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KAPITELWAHL

SENNA (Großbritannien 2010)

von Florian Lieb

Original Titel. SENNA
Laufzeit in Minuten. 104

Regie. ASIF KAPADIA
Drehbuch. MANISH PANDEY
Musik. ANTONIO PINTO
Kamera. JAKE POLONSKY
Schnitt. CHRIS KING . GREGERS SALL
Darsteller. AYRTON SENNA . ALAIN PROST . RON DENNIS . SID WATKINS u.a.

Review Datum. 2011-11-15
Erscheinungsdatum. 2011-09-15
Vertrieb. UNIVERSAL

Bildformat. 1.77:1 (1080p)
Tonformat. DEUTSCH (DTS) . SPANISCH (DTS)
Untertitel. DEUTSCH . ENGLISCH . . NIEDERLÄNDISCH . SPANISCH
Norm. PAL
Regional Code. B

FILM.
"Wie kann jemand so bewundert werden?", fragt sich der brasilianische Sport-Kommentator Reginaldo Leme im Bonusmaterial zu Asif Kapadias Film-Feature SENNA. Die Antwort versucht Kapadias Film über seine rund 100-minütige Laufzeit zu geben. Chronologisch begleitete der Regisseur Ayrton Sennas Jahrzehnt in der Formel 1, vom ersten Jahr bei Toleman bis hin zu jenem tragischen Rennsonntag im italienischen Imola, der der Karriere des größten Rennfahrers aller Zeiten am 1. Mai 1994 ein jähes Ende setzen sollte. Sich lediglich Archivmaterial bedienend, montierten die Cutter Chris King und Gregers Sall ein atemberaubende Stück Film zusammen. Spannend. Emotional. Intensiv. Also nicht unähnlich der Formel-1-Karriere von Senna selbst.

Angefangen hatte alles mit der Kart-Fahrerei, die sich dadurch finanzieren ließ, da Ayrton Senna aus guten Verhältnissen stammte. Schließlich war die Kart-Bahn nicht mehr genug für Senna, der nach dem "reinen Fahr- und Rennerlebnis" strebte. "Es nimmt Dimensionen an und wir sorgen uns ein wenig", äußerte Vater Milton da Silva früh Bedenken. Doch Senna war nicht davon abzuhalten, wagte den Schritt nach Europa, erst in die Formel Ford, dann in die Formel 3, bis hin zur Formel 1. "Man sollte aber nicht glauben, er verdanke Geld den Aufstieg in die Formel 1", versichert Richard Williams von der britischen Zeitung The Guardian. Nur Talent und Ehrgeiz helfe einem dort weiter. Aber auch Sportpolitik, wie Senna fortan bis zu seinem Tod feststellen wird.

Aus den ersten Jahren sehen wir fortan nur das Nötigste. Beispielsweise wie Senna 1984 in seinem ersten Jahr im nicht konkurrenzfähigen Toleman drauf und dran war, in seinem sechsten Rennen den Grand Prix von Monaco zu gewinnen, ehe Alain Prost wegen einsetzendem Starkregen für einen Rennabbruch nach der Hälfte der Runden sorgt. Zu dem Zeitpunk war Senna bis auf Platz 2 vorgefahren. Ein Jahr später wechselte er zu Lotus, für die er in seinem zweiten Rennen seinen ersten Sieg einfuhr. "Er brachte den Wagen an seine Grenzen und darüber hinaus", erinnert sich John Bisignano von Sportsender ESPN. Insofern war es nur eine Frage der Zeit, bis Senna erneut das Team wechseln würde. 1988 war es dann soweit: Senna fuhr für McLaren - und damit an der Seite von Alain Prost, seinem schärfsten Konkurrenten.

Die folgenden vier Jahre bilden das Herz von SENNA. Wir erleben seinen ersten Weltmeistertitel 1988 und wie Senna zum Stolz seiner Nation wird. "Er ist das einzig Gute an Brasilien", sagt später ein Mädchen und ist damit nur eine von vielen in einem Land, das mit Armut und Regierungswechseln beschäftigt war. Anschließend das große Drama: Sennas aberkannter Sieg beim entscheidenden Rennen 1989 in Suzuka, nach einer Kollision mit Prost. Gemeinsam mit dem damaligen diktatorischen FIA-Präsidenten Jean-Marie Balestre ("Die beste Entscheidung ist meine Entscheidung", sagt dieser an einer Stelle zweideutig), Landsmann und Freund von Prost, wird Senna für ein halbes Jahr gesperrt - für ein "Delikt", das keines war und auch nie wieder in der Formel 1 eines wurde. Das Tischtuch zwischen Senna und Prost war endgültig zerschnitten, für die Medien ein gefundenes Fressen.

