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KAPITELWAHL

CEMETERY JUNCTION - DAS LEBEN UND ANDERE EREIGNISSE (Großbritannien 2010)

von Florian Lieb

Original Titel. CEMETERY JUNCTION
Laufzeit in Minuten. 91

Regie. RICKY GERVAIS . STEPHEN MERCHANT
Drehbuch. RICKY GERVAIS . STEPHEN MERCHANT
Musik. TIM ATACK
Kamera. REMI ADEFARASIN
Schnitt. VALERIO BONELLI
Darsteller. CHRISTIAN COOKE . TOM HUGHES . FELICITY JONES . JACK DOOLAN u.a.

Review Datum. 2010-11-08
Erscheinungsdatum. 2010-10-21
Vertrieb. SONY PICTURES

Bildformat. 2.40:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH . ENGLISCH . TÜRKISCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Frauen sind bemitleidenswerte Wesen. Immer fallen sie auf Arschlöcher rein, dabei befindet sich die wahre Liebe doch direkt in greifbarer Nähe. So hing Isla Fisher in HOT ROD am klebrigen Will Arnett und schaffte es erst im Finale in die Arme von Andy Samberg. Ähnlich ergeht es in CEMETERY JUNCTION nun Felicity Jones. Sie spielt die fotografiebegeisterte Tochter des kaltherzigen Ralph Fiennes und ist mit dem Charakterarschloch Matthew Goode, als dessen rechter Hand, verlobt. Sie ist eben eine Frau und weiß es nicht besser, denn während des Filmes hinterfragt sie ihre Gefühle nie. Diese werden auch nicht von Ricky Gervais und Stephen Merchant erläutert, schließlich ist es ein ungeschriebenes Filmgesetz, dass hübsche Mädels die Beine für das größte Arschloch des Viertels breit machen. Schlechte Karten also für Christian Cooke als smarter Junge aus dem Arbeiterviertel, der vor zehn Jahren mal ein bisschen was am Laufen hatte mit Jones' Figur, aber dennoch nie wusste, dass sie die Tochter von Ralph Fiennes' Versicherungsvertreter ist - obwohl er sich über diesen vor seinem Bewerbungsgespräch bei ihm informiert hat.

Sowieso lässt sich in CEMETERY JUNCTION nicht über Figuren sondern lediglich über Klischees reden. Das fängt allein mit der Jungs-Clique an, die Gervais und Merchant präsentieren. Da ist Bruce (Tom Hughes): Rebell, Greaser, Anti-autoritär und auf Kriegsfuß mit seinem alten Herrn. Bruce arbeitet in der Fabrik, obwohl er seit sieben Jahren eigentlich raus wollte - raus in die Welt. Dies hat er bisher jedoch noch nicht geschafft. Sein Kumpel ist der adrette Freddie (Christian Cooke), der nicht wie sein Vater (Ricky Gervais) oder Bruce in der Fabrik landen will, sondern ran ans Geld möchte. So wie sein Vorbild: Mr Kendrick (Ralph Fiennes). Dieser war selbst einst in Cemetery Junction, einem Vorort von Reading, groß geworden und ist jetzt der Big Boss einer Versicherungsfirma. Ausgerüstet mit Anzug, Krawatte und Ledertasche sieht sich Freddie in fünf Jahren verheiratet mit Kind und Kegel in einem kleinen Reihenhaus. Kuschelig. Und weil zwei good lookin' guys nicht ausreichen, brauchen sie einen dicklichen, bebrillten Nerd als Kumpel. Diese Rolle übernimmt Snork (Jack Doolan), der sich eine dickbrüstige Vampir-MILF auf die Brust tätowiert hat und drauflos plappert, bevor er nachdenkt. Eine klassische Jungsclique eben.

