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KAPITELWAHL

ARREBATO (Spanien 1980)

von Björn Lahrmann

Original Titel. ARREBATO
Laufzeit in Minuten. 110

Regie. IVÁN ZULUETA
Drehbuch. IVÁN ZULUETA
Musik. NEGATIVO
Kamera. ÁNGEL LUIS FERNÁNDEZ
Schnitt. JOSÉ LUIS PELÁEZ . JOSÉ PÉREZ LUNA . MARÍA ELENA SAÍNZ DE ROZAS
Darsteller. EUSEBIO PONCELA . CECILIA ROTH . WILL MORE . MARTA FERNÁNDEZ MURO u.a.

Review Datum. 2011-04-02
Erscheinungsdatum. 2010-11-26
Vertrieb. BILDSTÖRUNG

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. SPANISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH . ENGLISCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Ein Regisseur hat die Schnauze voll von seinem neuen Film. Ein Vampirding, Nachfolger eines Werwolfdings, die Poster sehen aus wie von 1930, die Filme auch. Knatsch im Schneideraum, er sei, seit die Affäre mit einem dauerbekoksten Starlet in die Brüche ging, nicht mehr der Alte, schimpft sein Editor. Nach Hause fährt der Regisseur durch eine Stadt, deren Kinos ausschließlich Klassiker zeigen. (Jeden einzelnen, soviel vorweg, sähe ich lieber als ARREBATO.) In der Wohnung wartet schlafend das dauerbekokste Starlet nebst einem ominösen Päckchen, das enthält: eine Audiokassette, einen Film, einen Schlüssel. Ein Schlüsselfilm sozusagen, inszeniert von einem gewissen Pedro, den der Regisseur von früher kennt. Hübsches Kerlchen, bisschen plemplem, drehte damals schon wild in der Gegend rum und heulte bei jeder Sichtung wie ein Schlosshund über die eigene egozentrische Kunst.

So weit, so Rückblende. Es folgt unausweichlich der Film im Film, an dem Pedro offenbar endgültig den Verstand verloren hat und den sich Regisseur und Starlet nachts reinziehen wie Koks. Mit VIDEODROME hat das, wie immer wieder kolportiert, wenig zu tun, auch postmodernen Postwurfsendungshorror Marke LOST HIGHWAY oder CACHÉ findet man in ARREBATO nicht präfiguriert. Vielmehr: ein Thesenfilm ohne Thesen, eine Reflexion ohne Unterbau. Pedros Stimme, quasi auf Band ausgelagerter Audiokommentar, krächzflüstert unentwegt bedeutungshuberischen Nonsens, von dem man befürchten muss, er sei ernst gemeint. Irgendwas über Rhythmen, Wahn und Verzückung (das, ungefähr, bedeutet "arrebato"), über Erinnerung und Obsession, kurz: ein ultraprätentiöses Gedankenstromprosagedicht, genussfähig allein für Menschen, die auch Poetry Slams was abgewinnen können.

Iván Zulueta war erst Künstlerkind, dann Kunststudent, und ARREBATO der Film, der dabei rauskommen musste. Für genuinen Irrwitz hat er zu viel Ahnung von Kadrage und Licht, alles sehr weich und brav und bourgeois; für die schlichten Freuden einer mitreißenden Erzählung sitzt hingegen der Trotz gegen das Establishment zu tief. Postfranquistische Seelenschau und wagemutiges Experiment soll es sein, Zulueta verpackt seine eigene Drogen- und Kinosucht darin und schmeißt als Bonus ein bisschen schlechten Sex obendrauf. Das Resultat ist ein massiv anstrengender Zwitter aus visuellem Talent und naseweisem Metagewäsch, entfernt vergleichbar mit Brian De Palmas HI, MOM!. Der Pedro-Film ist noch das Beste daran, light-homoerotische Avantgarde-Anleihen mit Erektionen und verglimmenden Zigaretten im Zeitraffer. Und am Ende gibt es sogar einen bei Poe abgeluchsten Gruseltwist. Wenn halt das selbstverliebte Gequatsche nicht wäre, und das Geräkel auf Sofas, und die assonant blökende Synthesizer. ARREBATO ist Kult mit großem K und Underground mit kleinem u. Jedes Vampir- oder Werwolfding ist dem vorzuziehen.

DVD.
Wie üblich leistet Bildstörung vorbildliche Editionsarbeit. Zum Film in bestmöglicher Fassung kommt ein Begleitheft sowie eine prall gefüllte Bonus-Disc, die neben einem frühen Zulueta-Short zwei einstündige Dokumentationen über Dreharbeiten und Regisseur enthält. Letztere zeigt ein ausgedehntes Interview mit dem 2009 verstorbenen Zulueta; im blauen Bademantel führt er gutgelaunt durch die Familienresidenz, die er zusammen mit seiner steinalten Mutter bewohnt. Hierin den Geist zu erkennen, aus dem ARREBATO entstand, mag unfair sein, liegt aber verdammt nah.

(Minimaler Kritikpunkt: Obwohl Marketing eher Not als Tugend ist, wäre Bildstörung damit gedient, etwas weniger PR-Slang und Pull Quotes auf ihren stets ansehnlichen Covern zu verteilen - das hat das Label längst nicht mehr nötig.)








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