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KAPITELWAHL

DRECKIGE HUNDE (USA 1978)

von Björn Lahrmann

Original Titel. WHO'LL STOP THE RAIN
Laufzeit in Minuten. 121

Regie. KAREL REISZ
Drehbuch. JUDITH RASCOE . ROBERT STONE
Musik. LAURENCE ROSENTHAL
Kamera. RICHARD H. KLINE
Schnitt. JOHN BLOOM
Darsteller. NICK NOLTE . TUESDAY WELD . ANTHONY ZERBE . MICHAEL MORIARTY u.a.

Review Datum. 2011-04-22
Erscheinungsdatum. 2011-02-17
Vertrieb. EUROVIDEO

Bildformat. 1.77:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0) . ENGLISCH (DD 2.0)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
"In einer Welt, wo fliegende Männer auf Elefanten schießen, besteht ein natürliches Bedürfnis, high zu sein." So schreibt John Converse (Michael Moriarty), Kriegsfotograf in Vietnam, an seine Frau Marge (Tuesday Weld), Buchhändlerin in San Francisco. John hat das Grauen gesehen und daraus seine Schlüsse gezogen, deren wichtigster ist: niemals an einem guten Geschäft vorbei zu laufen. Zwei Kilo Heroin, zum Verkauf mit Mehrwert auf amerikanischem Boden geeignet, fallen ihm in den Schoß, als Kurier heuert er den langjährigen G.I. Ray Hicks (Nick Nolte) an, dem er mal eine Taschenbuchausgabe von Nietzsche (violetter Einband) geliehen hatte. Zurück in Oakland erwarten Ray gleich zwei böse Überraschungen: Marge, die offenbar tablettensüchtig ist, hat von dem Deal keine Ahnung, eine Bande zwielichtiger CIA-Grobiane dafür umso mehr. Es bleibt nur die Flucht zu zweit, Westküste südwärts.

Dass die besten Vietnamfilme der 70er - Bob Clarks DEAD OF NIGHT, John Flynns ROLLING THUNDER - auf heimischem Boden spielen, mag damit zu tun haben, dass kaum ein anderer Krieg des letzten Jahrhunderts derart egozentrisch wahrgenommen wurde, als bloßes Symptom einer durch und durch amerikanischen Kulturkrankheit. Am Veteranentrauma, das zum 'Nam-Narrativ gehört wie der Shell Shock zu den Weltkriegen, litten nicht die Rückkehrer allein, sondern das ganze Land, das nach '68 aufgerieben war zwischen Schuld und angefressenem Stolz, ergriffen von einer ziellosen, selbstzerstörerischen Wut. Wenn Ray auf dem Frachter, der ihn nach Hause bringt, Karate-Übungen im Sonnenuntergang vollführt, ist das kein sinnfreies Klischeebild, sondern Vorbereitung auf den eigentlichen Kampf, der ihm daheim erst bevorsteht.

So zynisch, überheblich und moralisch ausgeleert Ray auch sein mag - gegen den faschistoiden Special Agent Antheil (kalt, understated: Anthony Zerbe) ist er ein Lamm. Über seinen Hintergrund, seine Erlebnisse im Gefecht erfährt man wenig mehr, als was die Körpersprache des jungen Nick Nolte sowieso kommuniziert. Dem hat in der hohen Kunst des Angekotztseins schon damals kaum einer was vormachen können; jede Bewegung, sogar der präziseste Hieb oder Tritt, hat etwas Überdrüssiges an sich, vom verzweifelt-aggressiven Flüstern, dem hier noch überhaupt nichts Marottenhaftes anklebt, ganz zu schweigen. Wie Ray in seiner alten, ihm plötzlich fremden Stammkneipe verächtlich Drinks kippt, wie er gerade den Menschen, die er am wenigsten leiden kann, besonders nah auf die Pelle rückt - in solche Gesten legt Nolte mühelos seine ganze Figur hinein.

