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KAPITELWAHL

BARFUSS DURCH DIE HÖLLE (Japan 1959-1961)

von Andreas Neuenkirchen

Original Titel. NINGEN NO JOUKEN
Laufzeit in Minuten. 414/569

Regie. MASAKI KOBAYASHI
Drehbuch. MASAKI KOBAYASHI . ZENZO MATSUYAMA
Musik. CHUJI KINOSHITA
Kamera. YOSHIO MIYAJIMA
Schnitt. KEIICHI URAOKA
Darsteller. TATSUYA NAKADAI . MICHIYO ARATAMA . INEKO ARIMA . CHIKAGE AWASHIMA u.a.

Review Datum. 2011-04-04
Erscheinungsdatum. 2010-12-03
Vertrieb. WGF/SCHRÖDER MEDIA

Bildformat. 2.35:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0) . JAPANISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Heute kaum vorstellbar, dass ein fast zehnstündiges japanisches Kriegsdrama mit nur wenigen Kriegshandlungen oder sonstiger vordergründiger Action im großen Stil in die deutschen Kinos käme und sich auch noch zum klassenübergreifenden Kassenerfolg entwickeln würde. Anfang der 1960er, als der Trilogie BARFUSS DURCH DIE HÖLLE genau dies widerfuhr, war der gemeine Kinogänger wohl aufgeschlossener. Könnte auch daran liegen, dass es damals zu Hause nur heiteres Beruferaten mit Robert Lembke und kein Farb-Internet gab. Es war nicht alles schlecht, damals. Ein weiterer Erfolgsfaktor war sicherlich der Umstand, dass Nachkriegsurgestein Bernhard Wicki die deutsche Fassung verantwortete, mit einer einigermaßen gelungenen Synchronisation und fragwürdigen Kürzungen. In der 6-DVD-Box bekommen nun die westdeutschen Lichtspielnostalgiker diese Version, während sich cineastische Puristen an der wunschweise untertitelten Originalfassung sattsehen können.

Der idealistische Kaji (Tatsuya Nakadai) lässt sich im Zweiten Weltkrieg mit seiner Frau Michiko (Michiyo Aratama) in ein Gefangenenlager der japanischen Armee in der Mandschurei versetzen. Zum einen hofft er, so dem Dienst an der Waffe zu entgehen, zum anderen möchte er die Bedingungen der chinesischen und koreanischen Zwangsarbeiter verbessern. Humanere Arbeits- und Lebensbedingungen führen zu besserer Arbeit, so argumentiert er, macht sich damit aber kaum Freunde unter den Autoritäten des Lagers. Immer wieder kommt es zu kleineren und größeren Konfrontationen, schließlich wird Kaji doch mit Gewehr an die Front versetzt. In der Armee macht er sogar Karriere, muss aber auch hier lernen, dass es in der Hackordnung immer noch einen darüber gibt, der einem das Leben unmöglich macht. Kaum hat Kaji seinen ersten Kampfeinsatz, kapituliert Japan. Zu Fuß macht er sich mit ein paar anderen Versprengten auf in die Heimat. Er gerät in russische Kriegsgefangenschaft, und es wird immer unwahrscheinlicher, dass er seine geliebte Michiko je wieder in den Armen halten wird.

Was an BARFUSS DURCH DIE HÖLLE als erstes erstaunt, ist die Deutlichkeit seiner Position. Die Hauptfigur, und mit ihr der Film, spricht es offen aus: Sie ist gegen den Krieg, gegen die Armee. Es wird zwar im Kontext eines bestimmten Krieges und Heeres gesprochen, aber die implizierte Allgemeingültigkeit ist unverkennbar. Dass diese Position zwar richtig ist, sie aber an den Umständen nichts ändern wird, ist die traurige Schlussfolgerung des Films. Als Zuschauer ist man mitunter versucht, dem stets aufrechten Kaji das Aufgeben nahezulegen. Halt die Klappe, schluck's runter, arrangier dich, anstatt dir und deiner Frau das Leben zur Hölle zu machen für deine blöden Ideale.
Aber selbstverständlich sind die Ideale gar nicht blöde. Ganz schön unangenehm, welche Seiten man bei diesem Film an sich selbst entdecken kann.

Kaji erfährt die Dynamik zwischen Gefangenen und denen, die sie gefangen halten, am Anfang und Ende der Trilogie auf beiden Seiten der Beziehung. Auf beiden Seiten lehnt er sich gegen die Verhältnisse auf. Auf beiden Seiten macht er damit alles nur schlimmer. Selbstverständlich ist es ungerecht, dass gerade er als ewiger Pazifist, Zweifler und Verzweifler in Kriegsgefangenschaft gerät und die Knute zu spüren bekommt, die er selbst auf Siegerseite stets abgelehnt hatte. Aber genau von dieser Ungerechtigkeit handelt BARFUSS DURCH DIE HÖLLE. Besonders im dritten Film, dem oberflächlich unspektakulärsten, ist das Elend kaum auszuhalten. Auch wenn die Liebe zu Michiko Kaji stoisch weitermarschieren lässt, ist sie nicht stark genug um Wunder zu wirken. Wiedersehen werden die Liebenden sich nicht, im letzten Teil kommt Michiko nur noch als halluzinierte Stimme vor, wie hier überhaupt mit Kajis zunehmendem körperlichen und geistigen Verfall erstmals leicht irreale Stilmittel wie schräge Winkel, Standbilder und verfremdete Rückblenden zum Einsatz kommen. In den ersten beiden Folgen wird handwerklich derweil auf schlichten Realismus in Abbildung und Erzählung gesetzt. Was nicht heißt, dass die Bilder von Kameramann Yoshio Miyajima nicht hier und da große Poesie zuließen, beispielsweise in den verschneiten Eröffnungsszenen, oder wenn eine Gesandtschaft Prostituierter wie Feen im abendlichen Nebel über einen Hügel in das Gefangenenlager hinabschwebt. Allzu große Lagerromantik kommt jedoch nicht auf, denn meistens ist die Bildsprache genau so zweckmäßig wie die anderen Aspekte der Inszenierung.

