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KAPITELWAHL

AFTERSHOCK (China 2010)

von Andreas Neuenkirchen

Original Titel. TANGSHAN DADIZHEN
Laufzeit in Minuten. 135

Regie. XIOGANG FENG
Drehbuch. WU SI
Musik. LI-GUANG WANG
Kamera. YUE LÜ
Schnitt. YANG XIAO
Darsteller. JINGCHU ZHANG . DAOMING CHEN . YI-CHING LU . ZHONG LÜ u.a.

Review Datum. 2012-02-18
Erscheinungsdatum. 2011-09-02
Vertrieb. KOCH MEDIA

Bildformat. 2.35:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DTS/DD 5.1) . MANDARIN (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Naturkatastrophen, insbesondere Erdbeben, eignen sich nicht fürs Unterhaltungskino. Das hat keinerlei moralische Gründe; dürfte man mit potenziell realen Schrecken nicht unterhalten, wären auch Serienmörder und Kriege als Themen tabu, und das wäre ja schrecklich. Man könnte allenfalls noch Filme über Außerirdische und Vampire machen (bei Geistern und Drachen bin ich mir über Existenz oder Nichtexistenz noch nicht sicher). Der Grund, warum Naturkatastrophen nicht unterhalten, ist der, dass sie keinerlei Charakter haben, auch keinen schlechten. Man kann ihnen nicht die Faust entgegenschütteln und rufen: "Du böses Erdbeben, du! Na warte, dir zeige ich es!" Naturkatastrophen passieren einfach. Will man ansatzweise realistisch bleiben, kann man nichts gegen sie machen, auch Bruce Willis und Ben Affleck nicht. Erdbeben im speziellen sind völlig uncineastisch. Das japanische Tohoku-Erdbeben im März 2011 dauerte knapp sechs Minuten, ungewöhnlich lange. Das chinesische Beben in AFTERSHOCK kommt mit drei Minuten aus, ebenfalls weit über dem Durchschnitt tatsächlicher Vorfälle. Der Film als solcher aber dauert über zwei Stunden.

Wie gut, dass AFTERSHOCK gar kein Film über Erdbeben ist, auch nicht über Nachbeben. Da kann der deutsche Verleih noch so sehr mit den "unglaublichen Spezialeffekten" und Trümmer-Cover werben - das Desaster ist hier beinahe ein MacGuffin. Es setzt die Geschichte in Gang, diese hat aber nur sehr rudimentär damit zu tun. Die Aftershocks des Titels sind keine Erderschütterungen, sondern Schicksalsschläge im Leben der Figuren. Im Mittelpunkt stehen die Zwillinge Fang Deng und Fang Da. Als Kinder geraten sie 1976 bei einem verheerenden Erdbeben im chinesischen Tangshan unter eine Betonplatte. Ihrer Mutter Li Yuanni wird gesagt, man könne nur eines der Kinder retten, das andere würde beim Anheben der Platte zerquetscht. Schweren Herzens beschließt sie, Tochter Fang Deng für Sohn Fang Da zu opfern.
Fang Deng stellt sich später aber als nicht nur nicht tot heraus, sondern als körperlich nahezu unversehrt. Als vermeintliche Waise wird sie von einem kinderlosen Paar adoptiert, studiert Medizin, bekommt ein uneheliches Kind und heiratet schließlich einen kanadischen Anwalt, dem sie in seine Heimat folgt.
Ihr Bruder, der beim Erdbeben einen Arm verloren hat, wächst unter schwierigen Bedingungen bei der Mutter auf, die er vergöttert. Auch er gründet seine eigene Familie und macht Karriere. Über 30 Jahre später begegnen sich die Geschwister wieder. Nun ist auch die schwierige Wiedervereinigung von Mutter und Tochter unvermeidlich.