Hinter der Kamera von DRECKIGE HUNDE steht eine schon biografisch faszinierende Talentkombination: Regisseur Karel Reisz - ein tschechoslowakischer Jude, der in den 30ern noch als Kind nach England geflohen war - gilt als Mitbegründer der Dokumentarschule des Free Cinema. In den 60ern wandte er sich dem Spielfilm zu, drehte mit SAMSTAGNACHT BIS SONNTAGMORGEN einen Klassiker des kitchen sink drama sowie ein Isadora-Duncan-Biopic, bevor er in den 70ern in die USA und ins Thrillerfach wechselte (sein Einstand dort: das James-Caan-Vehikel SPIELER OHNE SKRUPEL). Eine nicht minder schillernde Figur ist Robert Stone, Autor der Romanvorlage, der als Nachzögling der Beat Generation mit den Merry Pranksters - einer Drogenkommune um Ur-Hipster Neal Cassady - abgehangen hatte, seinen Schreibstil jedoch bald den Aktualitäten anpasste und sich als mehrfach ausgezeichneter Hardboiled-Realist einen Namen machte.

Die verschlungenen Pfade, auf denen Reisz und Stone vom Leben zum Genre gelangt sind, scheinen in DRECKIGE HUNDE - der so ziemlich alles ist, nur kein Heimkehrerdrama - allenthalben durch. Die roadmovieeske Episodenstruktur erlaubt mannigfaltige Spur- und Tempowechsel, aus Schmugglerkrimi wird Aussteigerfantasie inklusive nahezu unmerklicher Lovestory, alle drei knochentrocken erzählt, ohne einen Hauch falscher Romantik. (Dass Ray für Marge etwas übrig hat, artikuliert sich allein darin, dass er ihr Heroinschnupfen beibringt, um dem Cold Turkey entgegen zu wirken.) In L.A. will Ray den Stoff an einen verfetteten Pimp mit Piepsstimme verticken, das nutzt der Film für eine genüsslich brutale Lifestylesatire, die an die Glamourmilieu-Grotesken Elmore Leonards erinnert. Überhaupt besitzt Stone, der am Drehbuch mitgeschrieben hat, einen frappierend ähnlichen Galgenvogelhumor wie sein berühmter Kollege, lakonisch und gewalttätig zugleich; speziell Antheils absurd inkompetente Schergen (Richard Masur, Ray Sharkey) sorgen mit ihrem kindlichen Sadismus für Amüsement schwärzester Sorte.

Ganz zu sich findet DRECKIGE HUNDE während seines ausgedehnten Finales. Eine Pattsituation in den Canyons von New Mexico, ein simulierter Kleinkrieg, der weniger auf den ersten RAMBO-Film vor- als zurückverweist ins klassische Hollywood, auf Belagerungswestern und Raoul Walshs HIGH SIERRA. Als Fort dient ein verlassenes Hippie-Camp, das beinahe antik wirkt, wie die Ruinen einer ausgestorbenen Hochkultur. Das Lautsprechersystem funktioniert noch, in einem Ruhe-vor-dem-Sturm-Moment tanzen Ray und Marge zu Hank Snows Drifterballade "Golden Rocket": Musik aus alten Zeiten, die nicht wiederkommen, das macht dieser großartige Film, der wohl nur im Niemandsland zwischen New Hollywood und Blockbusterkino entstehen konnte, restlos unsentimental deutlich. Für Ray, der in der gegenkulturellen Exklave ebenso wenig zu suchen hat wie im großstädtischen Zentrum Amerikas, bleibt bis zum bitteren Ende nur die Flucht nach vorn, in den ausgetretenen Fußstapfen Neal Cassadys, immer die Bahnschienen entlang.

DVD.
Mit dem Bild lässt sich leben, mit dem Ton eher weniger: Der nicht ganz leicht verständlichen englischen Fassung wurden keine Untertitel spendiert, die deutsche Synchro ist eine Katastrophe in allen Belangen: steif übersetzt, lustlos eingesprochen und dermaßen topfig obendrauf gelegt, dass die Hintergrundgeräusche praktisch verstummen. Extras wären schön gewesen, aber was soll's.








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