Die Intention von Ricky Gervais und Stephen Merchant war, mit CEMETERY JUNCTION ein britisches Coming-of-Age-Drama zu schreiben. Im England der siebziger Jahre müssen Töchter noch stillhalten, wenn der Vater etwas sagt und Frauen brauchen ja nicht erwarten, dass ihnen gedankt wird, wenn sie eine Tasse Tee zubereiten. Alles ist schön beschaulich konservativ und die Gefahr der Einwanderer aus den Kolonien noch überschaubar, aber bereits präsent. Den Kontrast zwischen "damals" und "jetzt" stellen natürlich unsere drei jungen Helden dar, die dem müden Alltag den Krieg erklärt haben und sich für die Rechte der Black Britons in Diskotheken prügeln. Keiner will so werden - lies: enden - wie sein alter Herr. Am wenigstens Bruce, der seinem Rückengeschädigten Vater am liebsten eine reinhauen würde, weil der nicht den Liebhaber seiner Frau totgeschlagen hat und diese nun von dannen gezogen ist. Freddie hingegen will nicht in der Fabrik schuften wie sein Vater, aber dennoch währe ein Haus und eine Frau ja ganz nett. Bis es das dann auch nicht mehr tut und planlos drauflos reisen - ohne Ziel und ohne Geld - ohnehin als der bessere way of life erscheint.

Was Gervais und Merchant hier verzapft haben ist nicht nur ob seiner genrebedingten Vorhersehbarkeit misslungen. Der Versuch, Gervais' Gegenwartswitz in die 1970er Jahre zu pressen, geht immer wieder daneben. Sei es eine belanglose Diskussion am Esstisch zwischen Gervais selbst und seiner Filmmutter oder einem Imbissbudenbesitzer und seinem unlustigen sexuellen Innuendo. Auch das stigmatisierende Schubladendenken - Snork lehnt einen bescheiden aussehenden Schwarm ab, weil er glaubt, er könne was Schärferes abgreifen, wobei er am Ende natürlich mit dem vorlieb nehmen muss, was sein eigenes Äußeres offeriert - präsentiert sich schön gegen das Genre gebürstet, dem CEMETERY JUNCTION ansonsten doch blindlings und ohne inhaltlichen Boden so bereitwillig folgt. Hätten die Auteure die Zeit für ihre sinnlos eingestreuten Witzchen darauf verwendet, ihre Figuren mit Charaktertiefe auszustatten, hätte aus ihrem Film vielleicht sogar etwas werden können. So ist Julie (Felicity Jones) eben einfach nur mit Mike (Matthew Goode) zusammen, weil er zum Finale hin aufgrund seiner Darstellung umso leichter zu verlassen ist. Denn würden Gefühle existieren, müssten diese zuvor hinterfragt werden, was wiederum die Zeit rauben würde, um später nochmals denselben lahmen Gag zu Snorks Tätowierung einzubauen.

Bei all den inhaltlichen Schwächen ist der Film dabei nie ein kompletter Fehlgriff. Er lässt sich fraglos ganz annehmbar wegschauen, ohne jedoch auch nur in einer einzigen Szene auch nur im Ansatz zu brillieren (schon gar nicht in seiner finalen Hommage an THE GRADUATE). Optisch macht das partnerschaftliche Regiedebüt dagegen schon mehr her, gefällt neben den Kostümen besonders Cemetery Junction in seiner Siebziger-Atmosphäre. Und auch die Darsteller holen das Beste aus ihren eindimensionalen Figuren heraus, ein Lob das quasi ausnahmslos auf das gesamte Ensemble ausgesprochen werden darf (obschon Gervais als Vater und Fabrikarbeiter nur bedingt überzeugen kann). Es sind diese positiven Aspekte, die CEMETERY JUNCTION nicht zum vollständigen Flop machen, ohne allerdings verhindern zu können, dass Gervais' und Merchants Drama-Komödie letztlich zu den enttäuschendsten Filmen dieses Jahres zu zählen ist. Speziell im Vergleich zu THIS IS ENGLAND, der sich ähnlichen Themen (Rassismus, die unzufriedene Jugend der Arbeiterklasse) weitaus gelungener widmete, auch wenn er den Humor in den Hintergrund stellte. Vielleicht sind also eigentlich wir Cineasten die bemitleidenswerten Wesen. Fallen wir doch bisweilen auf die falschen Filme herein, wo die guten Filme in greifbarer Nähe sind.

DVD.
Bild und Ton sind zufriedenstellend - als Extras warten zwei Audiokommentare mit den Auteuren sowie mit den drei männlichen Jungdarstellern. Ergänzt wird das Bonusmaterial von Entfernten Szenen, zwei Featurettes, Trailern und einem Blooper Reel. Mit Interviews und Making Of wäre das Bild komplett gewesen, so ist es auch beachtlich.








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