Anfangs stehen für den Film alle Zeichen auf Katstrophe. Zu viel Tränentier, zu laute Kitschmusik, zu konstruierte Figurenaufstellung. Aber nach dem Erdbeben findet AFTERSHOCK ganz plötzlich den Mut zu leisen Tönen - akustisch, optisch und schauspielerisch. Und nicht nur das: Die Geschichte findet auch Mut zu großen Sprüngen. Selbst potenziell melodramatische Schlüsselszenen wie Hochzeiten, Todesfälle und Geburten werden in der vier Jahrzehnte umspannenden Erzählung ausgelassen. Sogar bei der Wiederbegegnung von Bruder und Schwester wird kurz vorher geschnitten. Die Figuren und ihre Geschichten erschließen sich nicht über die ganz großen Momente, sondern über die unprätentiöse Schilderung ihres Alltags. AFTERSHOCK ist ein Epos ohne die aufgeplusterte epische Form. 135 Minuten waren selten kürzer, und das ist eine rundherum positive Erfahrung.

Dass AFTERSHOCK so gut funktioniert, ist neben dem intelligenten, ungewöhnlich strukturierten Drehbuch vor allem den Schauspielern zu verdanken, die ihre Rollen in ganz unterschiedlichen Abschnitten ihres Lebens glaubhaft verkörpern, und zwar in erster Linie durch ihr Können. Licht und Schminke helfen nur sehr dezent beim Alterungsprozess. Das hat zwar zur Folge, dass insbesondere zum Schluss das Ensemble etwas zu jung für das vorgebliche Alter aussieht. Aber bei diesen talentierten Darstellern ist man dankbar, dass man sie nicht unter dem üblichen Yoda-Make-up versteckt hat, das in allen anderen Filmen junge Leute älter machen soll.

Wenn ein chinesischer Film schon von den letzten knapp 40 Jahren erzählt, erzählt er auch vom Wandel, den China durchgemacht hat. Von der Zeit, als man sich über frische Tomaten und gebrauchte Ventilatoren freute, bis in die Zeit, in der man mit Handys telefoniert und mit der eigenen Firma reich wird. War wohl nicht anders zu machen, hätte man trotzdem gerne drauf verzichtet. Zumindest auf diese Art und Weise. Sicherlich ist AFTERSHOCK weit entfernt von den lächerlichen, bombastischen Allstar-KP-Jubelfilmen, die in der Volksrepublik zuletzt mit subventionierten Eintrittskarten und Betriebskinoausflügen zu Blockbustern hochgelogen wurden. Dennoch bläst er mit seinen leisen Tönen in ein ganz ähnliches Horn. In China war es immer überall schön. Auch als man wenig hatte, hatte man von allem genug. Genug zu essen, genug schöne Anziehsachen, so viele Kinder, wie man wollte; ganz egal ob ehelich oder unehelich, alleinerziehend oder adoptiert, Junge oder Mädchen. Mao war erst ein guter Mann, später ein guter Geist. Soldaten sind heldenhafte Erdbebenhelfer, keinesfalls willfährige Studentenabknaller.
Nun mag es ein wenig übereifrig sein, einem Film vorzuwerfen, dass er nicht auf Themen eingehe, die gar nicht seine Themen sind. Da ist was dran, deshalb scheitert das menschliche Drama im Fokus der Handlung auch nicht am weichgezeichneten Hintergrund. Aber ein etwas kritischer oder zumindest neutraler Blick auf die äußeren Umstände hätte verhindern können, dass nach diesem im Großen und Ganzen vorzüglichen Mal doch ein gewisses Gschmäckle bleibt.

Rätsel gibt das Ende des Films auf, zunächst. Da steht ein Mann vor dem Denkmal für die Opfer des Erdbebens und sagt seinen toten Verwandten, er würde sie in zwei Tagen wiedersehen. Selbstmordgedanken? Verheerende Arztdiagnose? Auf jeden Fall ein unerwartet deprimierender Epilog für einen Film, dessen Haupthandlung zuvor recht versöhnlich ausgeklungen ist. Internet-Recherche (zweimal in der IMDB geklickt) ergibt, dass es sich hier aller Wahrscheinlichkeit nach um die Fehlübersetzung einer chinesischen Redensart handelt. Eigentlich ist gemeint: Wir werden uns eines Tages wiedersehen.
Also nicht auf den letzten Metern noch runterziehen lassen.

DVD.
Auf der DVD ist der Film in guter Ton- und Bildqualität (ein paar Nachzieheffekte im zu vernachlässigenden Action-Teil, gestochen scharf und farbig knallig im Rest), die deutsche Synchro ist auszuhalten. Auf Extras wurde vornehm verzichtet.








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