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KAPITELWAHL

BRUDERSCHAFT (Dänemark 2009)

von Benjamin Hahn

Original Titel. BRODERSKAB
Laufzeit in Minuten. 97

Regie. NICOLO DONATO
Drehbuch. RASMUS BIRCH . NICOLO DONATO
Musik. JESPER MECHLENBURG
Kamera. LAUST TRIER-MORK
Schnitt. BODIL KJAERHAUGE
Darsteller. THURE LINDHARDT . DAVID DENCIK . MORTEN HOLST . NICOLAS BRO u.a.

Review Datum. 2012-05-17
Erscheinungsdatum. 2011-00-00
Vertrieb. PRO-FUN MEDIA

Bildformat. 2.23:1 (anamorph)
Tonformat. DÄNISCH (DTS/DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 0

FILM.
Dass es auch schwule Nazis gibt, wissen wir nicht erst seit Rosa von Praunheims exzellenter Dokumentation MÄNNER, HELDEN, SCHWULE NAZIS, sondern tatsächlich ist der nationalsozialistische Homosexuelle ein Phänomen, das bereits in den Anfangstagen der braunen Bewegung aufgekommen ist. Das jedenfalls offenbart ein Blick auf Biografien wie die von Ernst Röhm. Dennoch mag es auf den ersten Blick reichlich widersprüchlich wirken, dass ausgerechnet ein System, das Homosexuelle mit rosa Winkeln und dem Tod in der Gaskammer bedacht hat, bis heute einen gewissen Reiz auf einen Teil der schwulen Welt ausübt. Auf den zweiten Blick jedoch zeigt sich, dass dem Männerbündischen und der von einer "treu bis in den Tod"-Maxime durchsetzten Kameradschaftsideologie immer schon eine latente Homo-Erotik inhärent gewesen ist. Fraglos keine, die sich übermäßig oft in sexueller Annäherung ausgeprägt hat, aber zumindest eine, die eine besondere geistige Verbindung zwischen Männern propagierte. Dass sowas bis heute einen gewissen Prozentsatz der Schwulen fasziniert, ist eigentlich nicht verwunderlich. Jedoch muss man dabei differenzieren zwischen denen, die sich aufgrund des damit vermittelten Männerbildes einer nationalsozialistischer Ikonographie bedienen und denen, die tatsächlich schwul innerhalb einer nationalsozialistischen Ideologie sind. Während man die erste Gruppe noch als Protagonisten eines moralisch-bedenklichen, makabren Rollenspiels abtun kann, ist das Begreifen der Letzteren schon weitaus schwieriger und vermutlich deshalb nur selten Gegenstand filmischer Reflexionen.

Eines der wenigen Beispiele für einen solchen Versuch ist der dänische Film BRODERSKAB aus dem Jahr 2009, der nun in Deutschland auf DVD erschienen ist. Regisseur und Drehbuchautor Nicolo Donato erzählt in seinem Spielfilm-Debüt die Geschichte des Feldwebels Lars, der aus der dänischen Armee austritt, nachdem Gerüchte über seine Homosexualität aufgekommen sind. Arbeitslos und verraten von seinen ehemaligen Kameraden sucht er nach Anschluss und findet diesen in einer rechtsradikalen Gruppierung. Dort lernt er Jimmy kennen, einen Schlägertypen mit Reichsadler-Tattoo auf dem Rücken, und verliebt sich in ihn.

Das sogenannte Regenbogen-Kino, das muss man einfach mal ganz ehrlich sagen, ist nicht gerade für besondere Qualität bekannt. Viele Filme mit schwulen Inhalten sind schlecht geschrieben, schlecht gespielt und eine Offenbarung höchstens im Sinne hochnotpeinlicher Fremdscham-Momente. Umso bemerkenswerter scheint es dann, wenn sich ein queerer Film anschickt wirklich richtig gut zu sein. Um so eine lobenswerte Ausnahme handelt es sich dann auch bei BRODERSKAB, der seine Geschichte eines zunehmenden Abrutschens in eine rechtsradikale Parallelgesellschaft genauso einfühlsam, zurückhaltend und angenehm unaufgeregt erzählt wie die sich zeitgleich entwickelnde schwule Liebe zwischen Lars und seinem Kameraden Jimmy.

Dass er sich dabei die Zeit nimmt und die Entwicklung dieser schwulen Liebe als eine Art Coming-Out-Geschichte, dem Versuch einer Selbstfindungsprozess in einem krass heteronormativen, ja geradezu lebensbedrohlich-homophoben Umfeld zu erzählen, ist eine der größten Stärken des Films, der - wenn man etwas fies sein wollte - seine Prämisse durchaus bei den Ärzten geklaut haben könnte: Unterm Lorbeerkranz mit Eicheln schlägt ein Herz. Und nein, trotz dieser Sehnsucht nach Romantik verzichtet der Film auf Kitsch und zeichnet stattdessen ein äußerst realistisch wirkendes Bild - sowohl in der behutsamen Annäherung von Lars und Jimmy zueinander, als auch in den Reaktionen ihres Umfelds. Überhaupt ist der Film angenehm frei von Klischees und reflektiert diese mitunter sogar, wofür man dem Drehbuch, angesichts des Themas und der sonstigen Produktionen im Bereich des Regenbogen-Kinos, wirklich nicht genug danken kann.

Ebenfalls lobend erwähnen muss man die Kameraarbeit von Laust Trier-Mork, der poetische Bilder einfängt, dabei aber eben immer noch jene Distanz wahrt, die ihn von einer unreflektierten Verklärung seiner fotografierten Objekte bewahrt und so z.B. ästhetische Bilder von Jimmys Körper schafft ohne sich dabei an dessen Nazi-Tätowierungen zu delektieren. Diesen schmalen Grat, nämlich das ins rechte Licht rücken (no pun intended) ohne dabei übermäßig wertend zu werden, beherrschen auch die beiden Hauptdarsteller Thure Lindhardt (als sich durch die Beziehung zu Jimmy neu in der Gesellschaft verortender Lars) und David Dencik als Jimmy. Gerade Dencik, der übrigens einer der wenigen Schauspieler ist, die in beiden Verfilmungen von Stieg Larrsons VERBLENDUNG mitspielen, liefert mit seiner Darstellung des zwischen der gefühlvollen Intimität mit Lars und der brutalen Verpflichtung gegenüber seiner homophoben Kameraden aufgeriebenen Jimmys eine exzellente Performance ab.

Dass der Film am Ende nicht einmal ansatzweise daran interessiert ist eine Erklärung dafür zu finden, warum es Schwule gibt, die trotz ihrer sexuellen Orientierung überzeugte Rechtsradikale sind, fällt angesichts seiner vielen positiven Aspekte nicht weiter störend auf. Zwar reiht sich der Film damit eben dann doch nur wieder in die Reihe jener Erzählungen ein, die den Rechtsradikalismus als Aufhänger für eine Art "Romeo und Julia"-Geschichte nutzen, aber zumindest das macht er auf eine nachhaltig beeindruckende Weise. Ein starker Film!

DVD.
Bild und Ton können überzeugen. Eine Synchro ist nicht vorhanden, dafür aber recht gute Untertitel.
Das Bonusmaterial besteht aus einem Interview mit dem Regisseur (10 Minuten) und einer Trailershow.








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