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KAPITELWAHL

BATHORY - DIE BLUTGRÄFIN (Großbritannien/Slowakei/Tschechische Republik 2008)

von Michel Opdenplatz

Original Titel. BATHORY
Laufzeit in Minuten. 134

Regie. JURAJ JAKUBISKO
Drehbuch. JURAJ JAKUBISKO . JOHN PAUL CHAPPLE
Musik. SIMON BOSWELL
Kamera. JÁN DURIS
Schnitt. CHRIS BLUNDEN
Darsteller. ANNA FRIEL . KAREL RODEN . VINCENT REGAN . HANS MATHESON u.a.

Review Datum. 2010-09-05
Erscheinungsdatum. 2010-06-10
Vertrieb. EUROVIDEO

Bildformat. 2.35:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1/DD 2.0) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Erzsébet Báthory: "Die Blutgräfin", "Countess Dracula" und ähnlich charmante Beinamen hat man dieser realhistorischen ungarischen Adeligen aus dem späten sechzehnten Jahrhundert verpasst. Wem sie aus diversen anderen stofflichen Verarbeitungen ihres Lebens ein Begriff ist, der kennt sie noch heute zumeist als eine der notorischsten Massenmörderinnen der Geschichte. Diesen Ruf postuliert auch BATHORY - DIE BLUTGRÄFIN des ungarischen Regiesseurs Juraj Jakubisko in seinem Titel und in der Aufmachung des DVD-Covers, das die junge Gräfin blutbeträufelt vor organischrotem Hintergrund zeigt. Doch dann legt man diese DVD ein, und es kommt alles ganz anders.

