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KAPITELWAHL

FAUSTRECHT - TERROR AN DER HIGHSCHOOL (USA 1987)

von Heiko Hanel

Original Titel. THREE O'CLOCK HIGH
Laufzeit in Minuten. 85

Regie. PHIL JOANOU
Drehbuch. RICHARD CHRISTIAN MATHESON . THOMAS E. SZOLLOSI
Musik. TANGERINE DREAM
Kamera. BARRY SONNENFELD
Schnitt. JOE ANN FOGLE
Darsteller. CASEY SIEMASZKO . ANNIE RYAN . RICHARD TYSON . PHILIP BAKER HALL u.a.

Review Datum. 2010-11-16
Erscheinungsdatum. 2010-06-10
Vertrieb. MIG/EUROVIDEO

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0) . ENGLISCH (DD 2.0)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
1993 saß ich mit meiner guten Freundin Anne und noch etwa 15 anderen Zuschauern im Kino des Frankfurter Filmmuseums. Es lief DIE TÖDLICHE MARIA, der Erstlingsfilm von Tom Tykwer. Die Handlung klang ganz interessant und der bisher wenig bekannte Regisseur stellte seinen Film selbst vor. Er entschuldigte sich nach der Vorführung für die sehr zerkratzte Kopie. Es war ihm ziemlich peinlich. Er war überhaupt sehr nett und zugänglich. Den Film fand ich ganz interessant aber nicht super. Einerseits hatte er ein paar wirklich interessante visuelle Ideen. Andererseits stand sich Tykwer mit einem sehr kopflastigen Konzept selbst im Weg. Anne und ich hatten als Einzige im ganzen Kino über Heinz Erhardt gelacht, der kurz im Fernsehen aufgetaucht war, um die Biederkeit des von Josef Bierbichler verkörperten Vaters der Protagonistin zu veranschaulichen. Das war wohl nicht lustig gemeint gewesen und als der Regisseur nachher vor uns saß, schämte ich mich ein wenig für meinen fehlenden intellektuellen Sachverstand. Ich hätte Tom Tykwer gerne gefragt, ob er die Komödie mit dem irreführenden Titel FAUSTRECHT - TERROR AN DER HIGHSCHOOL gesehen hatte.

Diese kleine Perle der Achtziger Jahre hatte ich nämlich im Spätprogramm eines Privatsenders entdeckt und auf VHS aufgenommen. In FAUSTRECHT kamen dauernd Uhren vor. Und jetzt kommt's: In DIE TÖDLICHE MARIA kamen AUCH dauernd Uhren vor. Da dachte ich: den muss Tom Tykwer doch gesehen haben und DIE TÖDLICHE MARIA ist eine Hommage an FAUSTRECHT. Statt mal spontan zu fragen, erinnerte ich mich an unseren Heinz Erhardt-Faux pas und grübelte. Hat ein Regisseur Zeit, nach Mitternacht auf Privatsendern Filme mit komischen Titeln anzusehen, die nach überhaupt nichts Besonderem klangen? Klar, es könnte ein Kultfilm sein. Aber ich habe überall in meinem Freundeskreis rumgefragt. NIEMAND hatte von diesem Film gehört. Also kam ich zu dem Schluss, dass eben ZWEI Regisseure auf die Idee mit den Uhren gekommen sein müssen. Auch damals hielt ich es für wahrscheinlich, dass es sogar mehr als Zwei gewesen sein könnten. Ja dass die Uhr im Film mitnichten etwas Neues war, sondern dass Legionen von Regisseuren die Uhrennummer schon abgezogen hatten. Nur wie hatte das ohne mein Wissen geschehen können? Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die länger als 10 Jahre zurückliegende Filmhistorie als für die heutige Zeit irrelevant erklärt. Ich hielt das damals für schwer rebellisch. Leider kam Applaus von Zeitgenossen, die nur dreimal im Jahr ins Kino gingen. Und die waren gar nicht rebellisch, sondern fuhren am Wochenende mit dem Opel Astra in den Taunus. Fazit ist: ich traute mich nicht zu fragen. Was ich bis heute bereue.

Endlich ist FAUSTRECHT auf DVD erschienen und eine zweite Sichtung bestätigt: Uhren überall. Diese bebildern anschaulich die schnell verrinnende Zeit bis 3 Uhr nachmittags. Dann soll nämlich Jerry Mitchell von Buddy Revell auf die Fresse kriegen. Jerry ist ein harmloser Streber und betreibt in seiner High School den Schülerladen. Gleichzeitig ist er auch Redakteur der Schülerzeitung. Buddy hingegen ist neu auf der Schule, ein wüster Geselle und laut Gerüchteküche Inhaber einer kriminellen Vergangenheit. Er sei wegen Messerstechereien von zahlreichen Schulen geflogen sein. Und was er gar nicht möge, wären Berührungen. Es kommt wie es kommen muss: Beim scheiternden Versuch, dem Neuen ein Interviews abzuringen, klopft ihm Jerry plump vertraulich auf den Arm und hat nun ein Date um 15 Uhr auf dem Schulhof. Das Ganze passiert gleich morgens und die Kamera wird nun das Schulgelände nicht mehr verlassen. Alle Versuche, am Nachmittag nicht totgeprügelt zu werden, scheitern. Ein Fluchtversuch endet am Schulzaun und der Hofaufsicht. Buddy zwecks disziplinarischer Entfernung ein Messer unterzujubeln, bringt Beide vor den Direktor und den Sicherheitsbeauftragten, der mit seiner Sekretärin aus dunklen Zeiten der Deutschen Vergangenheit zu stammen scheint und sich auch nicht von Jerrys makelloser Schülerakte beeindrucken lässt. Der aus der Kasse des Schülerladens bezahlte Schulschläger macht leider ebenfalls den Fehler, Buddy zu berühren und ist fortan keine große Hilfe mehr. Mittlerweile laufen zahlreiche Wetten gegen Jerry und auch die Schulschönheit würdigt ihn zum ersten Mal eines Blickes. Die Buchbesprechung eines Schundromans mit anschließender Anmache der Lehrerin beschert ihm kein Nachsitzen, sondern nur ihre Telefonnummer. Schließlich entledigt er sich seines letzten Rests Würde und bietet Buddy Geld an (wieder aus der Kasse des Schülerladens). Doch jetzt merkt auch Jerry, dass es hier um sein Ansehen geht.

