu Carl Gustav Jungs Traumdeutungen auslebte. "Man kann Menschen nicht zwingen, zu tun was man will", lernt Giulietta Masina hier, während ihr Mann einer Anderen nachstellt und Sandra Milo als vollbusige Nachbarin das sorgenfreie Leben führt, welches Masinas Hauptfigur verwehrt bleibt. Bemerkenswert, dass Fellini selbst das offene Ende weitaus positiver einstufte als seine Gattin, wenn deren Julia in der finalen Einstellung ihrem Haus und damit ihrem Leben letztlich den Rücken zukehrt. Frei und zugleich verloren sein liegt in Fellinis Œuvre nah beieinander.

Eine Erfahrung, die auch Donald Sutherland elf Jahre später in IL CASANOVA machen muss, als umtriebiger Schwerenöter, dessen politischer Ehrgeiz stets unterminiert wird, von der Kunst seiner Lenden. Wie gewohnt surreal ist CASANOVA in gewissem Sinne als ein Gegenstück zu Stanley Kubricks BARRY LYNDON zu sehen, der ein Jahr zuvor erschienen war. In beiden Fällen durchwandern zwei charismatische Männer Europa auf der Suche nach Anerkennung für ihr Talent. Wobei Sutherland letztlich mehr scheitert als Ryan O'Neal, wenn er zur Witzfigur verkommt, deren romantisches Glück nur in ihren Träumen Erfüllung findet.

In Sprüngen von jeweils rund fünf Jahren markieren FELLINIS STADT DER FRAUEN, sowie GINGER UND FRED das Finale in der Studio-Canal-Collection. Sehnte sich Mastroianni in 8 1/2 nach einem Haus voller Frauen, bricht dieses auch in STADT DER FRAUEN über ihm schließlich zusammen. Als Mann, der die Frauen und ihren wachsenden Feminismus nicht versteht, verstrickt er sich in bisweilen pythonesker Art und Weise in das oft faszinierend-surreale Konstrukt seines Regisseurs, der Italien zu Beginn des dritten Aktes in Form eines Hundes (mit Namen "Italo") zum Opfer des faschistischen Feminismus macht. "Was ist das nur für ein Film?", kommentiert Fellini sich an einer Stelle wieder selbst, wenn sich Mastroianni schließlich in kafkascher Manier wie Josef K. vor einem Gericht für ein vermeintlich unbekanntes Verbrechen - hier: seine Männlichkeit - verantworten muss.

GINGER UND FRED wiederum ist ein teils zynischer Kommentar auf die TV-Landschaft, wenn zwei ehemalige Stepptänzer - die Vereinung der Musen Masina und Mastroianni - für eine Weihnachtssondersendung rekrutiert werden, um sich neben Geisterbeschwörern, schwebenden Mönchsbrüdern und einem Transvestiten zur kurzminütigen Unterhalt degradieren zu lassen. Und wie immer darf das verhinderte Paar nicht fehlen, wenn Masina ein letztes Mal die Einsame, Mastroianni den Ruhelosen und beide zusammen die Verlorenen geben.

So blieb sich Fellini bis zum Schluss treu, bildgewaltig, surrealistisch, verträumt. Dies oft etwas überlang, ohne Verfolgung einer philosophischen Frage, bisweilen nur eine Aneinanderreihung überflüssiger Episoden. Nicht immer unterhaltsam, aber eine Füllung cineastischer Bildungslücken. Und ungeachtet seiner Drehbücher eine durchweg imposante Inszenierung. Getreu dem in LA DOLCE VITA postulierten Motto: "The greatest is to burn and not to freeze".

DVD.
Bild und Ton der Filme sind von ihrer Qualität her angesichts des teilweisen Alters solide und zufriedenstellend. Etwas verstörend ist dagegen, dass der Ton selbst im italienischen Original oft asynchron läuft. Das Bonusmaterial ist erschreckend spärlich ausgefallen. Hier und da mal ein kleines Featurette (darunter eine 55-Minuten-Doku zu Giulietta Masina), meist jedoch erhält man nur Trailer oder die Biografie des Regisseurs. Warum nicht beispielsweise mal einen Audiokommentar eines Filmwissenschaftlers? Und so erfreulich die Integration von Frühwerken wie SCEICCO BIANCO und VITELLONI ist, dürften eigentlich zumindest LA DOLCE VITA und AMARCORD in einer Fellini-Collection nicht fehlen.








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