Anna Friel (bekannt aus PUSHING DAISIES) spielt Bathory - in jeder Facette von erotischer Verführung bis hin zu abgrundtiefem Wahnsinn glänzend - als Politikerin ihrer Zeit, verstrickt in Intrigen und selbst diverse Intrigen spinnend. Der Film präsentiert ihr Leben in drei Teilen, nach ihren bedeutenden Beziehungen gegliedert, von einem gewissen Maler namens Merisi (Hans Matheson) über die Heilkundige Darvulia (Deana Horváthová) bis hin zu ihrem erbitterten Rivalen Graf Juraj Thurzo (Karel Roden). Die genaue Handlung nachzuzeichnen, würde zu viel vorwegnehmen und den Genuss des Films definitiv zerstören. Dementsprechend sei nur auf ausgewählte Punkte hingewiesen:
Viel Blut wird durchaus vergossen, und nicht wenige Szenen sind körperlich schmerzhafter, harter Tobak, wie diese organische Geschichte selbst. In jedem Bild lauert die Inkarnation des Todes, die auch aus den Gemälden des besagten Malers bekannt ist: Trommler, Tierschädel, Schlangen, verlöschende Kerzen. Die Optik bietet von Einstellung zu Einstellung immer wieder neue Suchbilder; der Zuschauer kann gar nicht anders, als sie nach Symbolen zu durchforsten. Die Schnitte sind fließend, Feuerfunken gleichen Schneeflocken, die wiederum nicht zu unterscheiden sind von den Sternen am Himmel. Bathory als Figur wirkt getrieben, nur in Verbindung mit anderen vollständig: mit ihrer Umgebung, mit ihrem Hofstaat, mit ihren Verwandten, Geliebten und Gehassten. Die Protagonistin bildet das unbestreitbare strahlende Zentrum, das vom Planetensystem der Handlung umkreist wird. Selbst die Existenz ihrer Diener und der Musikanten, die sie allgegenwärtig umgeben, mutet in ihrer clever genutzten Klischiertheit weder realer noch traumhafter an als die zwischengeschnittenen farbmetaphorsichen Sequenzen, welche die Gräfin in schillerndem Weiß oder badend in einem Meer aus blauen Rosen zeigen. Bathory selbst sagt, als sie dem Wahnsinn verfällt: "Ich unterscheide nicht mehr Traum von der Wirklichkeit." Diese Episode ihres Lebens wird dem Zuschauer nicht nur gezeigt, sondern er erlebt sie. Nicht zuletzt ihre totenbleiche Schlafmaske ist dabei stellvertretend für ihre vielen Gesichter. Hat der Film den Rezipienten bis dorthin schon in Ungewissheit zwischen Realität und Fiktion treiben lassen, so wird hier das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung noch einmal stärker verunsichert: Was habe ich gerade gesehen? Wer ist Bathory eigentlich? Wer kann wem noch trauen? Man möchte zurückspulen, die Szenen noch einmal sehen, doch zugleich weiß man, dass es ein Sakrileg wäre, den Fluss dieser Bilder zu unterbrechen.
Denn das Schauspiel ist nicht inszeniert, es ist choreografiert. Wie ein perfekt aufeinander eingespieltes Tänzerpaar wirken Bathory und Thurzo in einer Szene, die damit beginnt, dass er ihr die Türe versperren lässt, und die endet, indem sie ihm ins Gesicht spuckt, wie man selten eine Figur auf der Leinwand hat spucken sehen. Ferner geizt die Handlung nicht mit überraschenden, aber niemals zu überspannten Wendungen, wodurch die mehr als zweistündige Länge des Films absolut nicht negativ ins Gewicht fällt. Im Gegenteil, denn erst durch diesen Freiraum kann sich die originelle Vielfalt der Erzählung entwickeln: Abgesandte Mönche der strengkatholischen Kirche entpuppen sich als Verfechter des technischen Fortschritts und kompromisslose Verbündete; mit den Blutbädern der Gräfin hat es eine Bewandtnis, die in ihrer Banalität schon wieder genial ist; noch nicht einmal die als unschuldiger Märchenerzähler daherkommende Stimme aus dem Off bleibt statisch sondern fließt in die Handlung mit ein; und am Ende offenbart so manche Figur Gefühle, die man die ganze Zeit über eifrig zu ergründen versucht hat und doch immer haarscharf daneben lag.
Neben Anna Friel gehr die zweite schauspielerische Glanzleistung in diesem durchweg gut besetzten Film auf das Konto Hans Mathesons: Sein Merisi malt nicht nur Bilder, er malt Bilder in Bildern und verliert sich selbst in ihnen. Wenn, dann ist er derjenige, der versucht, die Zeit zum Stillstand zu bringen, Momente zu bannen - und er scheitert daran kolossal, ohne es zu merken, sodass später Bathory resigniert an seiner Stelle die Feststellung treffen muss, dass auch (oder gerade) die Kunst nicht unsterblich ist: "Nichts hält ewig, Merisi."

Diese Geschichte lockt gekonnt mit ihrer Blutrünstigkeit, und dieses Versprechen hält sie auch ein. Doch sie geht weit darüber hinaus: BATHORY - DIE BLUTGRÄFIN ist ein virtuoser Kunstfilm, was ironischerweise zugleich als einziger Kritikpunkt anzuführen sein könnte: Kein Film für zwischendurch, keine leichte Kost, durchaus potentiell anstrengend, wenn man nicht gewillt ist, sich auf die bildspielerische Machart einzulassen. Das allerdings liegt eher in der Hand - oder im Auge - des Betrachters und tut diesem frischen Blick auf einen nur scheinbar altbackene Gruselstoff in keinerlei Hinsicht einen Abbruch.

DVD.
Bild und Ton sind einwandfrei, und dafür, dass es sich bei der DVD nicht um eine Special Edition oder ähnliches handelt, ist Angebot an Extras durchaus zufriedenstellend: Ein unterhaltsames Making-Of, zwei Trailer, das Musikvideo zum Titelsong des Films und eine Bildergalerie, die mit Postern immerhin ein wenig über die üblichen Filmstandbilder hinausgeht.








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