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KAPITELWAHL

MR. NOBODY (Kanada/Belgien/Frankreich 2009)

von Lutz Granert

Original Titel. MR. NOBODY
Laufzeit in Minuten. 133/149

Regie. JACO VAN DORMAEL
Drehbuch. JACO VAN DORMAEL
Musik. PIERRE VAN DORMAEL
Kamera. CHRISTOPHE BEAUCARNE
Schnitt. SUSAN SHIPTON . MATYAS VERESS
Darsteller. JARED LETO . DIANE KRUGER . SARAH POLLEY . RHYS IFANS . NATASHA LITTLE . LINH DAN PHAM u.a.

Review Datum. 2011-05-10
Erscheinungsdatum. 2011-02-04
Vertrieb. CONCORDE

Bildformat. 2.35:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DTS/DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Auf dem Papier ist Hauptfigur Nemo Nobody ein Pleonasmus. In seinem Leben der filmischen Diegese ist er ein kumulierter Niemand, dem zum Jemand eine eigene Lebensgeschichte fehlt, die er erzählen könnte. Seine Person als letzter Sterblicher in der Zukunftswelt des Jahres 2092 ist ebenso ein gedankliches Konstrukt wie viele der sich widersprechenden Pfade seines Lebenswegs, die ein interessierter Reporter erkunden will. In einer Welt, die beinahe zum Stillstand gekommen ist, ist das Bedürfnis nach Erinnerung, nach Erkenntnissen aus dem "Davor" groß, bedeutet sie doch ein Blick in eine andere Zeit.

MR. NOBODY ist ein einziges Zeit-Bild, wie es Deleuze formulierte. Kausale Verkettungen und Aktionen sind Assoziationsketten und Situationen gewichen. Jedes Bild ist vom folgenden abgelöst, kann unvermittelt in eine andere Bewusstseinsform versetzen. Der Übergang von Traum zu Erinnerung, Vision und Meta-Diegese ist ebenso fließend wie wirr, weicht jegliches Reales auf und strebt dem Imaginären zu. Jede narrative Miniatur steht für sich, kann sich unvermittelt als Sackgasse entpuppen und ergibt im Gesamtbild den wuchernden Gedankenstrom einer Person, die Geschichten erfindet. Diese auktoriale Erzählerinstanz ist niemals von außen zu sehen, weil stets in sie hinein gesehen wird.

Regisseur Jaco Van Dormael (TOTO DER HELD) legitimiert dieses widersprüchliche Geflecht von Assoziationsketten, die jeglicher chronologischer Logik enthoben sind, mit dem Erfindungsreichtum eines Kindes und philosophischen Überlegungen. Das Leben besteht aus Entscheidungen, die aufgrund von daraus erwachsenden Kausalketten unumkehrbar getroffen werden. Diese entfalten sich in der Zeit, die jedoch erst durch den Urknall als eine von neun Dimensionen entstanden ist. Solange keine Entscheidung getroffen wird, stehen alle Optionen offen. Optionen haben Folgen, die aufgrund des Raum-Zeit-Kontinuums nicht abgesehen werden können - nur in der Fantasie.

Die Fantasie vermag fantastische Bilder hervorzubringen: Kamerafahrten aus einem Kinderzimmer bei der Mutter zurück auf ein Stadtpanorama, zurück auf eine Postkarte, die dieses Motiv aufweist und auf dem Küchentisch eines Hauses liegt, das Nemo in einer anderen Lebens-Möglichkeit zusammen mit seinem kranken Vater bewohnt hätte. Zeitlupen und Zeitraffer entgegen der Zeitentfaltung, in welcher Qualm wieder seinen Weg in die Zigarette findet, natürliches Chaos wiederhergestellter Ordnung weicht.

Schade ist dabei, dass sich die Cutter zu selten auf das Stilmittel des Split Screens besannen, welches sich für parallel entwickelnde Lebenspfade und Analogien wie Dichotomien par excellence geeignet hätte. Allem Wagemut zum Trotz fehlt MR. NOBODY genau an solchen Punkten die letzte Tollkühnheit. Eine Tollkühnheit, die nicht mit konventionellen Mitteln auf ausbremsenden, sondern mit innovativen Mitteln auf ökonomischem Wege die filmischen Fragment-Erzählungen transportiert. So erinnern Marginalhandlungen um den Ursprung bestimmter Ereignisse wie die Herkunft eines Regentropfens, Bezüge aufs Kino selbst und einige Setdesigns an DIE FABELHAFTE WELT DER AMÉLIE, die fließenden Übergänge zwischen Situationen an VERGISS MEIN NICHT! - ohne jedoch deren Originalität zu erreichen.

Van Dormaels Sujet, das Leben eines Menschen, ist zu groß, als dass er es mit diesem einen Film flächendeckend abdecken könnte. MR. NOBODY wirkt wie die unfertige, aber dennoch faszinierende Vision eines Regisseurs mit kindlichem Spieltrieb, der mit Vorwärts- und Rückwärtslaufen, Zeitlupe und Zeitraffer, chronologischen und achronologischen Szenenanordnungen - kurz: den Zeitdarstellungsmöglichkeiten des Mediums Film experimentiert.

Dieses Werk ist eine ebenso merkwürdige wie sperrige Mischung aus Science-Fiction, Liebesfilm und Coming-of-Age-Drama. MR. NOBODY ist alles und nichts, ebenso überladen wie leer, so widersprüchlich wie in sich stimmig, dabei nicht perfekt, sondern nur ein Entwurf mit vielen unabwägbaren Komponenten - wie das Leben selbst.

DVD.
Concorde veröffentlicht als Bonus zur Kinofassung auch den 16 Minuten längeren Director's Cut. Neben vielen unnötigen Einfügungen, die allerdings die Szenenübergänge assoziativ nachvollziehbarer gestalten, wird auch geklärt, warum Nemos Vater weint: Weil er fahrlässig den Tod einer Frau mit Kinderwagen verursacht hat. Alle weiteren Extras sind solide: Es gibt es ein mit 45 Min. Länge umfangreiches Making Of, ein paar entfallene Szenen und einen unspektakulären Blick hinter die Kulissen.








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