FAUSTRECHT war für Phil Joanou die Entrittskarte in die Welt der Auftragsregie. Diese kleine sehr ökonomisch konzipierte Hommage an 12 UHR MITTAGS (der Originaltitel lautet THREE O'CLOCK HIGH, wer den Deutschen Titel verbrochen hat, weiss Keiner mehr) spielte 1987 zwar nur 3 Millionen Dollar ein, verschaffte seinem Schöpfer aber eine Hollywoodkarriere, deren Höhepunkte das Gangsterdrama STATE OF GRACE und der U2-Konzertfilm RATTLE AND HUM und der Tiefpunkt der cheesy Psychiaterthriller FINAL ANALYSIS mit Kim Basinger und Richard Gere darstellten. Schade, dass FAUSTRECHT unterging, stellt er doch ein sehr gelungenes Beispiel aus dem Genre des Eskalationsfilmes dar. Eskalationsfilme sind Filme, die auf die übliche wellenförmige Dramaturgie (Exposition, erster Höhepunkt, Ruhepause, zweiter Höhepunkt, Downer mit zweiter Ruhepause und wahlweise Sex, Finalspektakel) verzichten, um sich der kontinuierlichen Steigerung zu verschreiben. Bestes Beispiel ist DER PARTYSCHRECK von Blake Edwards, in dem Peter Sellers die Party eines Filmproduzenten systematisch zerstört. Das fängt langsam an und steigert sich im Lauf des Films kontinuierlich bis zum finalen Spektakel, das auch im Eskalationsfilm nicht fehlen darf, dem aber keine Ruhepause vorausgeht. Ein schönes literarisches Beispiel ist AMERICA von T.C. Boyle, in dem ein illegal nach Kalifornien eingewandertes mexikanisches Paar in einer gleichförmigen Bewegung dem eigenen Untergang entgegensteuert. Nachdem Hans Christian Schmitt die Filmrechte zu teuer waren, verewigte er die Struktur des Romans in Gestalt des kläglich scheiternden Matratzenhändlers in seinem Ensemblefilm LICHTER. So einen Eskalationsfilm zu drehen, ist echte Kunst und Phil Joanou hat hier ganze Arbeit geleistet. Das Timing stimmt immer, gute Gags sind auf den Punkt inszeniert. Jerry wird uns im Laufe des Films immer sympathischer. Das liegt nicht an einer besonderen schauspielerischen Leistung sondern am konstant zunehmenden Wahnsinn, für den Joanou reichlich zwischen Nahaufnahme und Weitwinkel wechselt. Immer wieder neue Perspektiven auf Gegenstände des Alltags und die atemberaubende Landschaft Utahs jenseits der Schulmauern sind Barry Sonnenfeld zu verdanken, der als Kameramann der frühen Coen-Brüder-Filme später selbst Karriere als Regisseur von MEN IN BLACK machte. OK, die Frisuren sind alle furchtbar und die Musik von Tangerine Dream auch. Aber wie selten sind doch Filme, die durch eine ökonomische und trotzdem originelle Inszenierung eines Plots, der auf einer Briefmarke Platz hätte, in die luftigen Höhen der guten Unterhaltung gehoben werden. Ein anderes schönes Beispiel ist zum Beispiel LOLA RENNT, in dem nur wenige Uhren vorkommen. Aber mir macht Tom Tykwer nichts vor.

DVD.
Das DVD-Cover mit dem reißerischen deutschen Titel und dem Foto eines nicht im Film vorkommenden blutüberströmten Jugendlichen ist wie auch der Titel des Films Etikettenschwindel. Dass es sich hier nicht um einen blutigen Gangfilm handelt, merkt der verarschte Käufer erst, wenn er das Inlay umdreht und das eher amüsante Originalplakat zu sehen bekommt. Die Bildabtastung ist sehr gut. Der Film ist allerdings schon ganz schön alt mit reichlich Kratzern und wurde nicht restauriert. Die englische Originaltonspur und die alte deutsche Synchro aus den Neunzigern sind auch ganz passabel. Extras zum Film gibt es keine aber ich will mich nicht beschweren. Es ist ein Wunder, dass die diese Perle der Achtziger Jahre überhaupt auf DVD veröffentlicht wurde.








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