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KAPITELWAHL

EINE KARTE DER KLÄNGE VON TOKIO (Spanien 2009)

von Alexander Karenovics

Original Titel. MAPA DE LOS SONIDOS DE TOKIO
Laufzeit in Minuten. 109

Regie. ISABEL COIXET
Drehbuch. ISABEL COIXET
Musik. nicht bekannt
Kamera. JEAN-CLAUDE LARRIEU
Schnitt. IRENE BLECUA
Darsteller. RINKO KIKUCHI . SERGI LOPEZ . MIN TANAKA . HIDEO SAKAKI u.a.

Review Datum. 2011-01-10
Erscheinungsdatum. 2010-10-29
Vertrieb. ALAMODE-FILM/ALIVE

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1) . JAPANISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Filme über einsame Menschen in Japan gibt es viele, und in einer Kultur, in der ein direkter Blick ins Gesicht eines Fremden bereits als unhöflich gilt, verwundert das nicht. EINE KARTE DER KLÄNGE VON TOKYO gehört dazu, und verwendet als Rahmen für seine Geschichte das archetypische Motiv des Killers, der sich bei seinem (letzten?) Auftrag in sein Opfer verliebt.

Ryu (Rinko Kikuchi) geht tagsüber einer monotonen Arbeit auf dem Fischmarkt nach, nachts bringt sie Menschen gegen Bezahlung um. Wenn sie mal keine Waffe in ihrer Handtasche trägt, führt sie lange Gespräche über Gott und die Welt mit einem älteren Ton-Ingenieur, ihr einziger Freund, der wenig über sie weiß, aber das Geräusch liebt wenn Ryu Nudeln schlürft. Sowieso kommt Geräuschen, Musik und Sound-Editing in Isabel Coixets Film eine besondere Bedeutung zu; leider gehört zu den Klängen Tokyos auch der Klang der menschlichen Stimme, und Coixet konnte es sich nicht nehmen lassen, einen schwülstigen (und deshalb obsoleten) Erzähltext über ihre starken Bilder zu legen. So sinniert der Ton-Ingenieur mehr als einmal über Ryus wahre Motive und vermag dabei doch nicht zu ihrem Wesen vorzudringen. Nicht einmal ihren wahren Beruf kennt er.

Als sich die Tochter eines reichen Geschäftsmannes aus Liebeskummer umbringt, erhält Ryu den Auftrag, den Mann zu töten, der das Mädchen vermeintlich ins Unglück gestürzt hat: David (Sergi Lopez) ist ein spanischer Weinhändler, der in Tokyo Fuß gefasst hat. Bereits bei der ersten Begegnung knistert es zwischen ihm und der schweigsamen Killerin, und nach einer Nacht im Love-Hotel fällt es Ryu ungleich schwerer, den Abzug zu drücken.

Die Charaktere, ihre Motivationen und Gefühle bleiben ein Enigma. Warum funkt es zwischen den beiden? Die bloße Idee des heißblütigen Spaniers auf kühlem japanischem Boden ist Coixet sexy und exotisch genug als Aufhänger für ein sinnliches Abenteuer. Das kann man schlucken, fällt aber schwer. David hat als Kind gerne Animes geschaut; das erklärt vielleicht seine Affinität zur japanischen Kultur, nicht jedoch, warum er sich nach dem Ableben seiner lieben Midori direkt in die nächste Affäre stürzt, und dabei weiterhin beteuert, sie wie keine andere geliebt zu haben. Daß er auf seinem Computer weiterhin ein Bild von Midori als Desktop-Hintergrund pflegt, hilft uns da nicht weiter - es impliziert höchstens, daß Ryu ihre Gefühle verschwendet.

Und Ryu? Zwar braucht eine Auftragskillerin keine Motivation, aber Coixet verwehrt uns auch jeglichen Hinweis, warum sie gut in ihrem Job ist. Wie nähert sie sich ihrer Zielperson? Drückt sie kaltblütig ab, oder zögert sie? All das bleibt im Dunkeln. Ryu kann eine Waffe auseinander- und wieder zusammenbauen, und nach getaner Arbeit kümmert sie sich mit halb stoischem, halb leidendem Blick akribisch um die Gräber ihrer Opfer. Wenn sie mit David an der Bar sitzt und zum ersten Mal lacht, bleibt die Kamera verhalten vor der Tür, und statt ihrem Gespräch lauscht man lediglich dem spekulativen Voice Over des Ton-Ingenieurs, der noch weniger über die beiden weiß als der Zuschauer. Die Beziehung zu David bleibt ein oberflächliches Konstrukt um lediglich die Checkpoints einer bekannten Geschichte ein weiteres Mal abzuhaken, ohne ihr dabei neue Facetten zu entlocken.

Oft sind Dialoge schraubig und unnatürlich und bestärken den Eindruck, daß Coixet im Grunde gar nicht so viel an einer schlüssigen Geschichte liegt, als vielmehr den Versuch wagt, sich dem Thema "Einsamkeit" auf einer rein formalen Ebene zu nähern. So halbherzig das Skript seine Charaktere hin- und herschubst, umso eindringlicher sprechen die Bilder; hier ist kein Frame dem Zufall überlassen: vom rauhen, tristen Ambiente des Fischmarktes, bis hin zur träumerisch-stilisierten Einrichtung eines Themenraumes im Love-Hotel - jedes Set, jeder Kamera-Winkel wirkt sorgfältig komponiert. Wenn in einer Szene die mitternächtliche Silhouette der grell erleuchteten Metropole aus der Vogelperspektive mit zirpenden Zikaden-Gesängen unterlegt wird, demonstriert dies die Macht des Kinos besonders eindringlich - ein synästhetischer Moment.

Kudos auch für die phantasievoll inszenierten erotischen Intermezzi im Love-Hotel. Hier wird kein Handtuch vor die Brust genommen, zum Ficken muß man nicht zwingend in die Kiste steigen, der Sex ist kühl und kinky und deswegen interessant - weitaus interessanter zumindest als die zwischenmenschliche Komponente. Ein handwerklich perfekter, aber auf emotionaler Ebene seltsam kalter und leerer Film - für ein romantisches Drama ein K.O.-Kriterium. So bleibt ein immerhin auf hohem Niveau gescheiterter Versuch, den Genre-Film mit Stilmitteln des Arthouse-Kinos zu verquicken; die in jeder Hinsicht gelungene Symbiose mit ähnlich gepolter Thematik kam dieses Jahr jedoch von Anton Corbijn: THE AMERICAN.

DVD.
Nix zu Meckern von der Technik-Front. Das Bild ist gestochen scharf, der Originalton dank optional zuschaltbarer Untertitel selbstverständlich zu bevorzugen. Der Lokalkolorit wird erst lebendig durch die Kombination aus Japanisch und akzentuiertem Englisch verschiedener Nationen. Die deutsche Synchronisation kann zwar mit ordentlichen Sprechern aufwarten, schert aber sämtliche Sprachbarrieren über denselben Kamm und klingt dabei wie im Badezimmer aufgenommen. Die sonstige Ausstattung kann überzeugen: Neben einigen Trailern finden sich Deleted Scenes, sowie ein Videotagebuch mit Specials zu den Dreharbeiten, der Postproduktion und Promotion.








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