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KAPITELWAHL

CITY OF LIFE AND DEATH - DAS NANJING MASSAKER (China/Hong Kong 2009)

von Andreas Neuenkirchen

Original Titel. NANJING! NANJING!
Laufzeit in Minuten. 135

Regie. LU CHUAN
Drehbuch. LU CHUAN
Musik. TONG LIU
Kamera. CU YAO
Schnitt. YUN TENG
Darsteller. YE LIU . YUANYUAN GAO . HIDEO NAKAIZUMI . WEI FANG u.a.

Review Datum. 2011-03-13
Erscheinungsdatum. 2010-10-11
Vertrieb. KSM

Bildformat. 2.35:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1) . MANDARIN (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Das Massaker von Nanjing, bei dem die japanische Armee 1937 in der damaligen chinesischen Hauptstadt 150.000 Zivilisten ermordete und zehntausende Frauen und Mädchen vergewaltigte, wird bis heute in Japan am liebsten totgeschwiegen und ist in China weiterhin nationales Trauma, das auch aktuelle anti-japanische Ressentiments und Proteste befeuert, selbst wenn die vordergründigen Anlässe andere sind. CITY OF LIFE AND DEATH ist nicht der erste Spielfilm zum Thema, aber vielleicht der erste ernstzunehmende.

In verschachtelten Episoden erzählt Autor und Regisseur Lu Chuan von Einzelschicksalen in der besetzten Stadt. Ein chinesischer General und ein kleiner Junge entkommen mehr als einmal dem sicheren Tod. Eine Lehrerin versucht ihre Schülerinnen vor der Zwangsprostitution zu bewahren. Ein deutscher Kaufmann hofft, seine NSDAP-Mitgliedschaft schützt ihn und seine Mitarbeiter vor den Japanern. Ein japanischer Soldat ist hin- und hergerissen zwischen seiner Macht und Ohnmacht. Die meisten von ihnen und etliche weitere Figuren werden die Besatzung nicht überleben, einige werden am Schluss einer ungewissen Zukunft entgegensehen.

CITY OF LIFE AND DEATH ist eher eine Film-Sinfonie als ein Film-Roman. Es gibt Variationen wiederkehrender Themen und vertraute Figuren, die in einer flirrenden Dramaturgie hier verschwinden und später dort wieder auftauchen. Die Erzählung wird mehr von Stimmungen als Ereignissen getrieben. Diese Stimmungen werden transportiert von den überwältigend durchkomponierten Schwarz-Weiß-Bildern des Kameramanns Yu Cao, der dafür schon einige Preise bekommen hat und bestimmt noch einige mehr erhalten wird. Die gelungene, oft aus östlichen und westlichen Elementen gemischte Musik von Tong Liu tut das Übrige, gerade weil sie den guten Geschmack zeigt, in erster Linie Atmosphäre stiftende Szenen zu unterstützen und sich aus dramatischen Höhepunkten fast immer rauszuhalten und so die Bilder für sich sprechen zu lassen. Der Umsicht von Regisseur Lu Chuan ist es dabei zu verdanken, dass die Grausamkeit des Geschehens nie hinter dem Stilwillen der Bilder verschwindet; dafür verweilt er nie so lange auf einem, dass es zum ästhetischen Selbstzweck verkommen könnte. Dennoch ist die Entscheidung für Schwarz-Weiß mit gemischten Gefühlen zu sehen. Schwarz-Weiß schafft Distanz und stilisiert, um nicht zu sagen: glorifiziert. Steven Spielberg hatte über SCHINDLERS LISTE sinngemäß gesagt, er habe sich für Schwarz-Weiß entschieden, weil die Ereignisse zu grausam gewesen seien, um sie in Farbe zu zeigen. Vielleicht ist aber gerade bei solchen Themen diese Rücksicht unangebracht, will man nicht nur zu historischen Ereignissen klar Stellung beziehen, sondern auch Relevanz für die Gegenwart herstellen. Schwarz-Weiß suggeriert: Das alles liegt lang, lang zurück, in einer Zeit, in der die Welt noch schwarz-weiß war.

Kommt es einem Film in erster Linie auf die Action an, dann ist das ein Actionfilm. Erzählt ein Film von der Liebe, ist das ein Liebesfilm. Und handelt ein Film von Krieg, dann handelt es sich um einen Kriegsfilm. Der deutsche Fantasie-Begriff "Anti-Kriegsfilm" bezeichnet keine Gattung, sondern einen Aberglauben, genährt von der rührenden Vorstellung, ein Film könne eine Botschaft so verbindlich vermitteln, dass jeder sie sieht und verinnerlicht, und aus der moralischen Verlegenheit, sich sowas überhaupt anzusehen. Anti-Kriegsfilm ist hui, Kriegsfilm ist pfui. Papperlapapp. Die großen kritischen ("Anti"-)Kriegsfilme der letzten Jahrzehnte inspirierten mehr Ballerspiele als politische Debatten. Gerade das elendige Verrecken in Staub und Schlamm, das vernünftige Menschen anwidert, empfinden Kriegsfans als stahlgewitternde Schützengrabenromantik. Etliche Vorführungen von SCHINDLERS LISTE waren gut besucht von johlenden Skinheads. Ein Kriegsfilm mag beim Betrachter zum Anti-Kriegsfilm werden, von Natur aus aber ist er es nie.
Lu Chuan hat also einen Kriegsfilm gemacht, denn er handelt vom Krieg. Er hat dabei die besten Absichten. Er zeigt, wie sinnlos und pervers Krieg ist, ganz allgemein. Diese Allgemeinheit ist eine Stärke des Films. Er verzichtet nahezu komplett auf Politik und Psychologie. Auf die historischen Hintergründe wird kaum eingegangen. Bei den Charakteren haben in erster Linie die Bewohner Nanjings lebensechtes Format, aber die Japaner als solche werden nicht pauschal als Monster abgestempelt, selbst wenn sie Monströses tun. Es geht in CITY OF LIFE AND DEATH um Opfer und Täter, nicht um Chinesen und Japaner. Das kann sich überall und jederzeit wiederholen. Ob ein Film dagegen etwas auszurichten vermag, sei dahingestellt. Aber diesem immerhin kann man nicht vorwerfen, er habe nichts gesagt.

DVD.
Die Handels-DVD ist anhand der Presse-DVD nicht zu beurteilen.








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