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KAPITELWAHL

DER PROZESS (Frankreich/Deutschland/Italien 1962)

von Florian Lieb

Original Titel. LE PROCÈS
Laufzeit in Minuten. 114

Regie. ORSON WELLES
Drehbuch. ORSON WELLES
Musik. JEAN LEDRUT
Kamera. EDMOND RICHARD
Schnitt. YVONNE MARTIN . FRITZ H. MULLER
Darsteller. ANTHONY PERKINS . ORSON WELLES . ROMY SCHNEIDER . JEANNE MOREAU u.a.

Review Datum. 2010-11-27
Erscheinungsdatum. 2010-11-18
Vertrieb. ARTHAUS/KINOWELT HOME ENTERTAINMENT

Bildformat. 1.66:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0) . ENGLISCH (DD 2.0) . FRANZÖSISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Franz Kafkas "Der Process" von 1925 ist eines seiner bekanntesten Werke, umso mehr, da es sich nicht um einen Roman, sondern lediglich um einen unvollendeten Entwurf handelt, den der Prager zwischen August 1914 und Januar 1915 verfasst hat. Wie viele Meisterwerke zeichnet auch Kafkas "Process" aus, dass er eindeutig mehrdeutig ist. So bezeichnete der deutsche Germanist Hans Hiebel Kafkas Werk als "Strafphantasie", Justizsatire und als Metapher für Kafkas sechswöchige Verlobung mit Felice Bauer. Letztere wird gemeinhin als Inspirationsquelle für das Romanfragment erachtet. Im Frühjahr 1914 hatte sich der 30-jährige Kafka mit eben jener Felice Bauer verlobt, nur um wenige Wochen später gegenüber ihrer Freundin Zweifel an den Planungen zu äußern. Was folgte, war eine Aussprache des Paares am 12. Juli, die Kafka elf Tage darauf in seinem Tagebuch als "Gerichtshof im Hotel" bezeichnen würde. Zugleich war er sicher: "es lässt sich nichts oder nicht viel gegen mich sagen. Teuflisch ist aller Unschuld". Wenige Tage später begann er mit der Arbeit am "Process".

Die berühmteste Verfilmung des Fragments ist LE PROCÈS vom legendären Orson Welles, der selbst in jener Adaption seine beste Regieleistung ausmachte. Der US-Amerikaner erzählte die Geschichte des verurteilten Josef K. Anfang der sechziger Jahre mit Starbesetzung. Anthony Perkins schlüpfte zwei Jahre nach seiner Rolle in Alfred Hitchcocks PSYCHO in die Rolle des vermeintlich unschuldigen K., der an seinem 30. Geburtstag zu der Ankündigung aufwacht, verhaftet worden zu sein ("You're under arrest"). Wessen Verbrechen er sich schuldig gemacht hat, erfährt er nicht, ahnt jedoch immerhin, dass es keine gewöhnliche Verhaftung ist. "Not the same way a thief's put under arrest", stellt auch seine Vermieterin Frau Grubach (Madeleine Robinson) fest, die zudem die Verhaftung als "something abstract" bezeichnet. Eine Interpretationsebene des gesamten Werkes wirft dann auch das im Nebenzimmer wohnende Fräulein Bürstner (Jeanne Moreau) in den Raum, wenn sie K. fragt: "Are you sure you were awake?".

Was folgt, ist ein bürokratisches Labyrinth. Eine Anhörung, den Besuch des Onkels vom Dorf, die Aufsuchung eines Advokaten und kurz darauf eines Malers später, beginnt K. immer weniger herauszufinden, warum er eigentlich angeklagt wird, und verliert sich stattdessen im Finden eines Auswegs, den es nicht zu geben scheint. Für Hans Hiebel stellt das gesichtslose Gericht eine "unbewusste Gewissensinstanz" von K. dar, der von seinem eigenen "Über-Ich" gerichtet wird. "Schon die Straferwartung ist Strafe", befindet Hiebel, der den Prozess als Metapher für die Schuldgefühle von K. sieht. Unbewusst scheint K. etwas getan zu haben, dessen er sich als schuldig erachtet ("Even the saints have temptations", sagt Perkins im Film zu Moreau), ergo der Arrest und die Verhandlung. "Es ist ja nur ein Verfahren, wenn ich es als solches anerkenne", sagt K. richtigerweise in seiner Anhörung, wird sich der Wahrheit dieser Aussage jedoch nicht vollends bewusst. Denn dadurch, dass er das Gericht "für den Augenblick" anerkennt, "aus Mitleid gewissermaßen", gibt sich K. der Rechtsmäßigkeit des Urteils hin.

"Einen solchen Prozess haben, heißt ihn schon verloren haben", erinnert der Onkel von K. diesen an den Ernst der Lage. Und auch K. weiß gegenüber dem Maler Titorelli: "Zum Schluss aber zieht [das Gericht] von irgendwoher, wo ursprünglich gar nichts gewesen ist, eine große Schuld hervor". Es ist jener Ausspruch, der Hiebels These von der Gewissensinstanz bestärkt, was auch durch das Resümee des Gefängniskaplans deutlich wird. "Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entläßt dich, wenn du gehst", verabschiedet der Geistliche K. im vorletzten Kapitel. Teuflisch ist aller Unschuld und das Gericht des Über-Ichs fand letztlich genug "Beweise", um das Verfahren allmählich ins Urteil gleiten zu lassen. So ist das Verfahren gegen K. von diesem selbst beschworen. Es existiert, weil dieser es existieren lässt. Zugleich lässt sich "Der Process" auch, wie bei Theodor Adorno geschehen, als Vorwegnahme des Nazi-Terrors lesen, wenn Menschen scheinbar "grundlos" - oder zumindest aus nichtigem Grund - verhaftet und vor ein Gericht gestellt werden, ohne dass ihre Unschuld beweisbar wäre.

In der Adaption von Orson Welles, die dank der vorliegenden Premium Edition wieder ungekürzt in Deutschland erscheint, wird nun weniger Gewicht auf den Charakter der Selbstverschuldung gelegt, wie den repetitiven Bürokratismus. Dabei wird der von Welles gespielte Advokat durch seine Präsenz fast schon zur zweiten Hauptfigur, während Perkins' K. als von Frauen fehlgeleiteter Paranoiker erscheint, dessen Gehetztheit nicht so recht zur Figur passen will. Auch Welles Szenenbild zerstört in seiner Ausgestaltung jene Illusion, die jedem Leser selbst kommen sollte (so schön auch insbesondere das Bühnenbild des Gare d'Orsay ausfällt). Besonders das Ende stört in LE PROCÈS, konterkariert es doch die Illusion, dass es mehr ein innerer denn äußerer Prozess ist und kulminiert in einer unsäglichen Schlusseinstellung, in der Perkins' Spiel seinen negativen Höhepunkt erreicht. In all seiner bemühten Surrealität und namhaften Besetzung schafft es Welles nicht, Kafkas Intention, die sogar in Form von der Parabel "Vor dem Gericht" den Film selbst einleitet, gerecht zu werden.

DVD.
Bild und Ton der Premium-Edition sind in Ordnung, bedenkt man, dass der Film fast ein halbes Jahrhundert alt ist. Als Extras biedern sich ein Interview mit Kameramann Edmond Richard zu den Ausleuchtungswünschen von Welles an (mit eingestreuten "Making Of"-Elementen), sowie auf der zweiten Disc die rund 80-minütige Dokumentation "Orson Welles - The One Man Band", die überbordend mit Archivmaterial den Fokus auf Hollywoods kreatives Enfant terrible legt.








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