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KAPITELWAHL

VORNAME CARMEN (Frankreich 1983)

von Björn Lahrmann

Original Titel. PRÉNOM CARMEN
Laufzeit in Minuten. 81

Regie. JEAN-LUC GODARD
Drehbuch. ANNE-MARIE MIÉVILLE
Musik. LUDWIG VAN BEETHOVEN
Kamera. RAOUL COUTARD . JEAN-BERNARD MENOUD
Schnitt. FABIENNE ALVAREZ . SUZANNE LANGE-WILLAR
Darsteller. MARUSCHKA DETMERS . JACQUES BONNAFFÉ . HIPPOLYTE GIRARDOT . JEAN-LUC GODARD u.a.

Review Datum. 2011-07-06
Erscheinungsdatum. 2010-11-18
Vertrieb. KINOWELT HOME ENTERTAINMENT

Bildformat. 1.33:1
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0) . ENGLISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH . ENGLISCH . SPANISCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Kino ist Liebe ist Obsession, und die führt einen auf lange Sicht entweder in den Knast oder in die Klapse. Der ausgebrannte Meisterregisseur Jean (Godard lässt es sich nicht nehmen, ihn selbst zu spielen) hat sich für letztere Variante entschieden, hockt Hans-Castorp-mäßig seelen- und eierschaukelnd im Irrenbett und träumt von Schwestern, die ihn anal befriedigen. Was bleibt auch sonst, wenn Sex und Kunst einen verlassen haben. Jeans Nichte Carmen (Maruschka Detmers), die beides noch hat, kommt zu Besuch, sie möchte mit Freunden in der Sommervilla des berühmten Onkels einen Film drehen. Ein Leichtes demnach, die sich anschließende "Handlung" für die blumigen Wahnphantasien Jeans zu halten, oder eben diejenigen Jean-Lucs, wenn das nicht ohnehin klar wäre.

Wie so ziemlich jeder Godard nach 1970 wird VORNAME CARMEN gern dem sogenannten Spätwerk zugerechnet - eine absurde Einteilung, wenn man bedenkt, dass es so etwas wie ein Frühwerk bei Godard überhaupt nicht gibt und der Mann auch 30 Jahre später noch aktiv ist. Vor allem aber wird dadurch ein fundamentaler Bruch in der Filmografie behauptet, der so eindeutig gar nicht besteht: Wenn Carmens Crew sich als linke Terrorzelle entpuppt, die es in jugendlichem Ungestüm auf die Entführung eines Industriellen abgesehen hat, sind Verbindungslinien zur 1967er Maoistenverarsche LA CHINOISE schnell gezogen; passend dazu ist ein spektakulär blutiger Banküberfall, dessen Hinterlassenschaften die Kamera durchquert wie eine makabere Skulpturensammlung, ganz in Rot und Türkis gehalten.

Zugleich ist das die einzige Szene, in der Godard noch einmal die ultrakünstliche Ästhetik seiner 60er Jahre aufgreift; davon ab erstrahlt VORNAME CARMEN, das ist der größte Unterschied zu den Arbeiten der Nouvelle Vague, in porösem Naturlicht. Man darf spekulieren, dass die Rückkehr Raoul Coutards nach fünfzehnjähriger Erholungspause daran nicht unerheblich beteiligt ist: Wie der große Kameramann, ehemals Meister des flächigen Pop-Art-Tableaus, hier bewölkte Sonnenuntergänge am Meer oder dämmrig schimmernde Hotelzimmer einfängt, rückt den Film fast in die Nähe der Landschafts- und Wohnraumchronisten Eric Rohmer, den man ja üblicherweise am Godard entgegengesetzten Ende des Franzosenspektrums verortet.

Die erschöpfenden Leidenschaftskämpfe allerdings, die im Zentrum des Films zwischen Carmen und einem kurzerhand zum Lover genommenen Wachmann (Jacques Bonnaffé) entbrennen, haben wenig Rohmereskes an sich und sind auch keine Fortführungen der verbalen Affären aus AUSSER ATEM oder EINE VERHEIRATETE FRAU. Der schalkhafte Mix aus ennui und esprit, sowieso immer schon gespielt, ist weg, an seine Stelle tritt rohe Fleischlichkeit und Zerfleischung; tatsächlich ist Maruschka Detmers den halben Film über nackt (widerwillig, heißt es) und legt in diese Nacktheit eine körperliche Aggression hinein, gegen die Godards übliche zerebrale Ablenkungstaktiken - obskure literarische Referenzen, politische Scherze - machtlos sind.

Gesondert erwähnen muss man vielleicht den auch vom Film selbst gesonderten Soundtrack. Aus zunächst rätselhaften Gründen unterschneidet Godard den Plot immer wieder mit den Proben eines Streichquartetts; Beethoven steht auf dem Programm, die Köpfe der Musiker sind höchstens versehentlich mal im Bild, der Fokus richtet sich auf die virtuose Bearbeitung der Instrumente. Erst spät offenbart sich ein Handlungszusammenhang, die gesittete Klassik hechelt den rasenden Emotionen der Figuren buchstäblich hinterher. In der zentralen Szene wird denn auch auf die Unmittelbarkeit des Pop ausgewichen: Detmers und Bonnaffé verfolgen sich durch eine riesige Hotelsuite, dazu läuft die rührseligste aller Tom-Waits-Balladen, "Ruby's Arms"; in jeder neuen Einstellung wird der letzte zuvor erklungene Vers noch einmal wiederholt, als stünden in jedem Zimmer Stereoanlagen herum, die leicht versetzt denselben Song spielten. So scheitert die Live-Performance der Liebe an ihrem konfektionierten Ideal: Der Kitsch ist immer und überall schon da.

DVD.
Bild und Ton sind tadellos. Bonusmaterial: Eine kurze Einführung des Godard-Biografen Colin McCabe, der reichlich Altherrenhaftes von sich gibt.








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