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KAPITELWAHL

UWE SCHRADER EDITION (Deutschland 1984-1992)

von Björn Lahrmann

Original Titel. UWE SCHRADER EDITION
Laufzeit in Minuten. 232

Regie. UWE SCHRADER
Drehbuch. UWE SCHRADER . DANIEL DUBBE . KLAUS MÜLLER-LAUE
Musik. BÜLENT ERSOY
Kamera. KLAUS MÜLLER-LAUE . PETER GAUHE . MARTIN LIPP
Schnitt. KLAUS MÜLLER-LAUE
Darsteller. PETER FRANKE . BRIGITTE JANNER . CHRISTIAN REDL . ANN-GISEL GLASS u.a.

Review Datum. 2010-08-31
Erscheinungsdatum. 2010-08-19
Vertrieb. ARTHAUS/KINOWELT HOME ENTERTAINMENT

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
1987 - im Jahr, als Uwe Schrader seinen zweiten Spielfilm fertigstellte - verfasste die angesehene Spiegel-Autorin Marie-Luise Scherer eine Reportage titels "Der unheimliche Ort Berlin". Es ging darin um eine Reihe Kreuzberger Todesfälle: Selbstmorde, Überdosen, Gewaltverbrechen. Szenen aus der sozialen Fremde, aufbereitet ohne einen Hauch von Exotismus. Scherers Milieuschilderung, die penibelste Faktenrecherche mit einem geradezu manischen Formwillen verknüpft, ist dabei von falscher Betroffenheit so frei wie von falscher Distanz. Indem sie dem Elend epische Genußfähigkeit zugesteht, verleiht sie ihm eine geradezu erschütternde Transparenz und Schlüssigkeit.

Die Filme von Uwe Schrader - entstanden im bedauernswert kurzen Zeitraum von 1984 bis '92 - bilden zugleich Äquivalent wie Antithese zu Scherers Prosa. Auch er begibt sich im besten Sinne schamlos in städtische Randgebiete: Absturzkneipen, Sex Shops, Würstchenbuden. Schraders Suche gilt dabei aber nicht dem dramatisch zuspitzbaren Ereignis, sondern der kunstlosen Monotonie des vierten oder fünften Bieres, der zufälligen Schönheit im Siff. Sein Personal sind die Leute am Tresen, grobporige Menschen mit lauten, vergorenen Stimmen. Für nötige Fokussierung sorgen meist zwei, drei professionelle Darsteller, die von einer minimalen Rahmenhandlung durch die Lokalitäten geschleift werden. Filme ohne Adjektive, gewissermaßen, erzählt nach einem elliptischen Reihungsprinzip, aus dem sich moralische Thesen nicht ableiten lassen.

Die dreiviertelstündige Doku KEIN MORD, KEIN TOTSCHLAG (1985), von Kinowelt in den DVD-Bonusbereich verbannt, ist in Wahrheit das Herzstück der UWE SCHRADER EDITION. Eine Nacht und einen Tag lang folgt Schrader Polizei und Notdienst auf Einsätzen in Berlin-Wedding. Wie schon sein Debüt aus dem Vorjahr, die derbe Kreuzberg-Ballade KANAKERBRAUT, erinnert auch dieser Film massiv an den frühen Scorsese, mit seinen lebhaft aus der Hand gefilmten, von 16mm rau aufgepumpten Nachtansichten des großstädtischen Hexenkessels. In knappen Momentaufnahmen entfalten sich ganze Biografien: Ein angesoffener Ruhestörer nimmt die Beschlagnahmung seines Ghettoblasters zum Anlass benebelter rechtsphilosophischer Debatten; ein Vater bezeichnet seine verschwundene Tochter mit brutaler Zärtlichkeit als "mein Schrotthaufen".

Schraders Verzicht auf Kommentierung lenkt verstärkte Aussagekraft auf die Montage. Von erschlagender Präzision ist ein Schnitt, der die Eifersuchtsqualen einer Frau - von ihrem Mann passiv überhört, von dessen Geliebter abschätzig kommentiert - mit der Großaufnahme einer Schwangeren kreuzt, die sich soeben aus dem Fenster gestürzt hat. Nichts Reißerisches oder Obszönes ist daran, bloß ein Blick, der stumm Anteil nimmt. Kameramann Klaus Müller-Laue schwenkt bedächtig an der Hausfassade hinauf zur schwarzen Luke, von dort hinab zur abfahrenden Ambulanz: Der Lauf der Dinge als simple Geometrie, unterstrichen von der praktischen Vernunft der Polizisten ("Dit wär doch nich nötig jewesen").

Seine späteren Filme führen Schrader weg von Berlin in die Anonymität des Ruhrgebiets. SIERRA LEONE erzählt von Fred (Christian Redl), der nach drei Jahren aus Afrika in eine vollkommen entfremdete Heimat zurückkehrt; Kontaktaufnahmen mit alten Bekannten scheitern kläglich. In einer billigen Absteige verguckt er sich in die Concierge, ein französisches Mädchen, das gern mit nassen Haaren raucht (Ann-Gisel Glass). Zusammen unternehmen sie einen ziellosen Road Trip. Bundesrepublikanische Wirklichkeit schiebt sich allenthalben vor die skizzenhaften Figuren, in Form von Unox-Konserven, "Ein Herz für Kinder"-Aufklebern und Schlagern, die aus Jukeboxen dröhnen. Der Film gipfelt in einem der schönsten deutschen Kino-Enden, das sich mit einem virtuosen Doppelzitat - VERTIGO meets FIVE EASY PIECES - lakonisch dem Erbe von New Hollywood entzieht.

Nach der Wende geriet Schraders unbefangen dokumentarischer Ansatz mit dem herrschenden Kinoklima zunehmend in Konflikt. Als 1992 seine letzte Regiearbeit MAU MAU erschien, bot die Unterschicht allerhöchstens noch Stoff für überhebliche Ergötzung in Form von scheinseriösen Sozialdramen und Blödelkomödien. Bei Schrader hingegen ist die einzig groteske Figur ein religiös fanatischer Mäzen, der den titelgebenden Stripclub vor dem Ruin bewahren will. Mit leichten Gesten vollzieht der Film einen Abgesang auf Ganovenehre und Hurenzärtlichkeit - ganz im Gegensatz zu den mythisch überblasenen Epen des alten Vorbilds Scorsese, die etwa zeitgleich die Kinos füllten. Schrader, dessen Filme weitgehend ohne öffentliche Gelder ausgekommen waren, ging danach selber in die Fördergremien und Hochschulen. Es wäre an der Zeit für ihn, sein reiches, schmales Werk endlich fortzuführen.

DVD.
Das überarbeitete Bild ist dem Ursprungsmaterial angemessen. Angesichts des eher verwaschenen Mono-Tons wären Untertitel - zumal für den internationalen Markt - wünschenswert gewesen. Bis auf MAU MAU gibt es zu allen Filmen kurze Interview-Snippets oder Drehberichte aus der Entstehungszeit, dazu Trailer, Fotoserien und zeitgenössische Filmkritiken.








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