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KAPITELWAHL

VOR VERSCHLOSSENEN TÜREN (USA 1949)

von Björn Lahrmann

Original Titel. KNOCK ON ANY DOOR
Laufzeit in Minuten. 96

Regie. NICHOLAS RAY
Drehbuch. DANIEL TARADASH . JOHN MONKS, JR.
Musik. GEORGE ANTHEIL
Kamera. BURNETT GUFFEY
Schnitt. VIOLA LAWRENCE
Darsteller. HUMPHREY BOGART . JOHN DEREK . GEORGE MACREADY . ALLENE ROBERTS u.a.

Review Datum. 2011-06-07
Erscheinungsdatum. 2011-04-21
Vertrieb. SONY PICTURES

Bildformat. 1.33:1
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0) . ENGLISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH . ENGLISCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Die erste Szene im ersten Film eines Regisseurs, sagt man, enthält als Keimzelle bereits sein gesamtes Werk. Okay, sagt man nicht, hab ich gerade erfunden, aber ein Versuch kann nicht schaden. VOR VERSCHLOSSENEN TÜREN war das Kinodebüt von Nicholas Ray und beginnt mit dem schrillen Warnpfiff eines Polizisten. Backsteinwände, Nachtclubs, Leuchtreklamen, wir befinden uns im lebhaften Ghetto einer Großstadt. Ein Kneipenüberfall ist im Gange, die Polizei will stürmen, einer gestikuliert wild und pfeift: In Deckung! Was aber macht die Kamera? Die Kamera rast auf den Polizisten zu, rast zum Ort des Geschehens, verfolgt den vermummten Räuber in eine Seitengasse, wo er einen Bullen mit verzweifelter Brutalität niederschießt und flüchtet, während über den Wäscheleinen das Publikum sich die Hände vor den Mund hält.

Zweierlei erzählt dieser Anfang über den, der da anfängt: Er kann, wenn es unschön wird, partout nicht wegsehen und hat ein Herz für Underdogs. Ray, selber einer der großen Unangepassten des Studiosystems, stand Zeit seiner Karriere - dreizehn Jahre unermüdlichen Schaffens, bevor er am Set kollabierte und den Beruf an den Nagel hängte - auf Seiten der Rechtlosen und Systemverlierer. Den amerikanischen Teenager, sagt man (jetzt aber wirklich), hat Ray geradezu vom historischen Stubenarrest befreit mit ikonischen Filmen wie IM SCHATTEN DER NACHT und ...DENN SIE WISSEN NICHT, WAS SIE TUN. Ein Jugendlicher steht auch im Zentrum des Erstlings: Nick Romano (John Derek) kommt für den Polizistenmord auf die Anklagebank, weil man einen besseren Verdächtigen auf die Schnelle nicht findet. Romano ist ein Kind der Straße, arm, sexy, mehrfach vorbestraft, ohne Vater, dafür mit Anwalt, dessen Sympathien umso größer sind, als er selber eine kleinkriminelle Vergangenheit mit sich herumschleppt.

Dass dieser Anwalt von Humphrey Bogart gespielt wird, ist formvollendeter Casting-Blödsinn und zugleich ein Insider-Gag erster Kajüte. In seinem schauspielerischen Vorleben war Bogart ja tatsächlich eher als knurriger Gangster bekannt, was ihn für die Rolle des Proto-Atticus Finch - jenes von Gregory Peck verkörperten Saubermannjuristen aus WER DIE NACHTIGALL STÖRT - nicht gerade zur ersten Wahl macht. So ganz gelingen mag der Wandel vom Saulus zum superliberalen Paulus glücklicherweise nicht, Bogart schnauzt die plakativen Plädoyers, die ihm das weitgehend missratene Drehbuch in den Mund legt, in ungefähr demselben Ton, wie er früher Banken überfallen hat. Rays sonst so stilles, im besten Sinne erbarmungsloses Mitleid mit seinen Figuren ersäuft hier in elitärer Wohlfühlselbstkritik, die jedes individuelle Übel auf ein nebulöses soziales Unrecht zurückführen und ad acta legen zu können meint.

VOR VERSCHLOSSENEN TÜREN erzählt nun noch eine andere, deutlich interessantere Geschichte, oder besser: Geschichten, Plural. Schlaglichtartige Episoden aus Romanos Biografie füllen den Mittelteil des Films, den Geschworenen von Bogart unterbreitet zu entschieden manipulativen Zwecken. Ein zynisches Voice-over lässt einen Schatten auf seine übrigen Seifenkistenparolen fallen, Bogart kalkuliert eiskalt die demografische Rühr- und Brauchbarkeit der Jury. Omas, Sozialarbeiter, jüdische Flüchtlinge: "Mix them well and shake before using." Der Anwalt wird zum Puppenspieler, zum Regisseur der Verteidigung, die Geschworenen zu seinem Publikum, der Gerichtsfilm zur Genre-Kapsel, in der sich Depressionsdrama, Schieberkrimi und tragische Romanze zu größtmöglichem Effekt vereinen. Wirklich zu Herzen geht davon allein letzteres, was maßgeblich Allene Roberts in der Rolle einer zartherben Süßwarenhändlerin zu verdanken ist. In den übrigen Segmenten wechselt Ray altmeisterlich zwischen naturalistischer Klarheit und noirischer Überzeichnung, kann aber gegen das Skript und den wirklich hundsmiserablen Schmierendarsteller Derek wenig ausrichten.

In die amerikanischen Kinos kam VOR VERSCHLOSSENEN TÜREN im Februar 1949. Drei weitere Rays sollten innerhalb des nächsten Jahres folgen, darunter das unfassbar bittere Drama EIN EINSAMER ORT, Hauptrolle: Humphrey Bogart. Der spielt darin einen abgefuckten Drehbuchautor unter Mordverdacht, ist also wieder auf der richtigen (falschen) Seite des Gesetzes angekommen. Das Debüt ist insofern eine Vorarbeit zu diesem Meisterwerk, als es nicht eigentlich den Delinquenten vor Gericht stellt, sondern den Mann, dem es aufgetragen ist, seine Geschichte zu erzählen. Das Drehbuch mag von dieser rein ästhetischen Moral, die letztlich die einzige Moral und härteste Arbeit des Filmemachens ist, nichts wissen wollen - Ray hingegen findet für sie ein Bild, das jede billige Rhetorik übersteigt: Den Schweiß, der auf Bogarts Stirn funkelt, während er um die Gunst der Jury buhlt, und den Schweiß, der als Fleck auf der Lehne des Richterstuhls zurückbleibt, nachdem das Urteil gefallen ist.

DVD.
Die Disc aus Sonys vollmundig betitelter Platinum Classic Film Collection präsentiert den Film im originalen Academy Ratio und ordentlicher Qualität. Sonst nichts. Gar nichts. Nicht mal ein eigenes Menü.








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