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KAPITELWAHL

HARRY BROWN (Großbritannien 2009)

von Stefan Rybkowski

Original Titel. HARRY BROWN
Laufzeit in Minuten. 90

Regie. DANIEL BARBER
Drehbuch. GARY YOUNG
Musik. RUTH BARRETT . MARTIN PHIPPS
Kamera. MARTIN RUHE
Schnitt. JOE WALKER
Darsteller. MICHAEL CAINE . EMILY MORTIMER . BEN DREW . DAVID BRADLEY u.a.

Review Datum. 2010-10-04
Erscheinungsdatum. 2010-10-21
Vertrieb. ASCOT ELITE

Bildformat. 2.35:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DTS/DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Charles Bronson hat es 1974 vorgemacht, Michael Caine begibt sich 2009 in seine Fußstapfen, dazwischen: ein ganzes Subgenre, das sich dem vigilante und dessen Selbstjustiz annimmt. Dabei ist das Muster im Prinzip immer gleich: einem eigentlich friedlichen Mann widerfährt etwas Schreckliches, er verliert einen geliebten Menschen oder wird selbst zum Opfer von Gewalt. Aus dem einst gesetzestreuen Mann - oder in manchen Fällen auch der gesetzestreuen Frau - wird ein eiskalter Rächer, der das Gesetz fortan selbst in die Hand nimmt und dabei nicht selten auf Sympathisanten trifft. Exakt so verhält es sich auch in Daniel Barbers Spielfilmdebüt HARRY BROWN, in dem niemand Geringeres als Sir Michael Caine die titelgebende Hauptrolle gibt. War Bronson im fünften DEATH WISH-Teil bereits 73 Jahre alt, ist Caine hier stolze 76 Jahre alt. Das klingt ziemlich stark nach einer Rentnerversion von EIN MANN SIEHT ROT, ist aber nahezu das Gegenteil: drang die unfreiwillige Komik oder gar Ironie in den vigilante-Filmen immer wieder an die Oberfläche - eines der Highlights ist hier sicherlich DEATH WISH 3 -, so fehlt diese in Barbers Film vollständig. Stattdessen zeichnet sein Film ein ziemlich tristes, ja hoffnungsloses Bild von Londons Stadtvierteln, in denen Gewalt an der Tagesordnung steht. London befindet sich fest im Griff von Drogen und Jugendgangs, die vor keiner Tat zurückschrecken - zumal die Polizei meist nur als hilfloser Beobachter agiert.

Ähnlich wie in EDEN LAKE, der ein ähnlich dunkles Bild von Londons Elendsvierteln zeichnet, zelebrieren die Jugendlichen ihre Taten dabei mit Hilfe von Handyvideos, die die schrecklichen Taten dokumentieren. Gleich zu Beginn wird der Zuschauer Zeuge einer Mutprobe, die via Cam festgehalten wird und an deren Ende mehrere Tote stehen. HARRY BROWN wirft uns damit direkt ins Geschehen, macht keine Gefangenen und tangiert dabei eine Thematik, die aktueller und politischer kaum sein könnte. Dabei geht die Gewalt auch hier einmal mehr von der jugendlichen Unterschicht aus, die hoffnungs- und ziellos durch Unterführungen jagt, in die sich nicht nur Harry Brown schon lange nicht mehr traut. Die jungen Kriminellen sprechen Dialekt, haben ein zerrüttetes Zuhause und, so scheint es, finden einzig in der Herabwürdigung anderer Befriedigung. Dementgegen steht Harry, der einem geregelten Tagesablauf nachgeht, Anzug trägt und seinem Land als Royal Marine gedient hat. Alles in allem ein Vorzeigebürger, der Kontrast könnte größer nicht sein. Rät er seinem Freund Leonard (David Bradley) nach einigen bösen Scherzen der Jugendlichen noch zur Polizei zu gehen statt auf Gegengewalt zu setzen, schwenkt seine Haltung nach und nach um - und das, obwohl er der Gewalt eigentlich abgeschworen hatte. Harry redet nicht gern über seine Vergangenheit als Soldat, wir erfahren nicht einmal, in welchem Krieg er gekämpft hat.

HARRY BROWN ist dennoch alles andere als subtil, im Gegenteil. Ein gewisser Pessimismus wird immer wieder deutlich; die Farben, in die Martin Ruhe seine teils elegischen Bilder hüllt, sind dunkel, trist und vor allem schmutzig. Manchmal könnte man fast meinen, dass hier ein post-apokalyptisches London zu sehen ist, und nicht etwa das London des Jahres 2009. Es bedarf erst eines Pensionärs, dass die Polizei auf die Lage aufmerksam wird und handelt. Auch wenn sie (viel zu spät) massive Präsenz zeigt, so macht Barber dennoch deutlich, dass sie versagt hat, ihr Eingreifen ist kein Durchgreifen, auch wenn der Superintendent (Iain Glen) am Ende von einer Null-Toleranz-Politik spricht und von einem vigilante nichts wissen will. Brown werden aber auch zwei Sympathisanten zur Seite gestellt, die sich erst später als solche entpuppen sollen. "He's doing us a favour, if you're asking me!", meint einer der Cops (Charlie Creed-Miles), während seine Chefin (Emily Mortimer) ihn ungläubig anschaut. Es wird jedoch noch viel Schreckliches passieren, und so soll sich auch ihre Haltung um 180 Grad drehen. HARRY BROWN bezieht vor allem gegen Ende hin deutlich Stellung: er suggeriert nicht etwa, dass Gewalt stets Gegengewalt erzeugt und daher keine Lösung ist (wie viele andere Vertreter), sondern dass man für die Gerechtigkeit und seinen Frieden kämpfen muss - egal wie viele Opfer es fordert. Dabei ist der Film dann auch so konstruiert, dass er eben gerade Helden kreiert, mit denen man sich identifizieren kann. Harry ist hier nicht unbedingt der klassische Anti-Held, auch wenn er bisweilen einen Ansatz von Kaltblütigkeit präsentiert.

Irgendwann erwähnt der Film dann sogar noch Nordirland, ein noch immer ziemlich heißes Eisen für die Briten, um endgültig Stellung zu nehmen. Dies ist dennoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denn sobald der Abspann beginnt - der ebenso nüchtern wie der Vorspann daherkommt -, wird eines endgültig klar: HARRY BROWN ist kein Spaß- oder Popcornfilm mit einem fast 80-jährigen, mordenden Michael Caine. Es ist vielmehr ein politisches Manifest, das der Polizei und Politik ein deutliches Signal senden möchte. Dass Sir Michael Caine, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der britischen Popkultur, dabei die Galionsfigur mimt, ist alles andere als Zufall. HARRY BROWN ist der EIN MANN SIEHT ROT der 21. Jahrhundert - und nicht wenige dürften auch ihm Reaktionismus oder gar Faschismus vorwerfen.

DVD.
Die DVD ist ziemlich gelungen. Leider liegt nur die deutsche Synchronisation auch in dts vor, aber auch der Dolby Digital-Track der englischen Originalfassung kann sich hören lassen. Martin Ruhes Bilder sind dunkel und dreckig, was also nicht etwa einer schlechten Bildqualität zuzuschreiben wäre. Extras finden sich außer ein paar Interviews und Trailer leider keine - das nicht einmal einminütige Making-Of kann man nämlich nicht gerade als Extra zählen.








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