Wie aus einem Drehbuch folgt 1990 eine nahezu exakte Wiederholung des Dramas. Dieses Mal ist es Senna, der durch die Kollision mit Prost profitiert und seinen zweiten Weltmeistertitel einfährt. Ein Jahr später folgt schließlich der dritte Titel und, viel wichtiger, der erste Sieg beim Heim-Grand-Prix in Interlagos. Wie so oft bei Senna eine legendäre Geschichte. Aufgrund technischer Schwierigkeiten musste der Brasilianer die letzten Runden des Rennens im 6. Gang zu Ende fahren, wurde von Krämpfen geschüttelt und gewann dennoch - nur um in seiner Siegesrunde vor Erschöpfung ohnmächtig zu werden. Anschließend kämpfte er sich unter Schmerzen aufs Podest, schaffte es, die Trophäe im zweiten Anlauf in die Höhe zu stemmen, während das brasilianische Publikum durchdrehte. "Sein heroischster Moment", klingt Reginaldo Lemes Stimme aus dem Off an unser Ohr, ohne das wir es bezweifeln.

Senna hat den Höhepunkt erreicht, drei Weltmeister-Titel eingefahren. Verstärkt setzte er sich in seiner Heimat für die Armen und Kinder ein, spendete einen Großteil seines Vermögens für wohltätige Zwecke. Selbst sein erster schwerer Unfall 1991 ging da unter. Und wie das Schicksal so spielt, konnte es nur die Technik der Konkurrenz sein, die den talentiertesten Fahrer der Welt schlug. So gingen die Titel in den Jahren '92 und '93 an das über-Auto von Frank Williams und dessen Fahrer Nigel Mansell und Alain Prost. Senna, für den die Formel 1 sein Leben war, wusste, seine Zeit bei McLaren war abgelaufen. Das letzte Rennen der 1993er Saison gewann er - zugleich der letzte Sieg seines Lebens. 1994 folgte der Wechsel zu Williams und mit dem Wechsel eine neue Regulation, die die Überlegenheit des Wagens wieder ausglich.

Rückblickend betrachtet hat der Grand Prix in Imola etwas von einer Tragödie im klassischen Sinne. Beim ersten Qualifying am 29. April 1994 erlebte Sennas Landsmann Rubens Barrichello einen schweren Unfall, den er jedoch weitestgehend unverletzt überlebte. Einen Tag später verstarb Roland Ratzenberger dann im Simtek während dem Qualifying. Senna, der sich sehr für die allgemeine Sicherheit der Fahrer engagiert hatte, war erschüttert. "Warum lässt du nicht alles liegen, und ich lass alles liegen, und wir gehen angeln?", hatte ihn sein Freund und Rennstrecken-Arzt Sid Watkins gefragt. "Ich kann hier nicht weg", lautete die Antwort von Senna. Laut seiner Schwester las er am Rennmorgen in der Bibel eine Stelle, die seinen Tod vorweg nahm, beim Rennstart selbst gab es den nächsten Unfall zwischen JJ Lehto und Pedro Lamy. Dennoch fuhr man weiter.

Vielleicht hätte Senna überlebt, wenn nach einem dieser drei Vorfälle das Rennen für das Wochenende abgesagt oder verschoben worden wäre. Vielleicht. Hätte. Wäre. Möglicherweise hat es so sollen sein. Wie auch die Sportexperten konstatieren, dass sich keiner vorstellen könnte, Senna würde beispielsweise mit Mitte 50 an Krebs sterben. Der Tod auf der Strecke, der Tod im Rennen - letztlich hat es etwas Passendes, etwas Poetisches. Senna hatte keine gebrochenen Knochen durch seinen Unfall erlitten, nicht mal Schürfwunden. Durch einen technischen Fehler am Fahrzeug kam er ums Leben, erlitt eine tödliche Kopfverletzung. Wie das Schicksal so spielt, konnte es nur die Technik sein, oder in diesem Fall ihr Versagen, dass der talentierteste Fahrer der Welt geschlagen wurde. Und mit dem großen Fahrer, ging auch der große Mensch.