Thema der Filme ist, was der Krieg aus den Menschen macht. Weniger, wie die Menschen Krieg machen. Kriegerische Handlungen im engeren Sinne kommen erst zum Schluss des zweiten Teils vor und sind am Anfang des dritten wieder vorbei. Sie sind zwar wuchtig in der Inszenierung, verzichten aber auf große Spannungsdramaturgie. Die unheroische Banalität von Gewalt wird dabei auch ohne donnernden Soundtrack und fliegende Fleischklumpen vermittelt. Wenn Kaji zum ersten Mal tötet, ist das großes Drama ohne große Gesten. Neben der sensiblen Arbeit von Regisseur Masaki Kobayashi, Kameramann Miyajima und Cutter Keiichi Uraoka ist die Glaubwürdigkeit des Ganzen natürlich auch einem hervorragenden Schauspielerensemble zu verdanken, allen voran Hauptdarsteller Tatsuya Nakadai, dessen erstaunliche Wandelbarkeit den lebhaften Idealisten des ersten Films genauso überzeugend transportiert wie die fast leere menschliche Hülle des Finales. Parallel zu Kajis Geschichte gibt es einige Nebenhandlungen um andere Charaktere im Gefangenen- bzw. Soldatenlager, etwa eine Liebesgeschichte zwischen einer Prostituierten und einem Minenarbeiter, oder das Schicksal eines Soldaten, der seine häuslichen Probleme mit an die Front bringt. Keine dieser Geschichten nimmt ein gutes Ende. Das ist konsequent so. Also letzten Endes: gut so.

Die DVD präsentiert die Wicki-Version als Hauptattraktion und legt die japanische Komplettfassung unter "Extras" ab. Man sollte es aber eher umgekehrt betrachten. Die Stimmen der Synchronisation passen zugegebenermaßen nach deutschem Hörverständnis gut auf die Figuren, obwohl sie häufig wenig Ähnlichkeit mit den Stimmen der Originaldarsteller haben. Auf ein paar Inkonsistenzen in der Aussprache japanischer Namen möchte man auch nicht allzu besserwisserisch herumreiten (wobei es bestimmt keine große Anstrengung gewesen wäre, gleichbleibend richtig oder falsch auszusprechen, zumal als Referenz der Originalton ja wohl vorlag). Schwerer als linguistisches Klein-klein wiegen die Kürzungen. Die Figuren bleiben einigermaßen intakt, aber die Handlung springt oft von A nach C, was nicht nur erzählerisch holprig ist, sondern mitunter auch technisch kunstlos gemacht.
BARFUSS DURCH DIE HÖLLE, dessen englischer Titel "The Human Condition" eine treffendere und weniger landserromantische Übersetzung des Originaltitels ist, erzählt vom grausamen Alltag des Krieges in einer schlüssigen Dramaturgie, die gerade dadurch ihren Sog entwickelt, dass sie nicht von Höhepunkt zu Höhepunkt hetzt. Dafür muss man sich als Zuschauer die Zeit nehmen, die die Originalfassung dauert.

DVD.
Insbesondere angesichts des Alters des Materials ist die Bildqualität durchgehend erstaunlich hoch. Möglicherweise hätte eine millionenschwere Laserbehandlung auf der Skywalker-Ranch noch die eine oder andere Unschärfe weggelasert, aber wer an dem kontrastreichen, ausdrucksstarken Bild der vorliegenden Veröffentlichung ernsthaft was zu meckern hat, hat zu wenige ernsthafte Probleme im Leben. Der Mono-Ton ist, was er ist. Löblich an den Untertiteln der Originalfassung ist, dass sie nicht jeden Füllsatz und Hintergrundgesang berücksichtigen, wodurch man sich trotz Lektüre noch ganz wunderbar auf den Rest des Films konzentrieren kann. Sprachästheten werden sich allerdings zurecht daran stören, dass bei der Übersetzung wenig Gefühl für die Zeit und den Ort der Handlung eingeflossen ist. Immer wieder liest man Redewendungen, die sich erst in den letzten beiden Jahrzehnten in die typisch deutsche Umgangssprache eingeschlichen haben. Mit dem gleichen guten Recht, mit dem Synchronisationsfreunde auf talentierte Sprecher unter fähiger Führung pochen, sollten Verfechter von Originalfassungen auf Untertitel bestehen, die stoffgerecht übersetzt sind und vor Veröffentlichung noch mal gegengelesen wurden von jemandem, der einen Duden hat.

Neben den historischen Trailern gibt es an Extras drei ausführliche Interviews mit dem Regisseur, Cutter und Hauptdarsteller. Die sind nicht nur in Bezug auf die vorliegenden Filme interessant, sondern sind erhellende Plaudereien für jeden, der sich ganz allgemein fürs japanische Kino interessiert.








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