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KAPITELWAHL

UNCLE BOONMEE ERINNERT SICH AN SEINE FRÜHEREN LEBEN (Thailand 2010)

von Andreas Neuenkirchen

Original Titel. LUNG BUNMI RALUEK CHAT
Laufzeit in Minuten. 113

Regie. APICHATPONG WEERASETHAKUL
Drehbuch. APICHATPONG WEERASETHAKUL
Musik. KOICHI SHIMIZU
Kamera. SAYOMBHU MUKDEEPROM . YUKONTORN MINGMONGKON . CHARIN PENGPANICH
Schnitt. LEE CHATAMETIKOOL
Darsteller. THANAPAT SAISAYMAR . JENJIRA PONGPAS . SAKDA KAEWBUADEE . NATTHAKARN APHAIWONG u.a.

Review Datum. 2011-04-27
Erscheinungsdatum. 2011-04-08
Vertrieb. LIGHTHOUSE HOME ENTERTAINMENT

Bildformat. 2.40:1 (anamorph)
Tonformat. THAILÄNDISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH . ENGLISCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Dass es einen Meinungsgraben zwischen Filmkritikern und echten Kinogängern gibt, ist ein alter Hut. Mitunter gibt es aber auch in der abgeschotteten Kritikerwelt beträchtliche Meinungsgefälle. UNCLE BOONMEE ERINNERT SICH AN SEINE FRÜHEREN LEBEN wurde von professionellen Festival-Besuchern so ganz anders gesehen als von Kritikern, die zu Hause bleiben mussten. 2010 gewann der Film in Cannes die Goldene Palme und allerlei Herzen. Als er regulär in die französischen Kinos kam, hagelte es Verrisse. Das sei Weltkino-Kitsch, reines Kunsthandwerk, ausschließlich auf die Vorlieben westlicher Festivalbesucher zugeschneidert und kein echtes thailändisches Kino, so der Grundtenor der Vorwürfe. Der Vorspann, der mit der Nennung Zigtausender (grob geschätzt) europäischer Geldgeber keinen geringen Teil der Laufzeit ausmacht, scheint dies zu untermauern. Auch Regisseur Apichatpong Weerasethakul gibt freimütig zu, dass sich in seiner thailändischen Heimat kein Schwein für ihn und seine Filme interessiert.
Das ist schade. Aber spricht es gegen den Film?

Onkel Boonmee (Laiendarsteller Thanapat Saisaymar) ist schwer krank und schart in seinen letzten Tagen seine verbliebene Familie um sich, etwa seine Schwägerin und seinen Neffen, um über seine vergangenen Inkarnationen zu sinnieren, beispielsweise einen Fisch und einen Ochsen. Zu der Runde im ländlichen Norden Thailands gesellen sich nach und nach auch Besucher aus der Geisterwelt, etwa Boonmees verstorbene Frau und der Sohn, der einst auf der Jagd nach einem Fabelwesen verschwand und nun selbst eines ist.

Apichatpong Weerasethakul ist über die bildende Kunst zum Film gekommen, das hat er mit David Lynch gemein. Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, die Gemeinsamkeiten hörten dort bereits auf. Das Gegenteil ist der Fall, sie fangen genau dort an. Hinter Lynchs Künstlichkeit und Knalleffekten stecken ähnliche Prinzipien wie hinter Weerasethakuls ruhigen Naturbildern, in denen Natur aussieht wie Natur. Abgesehen von der Verwendung von Geräuschen als Musik und umgekehrt tritt die Ähnlichkeit am deutlichsten in den Figuren hervor. Beide Regisseure zeigen Charaktere, die aus sich selbst heraus sind, wie sie sind. Sie definieren sich nicht über ihre Beziehungen zu anderen Figuren. Das macht sie ebenso einzigartig wie einsam. Obwohl das Personal von UNCLE BOONMEE ERINNERT SICH AN SEINE FRÜHEREN LEBEN einander herzlich verbunden ist, ist jeder dieser Menschen eine Insel. Einer hat Frau und Kind verloren, eine hat ihren Mann davongejagt, einer pflegt nach eigener Aussage eine schwer nachweisbare Fernbeziehung, eine Prinzessin verzerrt sich nach einem nicht vorhandenen Prinzen.
Sogar in der Wahl der Themen sind Weerasethakul und Lynch nicht weit voneinander entfernt, denn sie wählen das, was ihnen von Natur und Naturell aus nahesteht. Bei Lynch ist das die herrlich vulgäre Schönheit und Brutalität der amerikanischen Popkultur, bei Weerasethakul ist es der von buddhistischen Reinkarnationslehren und Geisterglauben geprägte thailändische Alltag. Als bildende Künstler haben beide Regisseure wenig Interesse daran, ihre Themen in stringenten, nüchtern logischen Erzählungen zu vermitteln. Hier nun haben wir den kleinen handwerklichen Unterschied, dass Lynch in seiner Vermittlungsarbeit viel mit technischer Trickserei arbeitet, während Weerasethakul das Seltsame ganz normal geschehen und aussehen lässt. Die Geister und Dämonen sind selbstverständliche Teile der Welt, und wenn eine Episode aus der Sicht eines Fisches gezeigt wird, dann ist klar: Der Fisch bist du. Wir sind Individuen und Teile des Ganzen zugleich. Wir sind allein in der Welt, aber wir sind unaufhörlich auf dem Weg zueinander. Davon erzählt UNCLE BOONMEE ERINNERT SICH AN SEINE FRÜHEREN LEBEN in einem entspannten Tempo und in Bildern, die unaufdringlich und poetisch zugleich sind. Das ist tatsächlich eher internationales Kunstkino als authentisches Thai-Kintopp für echte Thailänder, auch wenn die Entscheidung für 16mm-Film und sehr simple Spezialeffekte laut Regisseur eine Verbeugung vor klassischen Thai-Unterhaltungsfilmen sein sollte. Wer solche sehen möchte, ist dennoch besser mit einer Martial-Arts-Horror-Knochenbrecher-Komödie beraten. In der Welt ist aber Platz für mehrere Arten von Film, auch aus Thailand.

Ich weiß nicht, wie viele Nulljährige dies lesen, dennoch ein Wort der Warnung zur Freigabe ab 0 Jahre: Obwohl in UNCLE BOONMEE ERINNERT SICH AN SEINE FRÜHEREN LEBEN nichts Böses geschieht, ist es doch kein Film für Menschen unterhalb eines zweistelligen Jahresalters. Eine gewisse geistige Reife und ein paar Schichten Sitzfleisch sollte man schon entwickelt haben. Einige Szenen und Bilder könnten die ganz Kleinen auch verstören (zum Beispiel dunkle Gestalten mit rot glühenden Augen, Erkundung dunkler Höhlen, Geschlechtsverkehr zwischen Fisch und Frau). Aber das nur am Rande, falls sich jemand denken sollte: Mensch, heute machen wir den Kindern mal eine Freude und gucken Onkel Boonmee anstatt Winnie Puuh.

DVD.
Die Handels-DVD ist auf Grundlage der Presse-DVD nicht zu beurteilen.








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