Viele hatten Senna zu Lebzeiten seine Religiosität als Risikofaktor vorgeworfen. "Weil ich an Gott glaube und Gott vertraue, heißt das nicht, dass ich unsterblich bin", entkräftete Senna die Vorwürfe, darunter auch von Prost. Für Senna war sein Glaube wichtig, die Chance in der Formel 1 zu fahren, sah er auch von Gott gegeben an, weshalb die Anekdote seiner Schwester ob des prophetischen Bibelzitats am Tag seines Todes ebenfalls gut ins Bild passt. Obschon Kapadia Kritik an Senna nicht ausspart, hier von Prost, Balestre und Jackie Stewart geäußert, fällt sie doch moderat aus. Was angesichts der Darstellungsform eines Film-Features - oder im Grunde gar Porträts - nichts Verwerfliches ist. Dennoch hätte die ein oder andere kritische Stimme mehr dem Film ebenso gut getan, wie vielleicht noch eine kurze Beleuchtung der Person Nelson Piquets.

Generell würde man annehmen, dass Senna zu dem anderen großen Brasilianer in der Formel 1 eine Verbindung aufgebaut hätte, genauso wie dieser zu seinem Volk. Dennoch erfährt man nichts über Sennas Beziehung zu anderen Fahrern (selbst seine Freundschaft zu Gerhard Berger wird ausgespart), außer eben die Konkurrenz zu Prost. Genauso interessant wäre eine Einordnung von Piquets Bedeutung für seine Landsleute gewesen. Schließlich war er ebenfalls dreimaliger Weltmeister in der Formel 1, interessanterweise sogar zuletzt 1987 - dem Jahr vor Sennas ersten Titel. Solche Aspekte hätten diesen herausragenden Dokumentarfilm vollends abgerundet, aber auch so überwiegen dessen Stärken. Der Verdienst der Cutter ist kaum in Worte zu fassen, wird doch ausschließlich mittels Archivaufnahmen ein dramaturgisch stringentes, vielschichtiges und intensives Handlungsgerüst konstruiert.

Nicht weniger Lob verdient sich Antonio Pintos Musik, die exakt die Aufgabe erfüllt, die sie in einem Dokumentarfilm zu erfüllen hat: Sie erzeugt (die richtige) Stimmung. Gerade das subtil melancholische Theme des Films ist berührend schön, wie auch sonst die Musik exzellent die Bilder und damit auch den Charakter Sennas untermalt. Und wenn schlussendlich die Perspektive in die Bordkamera von Sennas Auto wechselt, während dieser die letzte Runde seines Lebens fährt, steigt die Anspannung trotz Vorkenntnis der Ereignisse, da dies die letzten Sekunden im Leben einer Rennsportlegende sind. Und die erlebt man auch noch aus seiner eigenen Sicht. So verkommt SENNA schließlich zur verdienten Heroengeschichte, deren Schluss jeden (Renn-)Sportfan bewegt. Wie John Bisignano in den Extras zum Film sagt: "Ayrton Senna wird immer schnell sein. Er wird nie alt werden. Er wird immer der Champion Brasiliens und der Welt sein".

BLU-RAY.
Da die Bilder sich aus Archivmaterial zusammensetzen, also auch Fernsehaufnahmen aus den Achtzigern und Privatvideos beinhalten, sehen sie bisweilen auch dementsprechend aus. Dennoch ist der HD-Transfer überaus gelungen, da auch die Qualität des Ausgangsmaterials hier als Dokument historischer Authentizität dient. Bei der Tonabmischung kann man sich ebenfalls nicht beschweren - technisch kommt die Blu-ray also sehr überzeugend daher. Neben einigen Privataufnahmen (ca. 3 Minuten), einem Werbefilm für das Instituto Ayrton Senna (ca. 4 Minuten), Trailern und einem Radio-Interview mit Senna (gut 40 Minuten über seine Kart-Anfänge bis hin zum Werbeprodukt Formel 1) finden sich auch die ausführlichen Talking-Head-Interviews mit Prost, Bisignano, Leme und Co., sowie auch der im Film ausgesparte Ron Dennis.

"Ich wollte auf keinen Fall einen Film, in dem heute Leute interviewt wurden und zurückblicken", erklärt Asif Kapadia im überaus unterhaltsamen wie informativen Audiokommentar gemeinsam mit Drehbuchautor Manish Pandey. Weshalb es etwas unverständlich erscheint, dass die Kinofassung (Kapadia nennt sie, zurecht, eine "einzigartige Vision") auch als Extended Cut anwählbar ist, in welchem die 56 Minuten an Interviewmaterial - deren Auszüge im Film als Off-Kommentar dienen - zwischen die Archivbilder geschnitten wurden. Es empfiehlt sich daher, die Interviews - angesichts ihrer Lauflänge fast eine Dokumentation für sich selbst - nach Sichtung der Kinofassung als Komplementärmaterial zu sichten, da sie nichtsdestotrotz so informativ wie interessant sind.








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