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KAPITELWAHL

DAS VERHÖR (Frankreich 1981)

von David Leuenberger

Original Titel. GARDE À VUE
Laufzeit in Minuten. 84

Regie. CLAUDE MILLER
Drehbuch. CLAUDE MILLER . JEAN HERMAN
Musik. GEORGES DELERUE
Kamera. BRUNO NUYTTEN
Schnitt. ALBERT JURGENSON
Darsteller. LINO VENTURA . MICHEL SERRAULT . ROMY SCHNEIDER . GUY MARCHAND u.a.

Review Datum. 2011-10-17
Erscheinungsdatum. 2011-07-07
Vertrieb. CONCORDE

Bildformat. 1.66:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 1.0) . FRANZISCH (DD 1.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Worin besteht das Verhältnis zwischen Gesetz und Moral? Eine nur scheinbar simple Frage, die in einer rechtsphilosophischen Abhandlung wahrscheinlich besser aufgehoben wäre als in einem formal ziemlich altmodischen Kriminalfilm, der nicht einmal anderthalb Stunden dauert. Aber seien wir mal ehrlich: Claude Millers DAS VERHÖR zu schauen ist sicherlich spannender als einen 500-Seiten-Wälzer mit einem nichtssagenden Titel und einem verwirrenden Untertitel zu lesen, auch wenn die Eingangsfrage sicherlich im Film nur bruchstückhaft angedeutet werden kann.

An einem Sylvesterabend lassen sich die meisten Bewohner einer französischen Provinzstadt trotz starken Regens nicht vom Feiern abhalten, nicht einmal der Polizeichef. Doch dem Inspektor Gallien (Lino Ventura) ist nicht nach feiern zumute, denn er muss die Vergewaltigungs- und Mordfälle an zwei kleinen Mädchen aufklären. Der arrogante Notar Martinaud (Michel Serrault) wird als Zeuge geladen. Aufgrund seiner ambivalenten Aussagen schlittert er jedoch schnell in die Rolle des Hauptverdächtigen. Zwischen den beiden Protagonisten beginnt ein psychologischer Krieg, bei dem die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, aber auch zwischen professioneller Polizeiarbeit und voreingenommener Verbissenheit verschwinden.

DAS VERHÖR ist ein beklemmendes Kammerspiel der besten Sorte. Die meisten Szenen (und die interessantesten) spielen sich im Verhörbüro des Polizeireviers ab, wo Gallien und Martinaud jeweils versuchen, psychologisch die Oberhand zu gewinnen. Die Bilder (nicht der Ton) aus dem Büro werden nur manchmal von Rückblenden an die Tatorte unterbrochen. Die Frage nach der Moral stellt sich langsam ein, wenn die beiden Protagonisten sich nicht mehr so sehr mit den Morden im engeren Sinne, sondern mit dem gescheiterten Ehe- und Sexualleben des Verdächtigen beschäftigen. Letzterer kann damit von einigen Fragen bezüglich des Aufenthalts zu den Tatzeiten ablenken, während der Untersuchungsleiter psychologische Tatmotive erforschen kann.

Millers Film besticht aber nicht durch eine besondere originelle Geschichte oder durch eine genuin tiefgründige psychologische Erforschung der Charaktere. Auch die Inszenierung könnte man am besten wohl als schlicht, aber effizient bezeichnen. Im Mittelpunkt steht vielmehr das starke Duo Ventura-Serrault, deren Schauspielkunst regelrecht zelebriert wird. Der Zuschauer fühlt hautnah die intellektuelle Überlegenheit und Verachtung, mit der Serrault als Martinaud Galliens prollig-vulgären Assistenten (Guy Marchand) abstrafen will. Dem deutschen Publikum eher in seiner komödiantischen Rolle als homosexueller Nachtclubbesitzer bekannt, zeigt Serrault hier auch seine ernste Seite. Mehr noch als Serrault kann aber Lino Ventura in DAS VERHÖR sein ganzes Können entfalten. Sein Redefluss ist nicht zu stoppen, denn selbst durch seine Mimik kann er immer noch sprechen und zum Beispiel eine ganze Reihe von Befehlen an seinen Assistenten weitergeben: mit nur einem Blick und der Bewegung einer Augenbraue versteht dieser (und mit ihm der Zuschauer) die Aufforderung, das Protokollieren der Zeugenaussage zu unterbrechen und rauszugehen. Doch auch was die Charaktere sprechen hat Hand und Fuss. Michel Audiard, Frankreichs größter Dialogschreiber, hat auch in diesem Film eine perfekte Kongruenz zwischen den überaus prägnanten und gewitzten Dialogen und den Charakteren geschaffen.

DAS VERHÖRist ein wahnsinnig spannendes und nahezu perfektes Kammerstück. Die eingangs gestellte Frage kann es in 84 Minuten höchstens stellen, wenngleich nicht beantworten. Wenn man zu den Parametern Gesetz und Moral noch die Rechtsstaatlichkeit mit einbezieht, so gibt der Film (ohne jetzt zu viel vom überraschenden Ende zu verraten) jedoch eine klare Antwort. Rechtsstaatlichkeit ist so schön und kuschelig, wenn sie für nette, sympathische und moralisch einwandfreie Kerle gelten kann. Bestand hat sie jedoch nur, wenn sie auch auf unangenehme, unsympathische und moralisch ambivalente Ekeltypen angewandt wird.

DVD.
Die DVD ist noch sehr viel schlichter als der eigentliche Film kurz(weilig) ist. Als Bonus dienen nur drei völlig überflüssige "Programmtipps" für andere französische Filme. Ohne "Alle abspielen"-Funktion kann man im trauten Heim nicht einmal ein ordentliches Kino-Trailer-Feeling nachstellen. Der Zuschauer soll anscheinend froh sein, dass überhaupt der französische Originalton es zusammen mit Untertiteln auf die DVD geschafft hat. Diese können nämlich dem Cinephilen die furchtbare deutsche Synchronisation ersparen, die ungefähr so lieblos klingt wie eine Hörfassung des Telefonbuchs von Berlin. Das Bild könnte an manchen Stellen etwas schärfer sein, ist aber ansonsten in Ordnung.








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