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KAPITELWAHL

SCHWARZER ENGEL (USA 1976)

von David Leuenberger

Original Titel. OBSESSION
Laufzeit in Minuten. 94

Regie. BRIAN DE PALMA
Drehbuch. PAUL SCHRADER
Musik. BERNHARD HERRMANN
Kamera. VILMOS ZSIGMOND
Schnitt. PAUL HIRSCH
Darsteller. CLIFF ROBERTSON . GENEVIÈVE BUJOLD . JOHN LITHGOW . SYLVIA "KUUMBA" WILLIAMS u.a.

Review Datum. 2011-10-10
Erscheinungsdatum. 2011-07-07
Vertrieb. CONCORDE

Bildformat. 2.35:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
SCHWARZER ENGEL ist ein Film, der dadurch entstanden ist, dass ein paar Leute viel zu oft Hitchcock-Filme geguckt haben. "Viel zu oft" ist selbstverständlich nicht ernst gemeint, denn Alfred Hitchcocks Filme kann man niemals zu oft sehen. Unmöglich! Ein Filmkritiker hat einmal über MARNIE gesagt, dass Leute, die diesen Film nicht mögen, auch Hitchcock insgesamt nicht mögen können. Dies führt zum nächsten Gedanken: wer Hitchcock nicht mag, mag im Grunde keine Filme. Um zu SCHWARZER ENGEL zurückzukehren: wie wird wohl jemand diesen Film sehen, der nie VERTIGO oder MARNIE gesehen hat? Kann man diesen Film tatsächlich als etwas anderes sehen denn als ultimative Hitchcock-Hommage?

In erster Linie ist SCHWARZER ENGEL nämlich eine große Liebeserklärung an die Filme des "Master of Suspense", besonders an seine düsteren, harten und psychologisch schweren Filme, in denen die Faszination mit dem Morbiden und extreme Obsessionen im Mittelpunkt stehen. Vereinfacht ausgedrückt erzählt SCHWARZER ENGEL die gleiche Geschichte wie VERTIGO: ein Mann möchte mit einer toten Frau schlafen. Durch ein traumatisches Erlebnis, nämlich den Verlust seiner Frau und seiner Tochter, aus der Bahn geworfen, trifft er eines Tages die Doppelgängerin seiner verstorbenen Frau. Er verliebt sich (auf eine sehr morbide Art und Weise) in sie und überredet sie dazu, ihn zu heiraten.

Hitchcock‘sche Themen sind sehr prominent in diesem Film zu finden. Offensichtliche Parallelen fallen immer wieder auf. Das Unbehagen der Doppelgängerin im schlossartigen Haus ihres künftigen Gatten angesichts der unsichtbaren Präsenz der verstorbenen Frau erinnert klar an REBECCA, wenngleich die Haushälterin hier harmlos ist. Die Mutter als eine Schlüsselperson in Hitchcocks Filmen, die der Weiterentwicklung der Hauptfigur auf manchmal gefährliche Art im Wege steht, erweist sich in SCHWARZER ENGEL ironischerweise als todkranke Person, die dank eines natürlichen Todes sehr schnell zu Grabe getragen wird. Die geradezu perverse Faszination des Mannes mit der Doppelgängerin seiner verstorbenen Frau steht ganz im Zeichen VERTIGOs. Statt zermürbenden Besuchen im Konfektionsgeschäft steht hier jedoch ein improvisierter Kurs "Amerikanisch gehen für Italienerinnen" auf dem Programm. Der Versuch des Mannes, die Doppelgängerin endgültig zum Objekt zu degradieren, wird in SCHWARZER ENGEL nicht ganz so weit getrieben wie bei seinem Vorbild. Brian De Palma und Drehbuchautor Paul Schrader reizen die Motive über Schuld und Reue nicht bis zum bitteren Ende aus. Dies wird zum Beispiel beim etwas ärgerlichen Ende deutlich.

Viel mehr als für die thematischen Motive interessiert sich SCHWARZER ENGEL jedoch für die Filmsprache Hitchcocks. Hier zeigen sich Brian De Palma und sein Kameramann Vilmos Zsigmond als Meister, die ihr Handwerk absolut perfekt und kontrolliert beherrschen. Nach dem Vorspann beginnt der Film mit einer Hommage an die zweite Mordszene in FRENZY: eine sehr langsame und ruhige Kamerafahrt (hier jedoch auf eine Haustür zu), die ein großes Bedrohungspotential aufbaut. Das Konstruieren eines natürlichen Splitscreens durch die natürliche Raumaufteilung kann der gewiefte MARNIE-Kenner problemlos als schöne Hommage entziffern. Die Kamerabewegungen um die "eigene Achse" bzw. um die Schauspieler werden sowohl als narrative, zeitraffende oder emotionsverstärkende Mittel höchst gekonnt eingesetzt. Ebenso darf der berühmte "Vertigo-Shot" (Dolly Zoom) nicht fehlen und wird hier zwei Mal eingesetzt. Das auffälligste und extremste Stilmittel, das SCHWARZER ENGEL von VERTIGO übernommen hat, ist jedoch das Spielen mit der Beleuchtung und dem Licht. Starke Überbelichtungen in Abwechslung mit Schatten geben dem Film eine durchgehende, beunruhigende Traum- bzw. Albtraum-Qualität. Lediglich die wunderbare Musik des Hitchcock-Stammkomponisten Bernard Herrmann hätte an manchen Stellen etwas dezenter eingesetzt werden können.

Ist also SCHWARZER ENGEL nichts anderes als eine überaus gelungene Stilübung, die extra für eingefleischte Hitchcock-Liebhaber gedreht wurde? Keine Ahnung! Ich selbst als Hitchcock-Fan hatte auf jeden Fall wirklich einen Riesenspaß mit diesem Film! Wahrscheinlich werden aber auch Hitch-Muffel merken, dass SCHWARZER ENGEL ein außergewöhnliches visuelles Erlebnis ist. Der Hauptdarsteller des Films ist nicht der solide Cliff Robertson, oder die so charmante wie überzeugende Geneviève Bujold, sondern das Medium Film selbst. SCHWARZER ENGEL ist kein Mainstream, sondern New Hollywood in einer Radikalität, wie sie im gleichen Jahr höchstens ein einziger anderer Film (ebenso mit Schraders und Herrmanns Beteiligung) erreichte und vielleicht übertraf, nämlich TAXI DRIVER.

DVD.
Spartanisch? Minimal? Karg? Frugal? Schlicht? Zutreffendes bitte ankreuzen! Die Ausstattung der DVD besteht tatsächlich nur aus dem Film im englischen Original und in deutscher Synchro-Version, der Kapitelwahl und drei Trailer, die mit dem Film nichts zu tun haben. Selbst ein so wenig anspruchsvoller Wunsch wie etwa Untertitel für die englischsprachige Originalversion war hier anscheinend zu viel verlangt. Und entweder braucht dieser nunmehr 35 Jahre alte Film an sich eine grundlegende Restaurierung, oder aber die DVD ein schärferes Bild.








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